Der Ruf der Kettensäge

Samstagmorgen, irgendwo in Neuwiedropolis: Einträchtig schweigend sitzen der Herzmann und ich auf der Holzbank im Garten, starren dem Dampf aus unseren Kaffeepötten hinterher und lassen uns von den ersten Sonnenstrahlen Sommersprossen auf die Nase braten. Die Miezenschaft räkelt sich wohlig unter Absingen wohliger Schnurr-Choräle auf dem warmen Holz der Terrasse, die Gänseblümchen öffnen zögerlich ihre taubenetzen Blütenköpfe und…der Nachbar von gegenüber reißt mit Schmackes den Rolladen hoch, trampelt polternd auf seinen Balkon und plärrt über zwei Grundstücksgrenzen hinweg ein markiges “Jemorje! (rheinländisch für “Guten Morgen”, Anm. d. Red.)” durch die Stille. Der angebrüllte Raucher im Garten nebenan kontert mit einem nicht minder lautstarken “Unn? Alles joot?” – und schon ist Essig mit der frühmorgendlichen Beschaulichkeit. Ist aber nicht so richtig schlimm – schließlich will ich gleich Wandern gehen, um Wald gibt’s ja nicht nur koa Sünd, sondern auch Ruhe vor humaner Lärmabsonderung. Juppheidi.

Auf dem Weg zum Waldparkplatz werden wir von einem schaukelnden Planwagen vollgestopft mit gröhlendem Jungtestosteron ausgebremst, welches uns glasigen Blickes mit seinen Bierflaschen zuwinkt. “Watt für Hackfressen. Ich glaub ich muss kotzen.” brummele ich vor mich hin und der Herzmann bescheinigt mir grinsend eine extraordinäre Menschenfeindlichkeit. Aber iss doch wahr. Muss man denn am frühen Morgen schon so scheiße sein?

Flotten Fußes entschwinde ich aus dem Herzmann-Taxi, schlage ich mich ins Unterholz und schnuppere Frühlingsluft. In den vergangenen Tagen hat der Lenz wirklich ganze Arbeit geleistet und einen entzückenden Blümchenteppich ums Gewässer ausgelegt. Motiviert marschiere ich durch den frisch ergrünten Forst und geniesse die Stille, bis….”Mrrrröööööööööömm!” – 3 orange-bewestete Forstarbeiter sich mittels Motorsägen damit abmühen, unseren schönen Wald in seine Einzelteile zu zerlegen. Hmpf. Ich blecke die obere Zahnreihe und grüße heiter-bis-wolkig.
100 Meter das gleiche Bild nebst dazugehöriger Soundkulisse….”Mrrrrröööömm!”
Mann, Mann, Mann. So was das aber nicht bestellt, hier.

Mit grimmiger Entschlossenheit mich hier und heute aber verdammt nochmal to!-tal! zu entspannen stapfe ich weiter. Und das mit der Entspannung gelingt mir sogar mindestens 5 Minuten lang, bis…”Pröttpröttprött!” Leicht schaukelnd nähert sich ebenjener bierselige Planwagen, dessen Anblick mich schon auf der Hinfahrt mit Widerwillen erfüllt hat. Och nö. Ich trete zur Seite um den tuckelnden Trecker mit seiner johlenden Fracht vorbeizulassen. Die Fracht gröhlt und winkt mir zu und ich winke huldvoll zurück.
Ja, fein macht ihr das, feeeeein!
Ihr könnt wirklich alle gaaaanz super Trinki-Trinki machen.
Und so VIEL.
Und so FRÜH.
Respekt.

kettensaegeDas Treckergeräusch ebbt langsam ab und ich marschiere bergan. Die Frühlingssonne hat sich schüchtern hinter einer Wolkendecke versteckt und langsam zieht ein Windchen auf, das penetrant an meinem dünnen Funktionshemdchen zupft. Dieser Tag verläuft aber alles andere als planmässig, das muss ich aber jetzt schon mal höchstkonsterniert anmerken, hier.

