The first cut is the deepest – Mein erster Volkslauf

Die 24 Stunden am Seilersee sind eingetütet – aber der dazugehörige Bericht muss noch ein Weilchen reifen. Zum Einstimmen gibt’s daher heute einen Bericht aus der Mottenkiste 😉

4 km-Jedermannslauf in Mülheim-Kärlich – 27.06.2003

Am Tag davor:
Tja, der Teufel Alkohol – wäre ich an diesem Abend nicht durch den Genuss eines grossen Bieres in der prallen Sonne ein wenig übermütig geworden, hätte ich den anwesenden Ralf (seines Zeichens erfolgreicher Triathlet und Marathoni) wohl niemals gefragt, ob er mit mir den 4km-Jedermannslauf am nächsten Abend laufen will. Und wie hätte ich denn auch ahnen können, das der Kerl ohne zu Zögern „Ja, klar!“ sagt – da sass ich nun in der Volkslauf-Falle und war’s auch noch selber schuld!
Vor lauter Schreck blitzartig ernüchtert guckte ich mir zu Hause im Internet gleich mal die Ergebnislisten vom letzten Jahr an – watt, nur 13 Frauen? Und die allerallerschlechteste mit ner Zeit von 26,5 Minuten? Panik macht sich breit – DATT SCHAFF ICH NIE!!! Mein absoluter Bestzeitenrekord liegt bei 7,20 Minuten auf einem KM, und zwar MORGENS bei kühlem Wetter, ausgeschlafen und auf meiner gewohnten Strecke! Auf der anderen Seite- schaffen würde ich die 4 km wohl schon irgendwie und die Zeit ist ja eigentlich wurscht. Ausserdem muss ja einer den letzten Platz machen und sowieso muss ich es ja niemandem erzählen.  Außer Ralf und dem Herzmann weiß ja niemand, dass ich an dem Lauf teilnehme. Und dabei bleibt es am besten auch.

Am Tag X alias “Doomsday:
Den ganzen Tag auf der Arbeit verbringe ich damit, nervös auf meinem Schreibtischstuhl hin- und herzurutschen und mir Ausreden zu überlegen, wie ich Ralf absagen könnte. Plötzlicher Anfall von PMS.
Tragischer Auto-Unfall.
Treppensturz.
Mir fällt nix Glaubhaftes ein, dabei halte ich mich ja eigentlich für sehr kreativ. Mittlerweile finde ich den Gedanken, als Letzte ins Ziel zu laufen, ziemlich gruselig und versuche mich abzulenken durch…ähm…ARBEIT, deswegen sitz’ ich ja auch hier, oder?
Mein Telefon klingelt – Ralf teilt mir mit, dass er nach der Arbeit noch was erledigen muss, aber pünktlich zurück sein wird, um mich zum Wettkampf abzuholen. So ein Mist, jetzt ist der auch noch zuverlässig. Da könnte ich ja kotzen.
„Ralf, ich schaff’ das nicht!“ wimmere ich in den Hörer
„Quatsch, ich zieh’ Dich schon, mach’ Dir keine Sorgen, sind ja nur 4 km – bis dann!“
Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!

Ich fahre mit nervös hibbelnden Knie nach Hause. Mensch, da zieht doch ein Gewitter auf. Der Himmel wird schwarz, meine Panik schwindet – beim Gewitter kann man ja wohl nicht laufen, oder? Das wäre äußerst gefährlich und nahezu unverantwortlich. Schade, schade, aber da muss ich dem Ralf wohl absagen. Ich greife zum Handy, wähle die Nummer und verkünde begeistert: „Ralf, hier sieht’s superschlimm aus, das gibt gleich ein Unwetter, wir können wohl nicht laufen!“…Antwort: „Also, ich hab’ mich jetzt extra beeilt, um pünktlich zurück zu sein, jetzt wird auch gelaufen! Und gegen einen Lauf im Regen spricht rein gar nix, das ist schön kühl! Mach’ Dich fertig, ich bin gleich da!“
Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!

Also, rinn inne Klamotten, Ralf kommt angedüst, ich falle ins Auto und wimmere „Bitte, bitte, mach, dass ich nicht Letzte werde!!“ Antwort „Quatsch, klammer’ Dich einfach an mich, und wenn wir als Letzte einlaufen sollten, lass’ ich Dich vor! Datt wird schon!“

Ralf rast wie ein wilder Stier durch die engen Strassen von Mülheim, ich klammere mich angstvoll an den Sitz…obwohl, wenn ich so recht drüber nachdenke….ein Auto-Unfall….dann müssten wir ja nicht laufen….hmmm….Keine Chance, schon sind wir da, und ich fülle zitternd die Anmeldung aus und bekomme meine erste eigene Startnummer zum Auf-den-Bauch-Tackern,  wie auftregend!
Eine Startnummer ganz für mich alleine, genau wie die richtigen Athleten.

