Denk’ ich an Maibaum in der Nacht…

Gerade in ländlichen Regionen ist es eine gerne und oft auch lautstark und feuchtfröhlich zelebrierte Tradition, auf Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur “in den Mai zu tanzen”. Ich hingegen pflege seit vielen Jahren konsequent die  Tradition, in den Mai zu schlafen – und da macht natürlich auch das Jahr 2015 keine Ausnahme. Gerade nähere ich mich selig im Sinkflug der Tiefschlafphase in den heimischen Kissen, als mich ein lautstarkes Gerumpel vor meinem Fenster unsanft aus den Träumen reißt.
Ein diffuses Klappern und Scharren auf der Straße verbunden mit pöbeligen Wortfetzen in “Jägermeister-auf-Ex-Lautstärke signalsiert eindeutig: Angeschickerte Jungmänner auf Maibaum-Tour!

Diese Geräuschmixtur schickt mich trotz Schläfrigkeit auf eine Zeitreise in meine früheste Jugend, denn auch in meiner Region wurde dieses Brauchtum nach Leibeskräften gepflegt. Trotz geringer Bevölkerungsdichte  (ca. 45 Einwohner) in meinem Heimatdorf war der Anteil an maibaumfähigen Jungmädchen vergleichsweise hoch, und gerade unsere Straße mit 5 wohnhaften jungen Damen war ein beliebtes Reiseziel der balzenden Burschenschaft. Und in mehr oder minder schöner Regelmässigkeit wurden dort Hörspiele wie das Folgende aufgeführt:

Rumpel, rumpel. Polter. Schleif.
“Wirschtäääällen der Meeeeike *) ‘nen Maibaaaaum!”
Gröhl, gröhl.
“Die Sa-haaaaabiiiiiiiine kriegt ‘nen Maaaaibaum!”
Hicks. “Puäääh!”
(Ups! – da kam wohl einem der Baumsteller der Jägermeister an der Hauswand wieder hoch. Da wird sich die Jungmädchenmutti am Folgemorgen aber freuen.)
“Ey pass doch uff mit der Säge, du Dabbes!”
“Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack, zack, Prost!! Und jetzt schtäääällen wir der Martiiiiina ‘nen Maaaaibaum!”
“Uuuund ein Maibaum für die Saaaaandra!”

Und…ähem…Hallo? Habt ihr da nicht was vergessen?!

Ich horchte angestrengt in die Nacht, in der nicht ganz realistischen, aber zaghaften Hoffnung, auch meinen eigenen Namen als Maibaum-Adresse zu vernehmen.

“Schallallaaaaaaa….” Die Kampfgesänge ebbten ab und entfernten sich Richtung Nachbardorf. Da gab’s schließlich auch noch reichlich un-be-mai-bäumte Mädels.

2121473_webTja, so war das damals – mit meinen Strupphaaren, der Hornbrille und dem zugebenermassen etwas spröden Naturell entsprach ich wohl nicht so ganz dem Geschmack der Dorfjugend und ging daher in schöner Regelmässigkeit komplett leer aus bei der Maibaumverteilung. In den ersten Jugend-Jahren fand ich das ganz schön doof. Später redete ich mir ein, der Grund für den mangelnden Anklang bei der Dorfburschenschaft läge in meiner nonkonformen und unangepassten Persönlichkeit – und mit Erreichen der Volljährigkeit habe ich mich dann ohnehin vom Dorfacker gemacht und war damit raus aus der Maibaum-Sache.

Würde sich heute noch jemand erdreisten, mir so’n totes Gestrüpp an der Regenrinne festzuzurren, bekäme er das Gewächs von mir höchstselbst um die Ohren gehauen – ich bin mittlerweile dann doch ein bißchen stolz auf meinen Maibaumjungfrauen-Status. Also beschränke ich mich in dieser Nacht im Jahre 2015 darauf, ein altersgerechtes “Ruhe, ihr Arschkrampen, sonst rufe ich die Polizei!” in die Dunkelheit zu plärren und selig weiterschnorcheln.

Ich bin sowieso gegen Birken allergisch.

*) Namen der beteiligten Ex-Jungmädchen geändert. Anm. d. Red.

 

Das Foto kommt von hier – http://www.myheimat.de/bayern/dillingen/themen/maibaum.html


Du willst mehr „Mohr“? Das gibt’s in meinem kostenlosen Newsletter – HIER registrieren!