Eine kurze Weile später biege ich nichtsahnend um eine Kurve und blicke geradewegs in vier bleiche Vollmonde – hier sind gerade 4 Damen mit der Nutzung der Waldtoilette beschäftigt. Ja, da jubiliert doch die Netzhaut. Hmpf. Es folgt aufgeschreckt-kicherndes “Huch!” und “Hihi!” und hektisches Wieder-Bedecken der Bäckchen. Ein Stückchen weiter auf dem Weg wartet der vermaledeite Planwagen auf die 4 leicht-lallenden, aber merklich erleichterten Pissnelken und begrüsst die verlorenen Töchter mit lautstarkem Gejohle.

Da bekanntermassen nur aller GUTEN Dinge 3 sind, schlage ich mich zur Vermeidung einer dritten Begegnung mit dem Partymobil ins Unterholz – auf schmalstem Singletrail bin ich wohl vor breiten Traktorreifen sicher. Allerdings nicht vor…”Mrrrrrömm!” – man ahnt es schon. Motorsägen. Alter Schwede. Schlüpfen die Dinger im April alle aus ihren Eiern oder watt?!

Als der frische Wind sich zusätzlich noch mit kühlen Nieselregen garniert, streiche ich die Segel und rufe meinen Telefonjoker an, der sich alsbald am nächstmöglichen Waldplarkplatz einfindet, um mich mitsamt meiner schlechten Laune einzusammeln und ins traute Heim zu chauffieren. Und wenn ich im Wohnzimmer jemanden mit ‘ner Kettensäge erwische, dann setzt’s was. Echt jetzt.

Nachtrag – Die Wanderung am Folgetag hat mir den vermurksten Samstag dankenswerterweise doppelt und dreifach mit Wandersfrauen-Glückseligkeit zurückgezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Oder gar nicht.

25 Gedanken zu „Der Ruf der Kettensäge

  1. Pingback: Hunger, Durst und Tollwut – oder “Ein perfekter Frühlingstag!”mohrblog | mohrblog

  2. Marlene

    Ist bei uns im Moment auch so 🙁
    Anscheinend müssen alle Männchen in der Siedlung ihre laut brüllenden Gartengeräte aus dem Winterschlaf wecken. Die wurden bestimmt schon ganz kribbelig weil der Frühling sich hat Zeit gelassen 😉 Wenn keine Motorsäge rattert, dann brummt ein Hochdruckreiniger …

    Irgendwann, jaaaaa irgendwann packt es mich mal und ich mähe an einem Samstag um 7 Uhr unseren Rasen, schade das er nicht gerade groß ist (dann jedenfalls) und hoffentlich ist dann etwas mit dem Motor, das er nur so vor sich hin hustet!

    LG
    Marlene

  3. Runningbirki

    Entschuldige bitte, aber ich hatte großen Spaß bei deiner Erzähleeise.
    Du kannst ha wirklich noch froh sein das es sich um junge Vollmonde handelt.e..
    Nicht auszumalen wenn du in knittrige …. Geschaut hättest,
    Dazu die Kettensägen… Man man man,
    da äre ich vermutlich auch höchstgradi aggresiv umgedreht…

    Es gibt sie, dirse Tage….

    Herzlichst Birki , die jetzt vermutlich öfter mal vorbeischaut bei dir

  4. Terragina

    Hallo Daniela,

    auch wenn der Link, der bei Deinen Kommentaren bei mir ins Leere führt – nun habe ich Deinen Blog gefunden und gleich mal Deine Wald-Geschichte gelesen. Ihr Ärmsten, manchmal kommt aber wirklich alles auf einmal. 🙁 Aber wenigstens konntet Ihr dann den Sonntag richtig geniessen.

    Liebe Grüße zu Dir von Kerstin

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ja, die Tücken der Technik – freut mich, dass du trotzdem den Weg zu mir gefunden hast 😉
      Der Folgesonntag war absolut perfekt – von daher will ich den Göttern nochmal huldvoll den vermurksten Samstag verzeihen.