Um 18.15 Uhr starten die Walker….langsam wird es ernst….ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, also mache ich erst mal NIX und gucke blöd in die Gegend – dann kommt die Durchsage, dass die Läufer für den 4km-Lauf sich in den Startbereich begeben sollen. Da sind ja wir!
Eigentlich muss ich ja dringend auf Klo. Und daheim müsste ich noch spülen….und überhaupt – stehe ich auf einmal im Startbereich, der Startschuss fällt und wir laufen los. Ich renne so schnell ich kann und fühle mich unfassbar rasant, dynamisch und sportiv. Nur leider kriege ich nach 500 Metern Rennerei schon keine Luft mehr und schnaufe wie ein Walross. Sportiv, am Arsch.

Ratzfatz ist mein Puls auf 160, mindestens. Ralf beruhigt mich „Das ist nicht schlimm, versuch einfach, ruhig zu atmen – und gleichmässig“ Ich schnaufe laut.  Wieder Ralf „Du musst gleichmässig atmen, finde Deinen Atemrhythmus“ Mein Puls steigt auf 170 – ich kann gar nicht mehr so schnell atmen wie ich Luft brauche. Und noch 3 km, wie soll das denn funktionieren?

Ralf läuft locker und ohne zu schnaufen neben mir her und plaudert in ruhiger Stimmlage. Bei Kilometer 1 fange ich an, ihn dafür zu hassen – warum leidet der nicht so wie ich? „Ralf, ich schaff’ das nicht!“ wimmere ich gepresst zwischen den Schnauf-Stössen. „Doch, klar schaffst Du das, ist doch nicht mehr weit, guck mal wir haben fast die Hälfte“ Also….Fakt ist – wir haben noch nicht mal die HÄLFTE, und mein Puls ist bei 180! Ich muss leider sterben. Schade. Wo ich doch so ein vielversprechendes Sprint-Talent bin.

„Ralf, ich muss wirklich sterben, also echt jetzt!“ verkünde ich mit Nachdruck.
“Unsinn, entspann’ Dich und atme ruhig!“ Ruhig atmen? Ich hasse ihn, diesen scheiss-selbstgefälligen klugscheisserischen Arsch, ich sterbe hier gerade mindestens 1000 Tode und er quatscht was von „ruhig atmen“. Klar, und am besten auch noch’n Handstand machen oder watt?
Aus den Augenwinkeln sehe ich, das Ralf mich die ganze Zeit besorgt anguckt – ich hasse ihn dafür. Arsch. Mein Puls steigt weiter und ich nutze meine kümmerliche Rest-Energie, um vor mich hinzufluchen, Ralf zu hassen und nicht tot umzufallen. Ralf redet gleichmässig und beruhigend auf mich ein, ich hasse ihn, ich hasse ihn, ich hasse ihn. Der Klang seiner Stimme tut mir in den Zähnen weh, ich schaff’ das nicht, ich fall gleich tot um, ich hasse ihn, ich hasse ihn, irgendwo steht ein Zuschauer und klatscht und ruft uns aufmunternd zu „Gleich habt ihr’s geschafft!“ Ich hasse auch ihn. Arschlochzuschauer!

Mein Puls steigt über 190 – gleich bin ich ganz bestimmt tot, kann aber nicht drüber nachdenken, weil ich Ralf hassen muss, der immer noch locker neben mir herläuft und auf mich einredet wie auf ein krankes Pferd (das ich ja auch bin! Oder eher ein Maultier) Erwähnte ich schon, dass ich ihn hasse?? Was für ein widerlicher, selbstgefälliger, anmaßender Drecksack. Das ich das vorher nicht gemerkt habe.

Das Blut rauscht mir in den Ohren, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr….ich muss gehen….nur ein paar Schritte, Ralf sagt irgendwas, ich hasse ihn….ich laufe weiter – und immer wieder Ralfs nervötende Arschloch-Stimme: „Ruhig atmen, gleich sind wir da, ich kann das Ziel schon sehen!“ Eine dicke alte Frau zieht im Schneckentempo an uns vorbei und ich kann nix dagegen tun.
Wieder Ralf „Ist nicht schlimm, es sind noch mindestens einer hinter uns, Du wirst nicht Letzte, da vorne ist das Ziel, gleich hast Du’s geschafft“ Ich hasse ihn.