11 thoughts on “Denk’ ich an Maibaum in der Nacht…

  1. Bianca

    Maibaumaufstellen – das gehört hier natürlich auch dazu. Allerdings gibt es nur den einen Maibaum im Dorf, um den dann früher getanzt wurde. Heute gibt es den Tanz mangels Beteiligung nicht mehr. Bier- und Würstchenbude stehen allerdings noch immer dabei. Läuft immer!
    Das Maiwandern ist hier auch Tradition – Gruppen jeder coleur finden sich dort. Familien, Jugendliche (männlichl, weiblich oder auch gemischt), Frauengruppen, Vereine, Männergruppen und alles, was man sich da so vorstellen kann.
    Der Alkoholkonsum sinkt mit zunehmendem Alter, und das Verhalten der Jugend deckt sich mit Deinen Beobachtungen. Um so jünger, um so voller, lauter und ungehobelter.
    Liebe Grüße
    Bianca

    Antworten
  2. Anne

    Bei uns in der Lüneburger Heide gab und gibt es keine Maibäume, sondern Pfingstbäume. Die Geräuschkulisse ist allerdings fast identisch mit der von dir beschriebenen. Mit einem Unterschied: Jedem mit einem Maibaum bedachten Mägdelein wird “Der Mai ist gekommen” als Ständchen dargebracht! Da die jungen Herren im Jahr ihrer Konfirmation erstmals an der Aktion teilnehmen und sich oft noch im Stimmbruch befinden, sind bereits die ersten Darbietungen das pure Grauen für die Ohren. Mit zunehmendem Pegel wird die Artikulation verwaschener, was durch gesteigerte Lautstärke kompensiert wird. Ach ja, und man ruft in der Heide eher nicht die Polizei, sondern den Notarzt, weil ein 14-Jähriger sich schnell mal eine Alkoholvergiftung holt, wenn sein Mannbarkeitsritual darin besteht, Doppelkorn aus der Flasche zu trinken.

    VG,
    Anne (die nur ein- oder zweimal einen Baum bekam, weil sie erstens abseits wohnt und zweitens auch nicht ganz dem Schönheits- und Stil-Ideal der männlichen Dorfjugend entsprach)

    Antworten
  3. Volker

    Wer wird denn gleich die Polizei rufen wollen? Oder schwellt da doch noch was aus der Jugendzeit?

    Das hättest Du aber gar nicht nötig, wenn ich das mal sagen darf.

    Liebe Grüße
    Volker

    Antworten
  4. Lizzy

    nasowas – davon hatte ich bis jetzt eben noch nie gehört oder gelesen, von dieser Art der Maibäumerei. Kannte nur das wohl eher in Bayern verbreitete Aufstellen von Riesenmaibäumen, die dann im Vorfeld gerne von benachbarten Burschenschaften geklaut und von den Besitzern ausgelöst werden müssen.
    Mir war auch bekannt, dass es an einigen Orten üblich ist, in der “Hexennacht” saufend, Gartentore aushängend, Klopapierrollen verteilend oder Zahnpasta an Haustüren schmierend durch die Straßen zu randalieren.

    In meinem Geburts- und Jugendort gab’s nach dem “Tanz in den Mai” im Festsaal (war ich nie dabei, kann ich eh nicht tanzen) lediglich ausgedehnte Wander- und Radtouren am ersten Mai (für die eher “katholische” Fraktion, zu der ich familiär lange zählte, beginnend mit einer Maiandacht in einer Waldkapelle). Also alles ganz und gar zahm und brav.

    Gab es bei euch jemals auch “gegenschlechtliche Maibaumaufstellungen”? Das könnte ich mir für mich vorstellen: dass ich mir ein, zwei Mitstreiterinnen gesucht hätte zum Jungsnamen-Maibaum-Basteln, das ganze natürlich irgendwie kreativ (ich bin gar nicht kreativ) ein bisschen frech vielleicht wäre schön – und die Dinger dann – aber wohl eher still und heimlich mit viel Herzklopfen 😉 – dem Angebeteten in den Vorgarten zu rammen (und dann nix wie weg). Welcher Name darauf gestanden hätte … das weiß ich auch noch *s*

    Antworten
    1. mohrblog Beitragsautor

      Also, zu “meiner Zeit” (höhö) war es noch nicht üblich, dass die Mädels den Jungs ‘nen Maibaum stellen, solche Dorfgebräuche sind ja eher konservativ. Ich muss mich mal in der Szene umhorchen, ob das heute anders ist 😉

      Antworten
      1. Lizzy

        üblich oder nicht .. als ich noch jung, flexibel und ein bisschen ideenreicher war *seufz* gehörte ich zu denen, die Gebräuche gerne auch mal selber auslegten – Ist ja nicht so, dass ich nicht mitgemacht hätte – aber manchmal eben mit eigenen Interpretationen. Jaja … früher … und bei uns gab’s eh keine Maibäume.

        Antworten
  5. puenktchen

    Hallo Daniela,
    in der Stadt wurde früher auch kein Maibaum gesetzt, das ist erst in letzter Zeit Mode geworden.
    Ich bekam also auch nie einen und vermißte ihn auch nicht.
    Trotzdem ich mußte herzlich über diesen Post lachen.
    Liebe Grüße
    Pünktchen

    Antworten
  6. Christian

    Tja, das Los, wenn man die “Ruhe” auf dem Land genießen will…ich wohn ja auch dort, und bin auch auf dem Land aufgewachsen, aber das Maibaumstellen war mir in meiner hippen Jugend zu albern und primitiv *snobbischdienaserümpfend*
    Also kannst Du ruhig stolz sein auf Deinen Maibaumjungfrauenstatus (was für ein Wort!)

    Salut

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*