Des Lahmarschs neue Kleider

Gestern morgen bin ich über einen Blog-Kommentar gestolpert, in dem eine Lauf-Anfängerin verschämt anmerkte dass sie sich beim Tragen von allzu sportiven High-End-Funktionsfasertights und -shirts regelrecht geniert, weil sie doch so foschtbar langsam sei und auch gar keine richtige Läuferin und überhaupt…

Auch wenn mein Großhirn sofort ein kopfschüttelndes “Watt’n Blödsinn!” entsendete, ist bzw. war mir so eine Denkweise nicht gänzlich unbekannt. Als ich vor knapp 13 Jahren meine ersten Jöggel-Schrittchen im Schutze des heimischen Forsts gewagt habe, waren “richtige” Jogger (also jene, die mit Startnummern auf’m Bauch bei “10 km-Marathons” mitrennen und dann bollerwagenweise Pokale nach Hause karren) in meinen ehrfürchtigen, schweissdurchtränkten Augen sowas wie unnahbare Wesen von einem anderen Stern – also, so “richtige” Sportler eben, in so “richtigen” strumpfhosenartigen Sportlerhosen und gemeshten Sportlershirts. Lange Zeit bin ich schwitzend und triefend in meiner ausgebeulten Baumwolljoggingbüxe Marke “Kratzt-inne-Achselhöhlen” und einem verwaschenen Ramones-Shirt durch den Wald geschlurft und fand mich der professionellen Funktionsfaser unwürdig. In den Baumwollbuxen-Staub mit dir, unwürdiges Lahmarsch-Schlurferlein!

Meine allererste Dreivierteltight ergatterte ich bei “Sportshop Aldi” und genierte mich fast 2 Wochen lang, bis ich das zartglänzende Teilchen zum ersten Mal auf die Laufstrecke ausführte – derart athletisch gewandet fühlte ich mich mit meiner 8-Minuten-Pace fast wie ein Betrüger. Allerdings – das Funktionsfaserbeinkleid war deutlich bequemer als meine Achselhose aus Sweatshirtstoff und hing bei Schweissfeuchte auch nicht unangenehm sackig an den Extremitäten. Nachdem ich beim örtlichen 4 km-Jedermannslauf (fürs Protokoll: Ich wurde Letzte. Hinter einer ca. 80-jährigen Schwergewichtsmatrone, die ich partout in der Zielgerade wg. drohendem Nahetod-Erlebnis nicht mehr überholen konnte) meine allererste eigene Startnummer auf dem Bauch spazierengetragen habe, fühlte ich mich der Laufgemeinschaft ohnehin doch ein klitzekleines bißchen zugehöriger und somit der Athletenkleidung einen Hauch würdiger – auch wenn ich immernoch verschreckt zusammenzuckte, wenn sich in den einschlägigen Laufforen von arroganten Superläufern über die “Pfeifen” die “vollausgerüstet, aber im Wandertempo” durch die “Wälder hecheln” lustig gemacht wurde. (Heute würde ich zu solchen Beiträgen bloss ein hirneigenes “Wichtigtuerischer Vollpfosten!” absondern und wegen so ‘nen Scheiss keine weitere Sekunde Gedankenzeit verschwenden, aber wie gesagt…”richtige Läufer”…”unnahbare Superwesen”…und ich sach’ noch…)

IMG-20140823-WA0014Nach beinahe 13 Läuferinnen-Lenzen auf dem Buckel hat sich zwar am Tempo nix nennenswert geändert, wohl aber an der Einstellung. Generell habe ich mir ohnehin eine gewisse Woschtigkeit (abgeleitet von “Iss mir woscht!”) bezüglich der Meinung meiner Mitmenschen über meine Person angeeignet und denke eigentlich kaum bis gar nicht darüber nach, ob ich mich mit meinem Verhalten/Klamotten/Meinungen nun lächerlich machen könnte. Aus diesem Grund ist es mir also ohnehin schon mal wumpe, ob ich in den Augen der gestrengen Experten als gemütliche Laufschlenderine stylish-professionelle Athletenkleidung tragen “darf” oder nicht.

Und wenn man’s mal in einem anderen Licht betrachtet, dann ist das Tragen hübsch-bunter Bekleidung gerade von uns lahmen Laufradiergummis ein ganz schön feiner Zug:

Diese wieselflinken Laufraketen an den Spitzen der Volksläufe oder die Speed-Platzhirsche im heimischen Forst rasen ja meistens schneller vorbei, als das Publikums-Auge sie packen kann – die könnten also eigentlich Sack und Asche, Lumpen oder gleich überhaupt nix am Leib tragen. Sieht ja ohnehin keiner.

De1491715_650066351714743_3705793365042145884_nm Anblick der Lahmarsch-Fraktion unter den Läufern ist der Blick der Spaziergänger oder der Zuschauer nun aber deutlich länger ausgesetzt – also ist es doch geradezu edelmütig von uns, ebenjenen Guckerchen durch hübsch-bunte, augeschmeichelnde Kleidung ein Wohlgefallen zu sein und sie nicht durch den Anblick farblos-labbernder Joggingbuxen und gräulich-ausgeblichenen Baumwollshirts zu quälen.

So kann man das ruhig auch mal betrachten.
Find ich.