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich glaube, es ist auch weitaus angenehmer, von den Motorsägen daheim im Sessel zu lesen als sich live davon beschallen zu lassen. Von daher – gerne geschehen 😉

    1. mohrblog Beitragsautor

      Von mir aus hätte er stattdessen aber gerne ‘ne Zeitmaschine erfinden können oder Schokolade, die sich selbst vervielfacht. So ‘ne Kack-Law braucht doch kein Mensch 😉

  5. Anne

    Es gibt Tage, da bleibt man besser im Bett …. oder so ähnlich. zum Glück ist die Zeit der Kettensägenmassaker irgendwann vorbei, allerdings nur, um durch die Rasenmähersaison abgelöst zu werden. Aber die findet zum Glück nicht im Wald statt …

    1. mohrblog Beitragsautor

      Im-Bett-Bleiben hätte nix genützt, weil der Nachbar von nebenan bei plärrend lautem Radio seinen Zaun gestricht hat. Hach, es ist ein Kreuz mit der Mit-Menschheit 😉

  6. Volker

    Arrrrgggghhh, Du hast gerade eine verschüttet geglaubtes Kindheitstrauma in mir wieder ausgegraben.

    Da ich auf dem Lande groß geworden bin, hörte ich am Wochenende IMMER irgendwo mindestens Motorsäge. Ich HASSE den Sound von Motorsägen, der macht mich AGGRESSIV!!!!

    Dagegen sind Vierfachvollmonde und Partytraktoren Kinkerlitzchen.

    Aber ganz nebenbei: Ich habe wieder Tränen gelacht, nimms mir Deiner schlechten Laune an dem Tag wegen bitte nicht übel 😀

    Liebe Grüße
    Volker

    1. mohrblog Beitragsautor

      Na, dafür dich gerade jetzt zum Lachen bringen zu können nehme ich doch gerne die Jungmädchen-Ärsche und die Motorsägen in Kauf – freut mich 😉

  7. Frau Fröhlich

    Nääää, wat ätzend ! So stellt man sich seinen Spaziergang ja vor. 🙁
    Bei Planwagen und Junggesellen fällt mir ein, dass wir ja in 3 Wochen schon den 30. April haben … ich freu mich ja schon so auf eine laute Nacht Dank Maibaum stellenden, besoffenen Junggesellen *örgs*

    Aber ich darf mich nicht beklagen … so ist das Leben in dörflicher Umgebung halt. 🙂

    LG Frauke

    1. mohrblog Beitragsautor

      Zum Glück bleiben mir in unserem Vorstadt-Ghetto zumindest die Maibaum-Jungs erspart. Hier werden Maibäume wahrscheinlich virtuell auf Facebook gestellt mit “Ey,Schantall, isch lieb dir!”

      Aber das passiert zumindest lautlos 😉

  8. Elke

    Hallo Daniela,
    ja manchmal latscht man von einer Mälaise in die nächste ohne Chance auf Entrinnen…
    Vielleicht hast Du solchen Murks damit für die nächsten Male abgearbeitet? An Vatertag würde ich da aber lieber daheim bleiben…
    Liebe Grüße
    Elke

    1. mohrblog Beitragsautor

      Der Sonntag gestern hat mich tatsächlich komplett entschädigt – trautes Waldheim, Glück allein 😉 Nur die Fuchsjagd-Horde mit bellenden Hundemeuten und galoppierenden Reitern war kurz ein wenig störend…aber irgendwas ist ja immer 😉

      An Vatertag wandern zu gehen wäre vielleicht ein Tip, um Sozialstudien für den Blog zu betreiben… ;))

  9. Christian

    Tja, wenn man Pech hat, hat man einfach Pech…oder so ähnlich 😉

    Da hat es Dich voll erwischt und das einzige was da hilft, ist in der Nacht durch den Wald zu wandern. Ist in meinem Revier leider nicht anders, v.a. die Holzhacker-Fraktion ist wieder sehr geschäftig und verschandelt den Wald nach marktwirtschaftlichen Kriterien (das unterstell ich denen einfach). Zum Glück bin ich meist abseits der Forstautobahnen unterwegs, so dass mich das touristische Gedöns nicht so sehr tangiert.
    Mein Mitleid hast Du auf jeden Fall, auch wenn Dich der Sonntag entschädigt hat 🙂

    Salut

    1. mohrblog Beitragsautor

      Wälder-Zerlegen scheint tatsächlich fast überall in Mode zu sein. Ich versteh’s gar nicht, da wird ein irrsinniger Aufwand betrieben, um unsere Wälder rund um Rheinsteig & Co. zu Touri-Magneten zu machen und gleichzeitig wird alles wieder verschandelt und zersägt.

      Ich muss wohl mal den Bürgermeister verhauen gehen. Nützt ja nix.

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