Beim Zieleinlauf höre ich ein paar Leute klatschen, ich hasse sie. Ich wanke über die Ziellinie (ich hasse die Ziellinie!), ich hab’s geschafft, es ist mir egal, ich hasse den Mann mit der Stoppuhr. Ich weiß nicht, ob ich weiterlaufen, gehen, tot umfallen oder kotzen soll, entscheide mich für die Toilette, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen (ich hasse die Toilettentür).
Aaaah…Wasser….ich gucke in den Spiegel – mein Gesicht ist lila, ich schnaufe und keuche. Ich gucke in den Spiegel und muss plötzlich grinsen….DIESES LILA VERQUOLLENE DING DA IM SPIEGEL HAT ES GESCHAFFT!!!

Ich gehe zurück, Ralf lacht mir entgegen (hab’ ich ihn jemals gehasst? So ein Unsinn – ich liebe ihn!), drückt mir eine Becher mit Irgendwas in die Hand und jubelt „Du hast es geschafft! Du bist nicht Letzte!“ Ich kichere und grinse und trinke und schwitze und könnte vor Freude in die Luft gehen – geschafft! Ralf guckt auf seine Uhr und jubelt erneut „Und die Zeit ist unter ‚ner halben Stunde, 27 Minuten und 6 Sekunden!“ (Das diese Zeit für IHN grottenschlecht ist, ignoriere ich….ich liebe ihn. Und ich liebe seine Uhr. Und den Trinkbecher gleich mit.)

VolkslaufSpäter dann nach ganz viel Trinken und Schwitzen und Grinsen und Freuen stellt sich raus, das Ralf im Eifer des Gefechts die Zeit mit dem aktuellen Datum verwechselt hat und ich mit 23 Minuten und 14 Sekunden schneller war als ich mir jemals erträumt habe. 23.14!
Mein Gott, ich bin die Königin der Welt, aber mindestens. Ralf ist letzter Mann geworden, (eine Sekunde nach mir, nach dem hab’ ich es ja nochmal gründlich gezeigt beim Zielspurt) und grinst trotzdem wie ein Honigkuchenpferd, unsere Namen werden verlesen, wir bekommen unsere Urkunden, ich platze erneut vor Stolz.
Ich hab’s geschafft. Leck-o-fatz!

Am Tag danach
Um 06.00 Uhr liege ich glockenwach im Bett und springe auf, um meine Urkunde anzuglotzen – da steht es, schwarz auf weiß – ich hab’s geschafft.

7 Gedanken zu „The first cut is the deepest – Mein erster Volkslauf

  1. Saffti

    Ich hasse diesen Bericht! Nein, ich liebe ihn 😉 Und da kommen auch sofort die Erinnerungen an meinen ersten Volkslauf hoch – wie ich vor allem die Zuschauer im Ziel mit ihren gönnerhaften Kommentaren gehasst habe…

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  2. Blumenmond

    Liebe Daniela,

    erstmal schmeiße ich mich in den Dreck vor Deine (maladen) Füße… 100 km – Du bist echt der Hammer, ich kann mir das nicht vorstellen. 100km… Jetzt darf ich mich auf den Bericht vorfreuen.

    Und ja.. Deine Berichte damals. Es kommt mir vor, als wär es ein anderes Leben.. damals… als ich im Netz auf einem Umweg auf Deine Seite stieß. Oh mei…

    Gute Regeneration für Dich und Deine Füße. Du bist der Knaller!
    Gruß
    Anja

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  3. Fräulein Bummelei

    Wenn man deine jetztige Sportlichkeit betrachtet, dann fällt mir zu deinem Bericht folgendes ein:
    Unglaublich niedlich, und wieder mal sehr amüsant geschrieben. Vorrangig niedlich 😀

    Es erinnert mich an meinen ersten Lauf letzten November, nach meiner mehrjährigen Pause… Seitenstechen, Sterben, Kotzgefühl, noch mehr Sterben, Luft nur aus Hörensagen kennen, mehr Kotzgefühl, aber erst, nachdem man mindestens 10x noch gestorben ist 😉

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  4. Finny

    Hallo Frau Mohr,

    dank Herrn Schmitz hier gelandet fühle ich mich prächtig unterhalten von Deiner netten Geschichte zum Laufsportanfang und gratuliere noch herzlich zum tollen gestrigen Erfolg am Seilersee!

    Als Tierfreundin bin ich selbstredend besonders angetan vom guten Zweck der Teilnahme am Seilersee und wünsche weiterhin viele fröhliche Katzenfreund-Stunden und Taten!

    LG,
    Finny

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  5. Frau Fröhlich

    Respekt ! Nicht nur vor dem Lauf ansich … bin sportlich mittlerweile ne totale Niete … auch die Einstellung zum Durchhalten. Dass du nicht aufgegeben hast, dass verdient den eigentlichen Respekt !
    Und heute lachst du über die 4 km 🙂

    LG Frauke

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