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Fotografen Ralf Jaeger u. Sigi Bullig

14 thoughts on “Des Lahmarschs neue Kleider

  1. Frau Fröhlich

    Huhuuuuuu 🙂

    Gaaaaanz lieben Dank für meine Wunscherfüllung *freu*. Werde ich jetzt direkt mal testen *ggg*.

    Zum Post … ja, so hat jeder seine “Problemchen”. Und meistens sind sie für andere ganz unverständlich. Gehöre übrigens auch zum Kreis der “Ist mir Wurscht-Menschen”. Erst heute habe ich mal wieder der Länge nach desöfteren mit der Kamera flach im Waldmatsch gelegen, als Leute vorbei kamen *ggg*. Die haben garantiert gedacht, ich hab nicht alle Latten am Zaun. Egal, fürs Foto musste das sein. 😉

    Jedem das seine halt. Und das gilt auch für die Klamotten. Hauptsache für einen selbst gut und bequem, egal was wer denkt. 🙂

    LG Frauke

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  2. Bianca

    Liebe Daniela,
    an diese Zeiten kann ich mich auch noch gut erinnern. Ich bin auch in einer Uraltjogginghose mit normalen T-Shirts und Walkingschuhen gestartet. Und gelaufen bin ich vorzugsweise gaaaanz früh am Morgen, damit mich bloß keiner sehen konnte. Auch wegen der Langsamkeit – sowas von peinlich. Heute ist mir das schnurzpiepegal – ich mach sogar Gehpausen in aller Öffentlichkeit, wenn mir danach ist. 😉
    Und Kleidung lasse ich mir mal gar nicht vorschreiben. Sooo ausgefallen ist die allerdings trotzdem bei mir nicht.
    Liebe Grüße
    Bianca

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  3. Blumenmond

    Rabäh…. Kommentar weg. Also noch mal neu in Kürze:

    Ist es das Alter oder die Gewöhnung? Keine Ahnung, ich hab mir wohl über sowas auch früher Gedanken gemacht. Schnell geworden bin ich auch nie aber ich schlüpfe wie selbstverständlich in meine Hochleistungssportklamotten und die Ultraschuhe. Altersweise, wir werden altersweise…

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  4. Heike

    Hach, Du sprichst mir aus dem Herzen. So hab ich mir doch extra für meinen Neustart ins Läuferleben ein paar bunte, äussert kleidsame Stöffchen aus Argentinien mit eingeflogen. DAS ist auch Motivation. Wer will sich schon langfristig in schönen Sachen fühlen wie eine Kartoffel auf´m Osterausflug?

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  5. Anne

    Hallo Daniela,

    wieder mal wunderbar beobachtet und köstlich geschrieben. Ich gebe Elke recht, ich glaube, kaum ein Mann würde sich solche Gedanken machen. Außerdem finde ich: Gerade wir langsameren LäuferInnen sollten doch von der Laufbekleidungsindustrie gesponsert werden – schließlich bieten wir den ZuschauerInnen am Rande quasi eine Modenschau, wenn wir gemütlich auf sie zu und an ihnen vorbeitrotten. 😉

    Viele Grüße,
    Anne

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Wenn ich vorbeizockele, hat der Zuschauer sogar noch Zeit, den aufgedruckten Firmennamen zu lesen. Ich werd’ mal Nike und Odlo anschreiben, damit sie uns eine schicke Kollektion sponsern – das muss denen doch einleuchten 😉

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  6. Elke

    Liebe Daniela,
    ich musste ziemlich grinsen bei Deinem Post und erinnerte mich an frühe eigene ähnliche Gedanken, die ich mir aber bald abgewöhnt habe. Ich glaube, das ist mal wieder frauentypisch.
    Würde ein Kerl so denken? Nö.
    Ist jemals ein Fahranfänger auf die Idee gekommen, dass er am Anfang nur ein graues Auto fahren dürfte? Nö.
    Soll doch jeder tragen worin er sich wohlfühlt, wo kämen wir denn sonst hin?
    Liebe Grüße
    Elke

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  7. Christian

    Liebe Daniela,

    im Alltag lass ich mir auch nicht vorschreiben, was ich anziehe….noch weniger sollte das irgendjemand beim Laufen zulassen. Ich sehe immer wieder einen sehr kräftig gebauten jüngeren Mann am Waldrand mit Baumwollausrüstung laufen, falsch, ich rieche ihn schon bevor ich ihn sehe. dem würde ich nun wirklich Funktionskleidung empfehlen 🙂
    Deine Konklusion gefällt mir übrigens sehr gut, die Langsamen müssen sich extra chic und professionell anziehen, könnte mein nächstes Argument sein, wenn ich mal wieder was Neues brauche 😉

    Salut und immer schön woschtig bleiben
    Christian

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Puh – also wenn man jemanden an der frischen Luft schon am Geruch erkennt, ist vielleicht auch erst mal ‘ne Dusche bzw. Waschmaschine nötiger als Funktionskleidung 😉

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Blöderweise finde ich den Kommentar nicht wieder – der ist mir so beim entspannten Durch-die-Blogs-Schmökern untergekommen und mein Hirn hat nicht gespeichert, in welchem Blog das war.
      Aber ich suche weiter 😉

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