“When Engels reisen…” – Lieserpfad, die Zweite!

– Was bisher geschah: “Wandern ist die beste Medizin” – Lieserpfad, die Erste!


Nachdem es am Vorabend gleich nach unserer Ankunft im “Haus Schwaben” zu dröppeln begann und die Wetterfrösche nun erneut Gewitter und Regen für den Tag herbeigequakt haben, treibt es Frollein Fritzi und mich nicht gerade überdringlich zum Aufbruch auf die 2. Etappe des Lieserpfads. Stattdessen trödeln wir im Frühstücksraum herum und fressen uns ausgiebig durch die liebevoll angerichteten Vorräte.

hausschwabenAber letztlich muss eine Wandersmännin tun, was eine Wandersmännin eben tun muss und wir sind ja nun auch nicht zum Nutella-Schnitten-Futtern in die Eifel angereist – also Rucksack geschultert und hopp! auf Schusters Rappen.

Mit einem charmanten “How do you guys say? When Engels reisen…?” entlässt uns Herbergsvater Andy in das frühmorgendliche Grau-in-Grau. Dann wird der Tag wohl zeigen, ob wir “Engels” oder “Teufels” sind. Man darf gespannt sein.

Derzeit dümpeln die beiden Türme von Nieder- und Oberburg (man beachte die einfallsreiche Namensgebung) leider noch emotionslos in einem trüben Eintopf aus regenschwangeren Wolken statt wie erhofft in “romantischem Morgennebel” Schild. Das wegweisende blaue “L” ist flott gefunden und der Lieserpfad macht da weiter, wo er gestern aufgehört hat – mit herzallerliebsten Schlängel-Trampelpfaden in bezaubernder Landschaft. Leider trübt nicht nur der triste unheilverkündende Himmel, sondern auch eine hohe Mitwandersmanndichte meine Wanderlust ein wenig. An diesem Samstag sind deutlich mehr Marschierwillige mit Kind, Kegel und Hund unterwegs als am gestrigen einsamen Freitag, und die ersten Kilometer auf schmalem Pfad sind geprägt von lästigem Stop-and-JETZTGEHDOCHENDLICH!

Den unverschämten Versuch, einer (zugegeben sehr netten) älteren Dame, sich unserem Zweigestirn plaudernderweise anschließen zu wollen, vereiteln wir durch eine abrupte hektische Tempo-Verschärfung. Nach einer kurzen Schlitterpartie über eine Umleitung entzerrt sich die Bevölkerungsdichte auf dem Pfad zum Glück und wir finden uns alsbald  im Wandersfrauenwunderland wieder – die Wolkendecke wird immer durchlässiger und spickt den Forst mit goldenen Sonnenstelzen, und der Lieserpfad feiert ein Vorschußlorbeeren-Erntedankfest. Das dieser Weg als “schönste Streckenwanderung der Welt” beschrieben wurde, scheint uns nun mehr als nur angebracht. Fast noch ein wenig untertrieben, könnte man sagen.

Mindestens 183,5% der Strecke *) führt über schmale, anspruchsvolle Pfade, knorrige Wurzeln und malerische Holzbrücken und deckt sich somit zu 145% *) mit unseren Vorlieben. Der allergrößte Teil des Weges wird vom Anblick oder zumindest dem Plätschersound der idyllischen Lieser begleitet. Ett iss’n Gedicht, iss datt.
“Hach, ist das schööööön!” quietscht Fritzi noch häufiger als gestern, und im Gegensatz zum Vortag bekräftige ich ihre Jauchzer mehrfach mit einem energischen “Und viel schöner als bei uns!” Der Kopf ist schließlich rund, damit das Denken die Richtung ändern kann – und was wahr ist, muss dann auch mal wahr bleiben, hier.

Das andauernde Sonnewattewölkchenwetter bestätigt, dass wir scheinbar nicht nur “Engels”, sondern auch ganz schöne “Glückskinders” sind und wir ergötzen uns (weitestgehend stillschweigend) an unserer Seligkeit.


Lieser3 Lieser2 Lieser6 Bruecke
Hang Lieser1 Lieser3a Lieser5.


Nachdem das Marschier-O-Meter die 6-Stunden-Marke überschritten hat, macht sich trotz aller Verzückung eine deutliche schwere in unseren Engelsgräten breit – das große blaue L markiert nicht nur einen schönen, sondern auch einen anspruchsvollen Pfad und wir müssen uns zaghaft eingestehen – wir schwächeln ein wenig.
Also…so’n bißchen.
Nicht nenneswert eigentlich, weil wir ja im Grunde unfassbar sportive Speedhikerinnen sind – aber dennoch.

Frecherweise hört auch der Lieserpfad nach einer Weile einfach unautorisiert damit auf, wunderhübsch und trampelpfadig zu sein und schläfert uns stattdessen mit öder Wirtschaftsweglangweiligkeit und einem konstanten, zermürbenden Anstieg ein.

Träge sinken die äußeren Einflüsse zu meiner Hirnrinde durch und verbinden sich dort zu einem Gesamtbild: Der vergleichsweise dröge und hässliche Waldweg, das hektische Piepsen der Forerunnerin inkl. “Kursabweichung!”-Geschrei an meinem schlaffen Handgelenk, die gänzlich unmarkierten Baumstämme am Wegesrand….”Wann hast’n du zuletzt’n blaues L gesehen?” fragte ich meine Wandergenossin und ernte einen trüben Blick – “Keine Ahnung. Schon länger her”.
Müde starren wir eine Weile ins Gehölz in der irrigen Hoffnung, einfach eine Wegmarkierung herbeiglotzen zu können. “Guckenma bissur nächsten Kurve!” murmele ich maulfaul und schlurfe noch ein Stückchen weiter nach vorne – aber die Bäume bleiben nackisch und unbe-L-t.
Mistkram. Nützt ja nix. Wir müssen bis zur nächsten Markierung zurückschlurfen und die liegt laut unserer Erinnerung “voll weit” zurück, wenn nicht noch weiter.

Schweigend, leicht weinerlich und mit glasigem Blick schleppen wir unsere einst ach!-so-dynamischen Figuren den tumben Weg entlang, bis sich nach gefühlten zwölfzig Kilometern eine Abzweigung auftut. “Da iss’ kein Schild!” empören wir uns schlapp, blicken ratlos in die Botanik und erinnern geneigte Beobachter sicher an die Schauspielertruppe aus “Einer flog über das Kuckucksnest”. Ein freundliches Läuferpaar erbarmt sich unserer und schiebt uns auf den rechten Weg zurück – tatsächlich war der Pfahl, an dem das blaue L hätte prangen sollen, zur Hälfte abgebrochen und die Markierung gleich mit. Für eine angemessene Echauffage fühlen wir uns viel zu welk und zockeln stattdessen folgsam in die angewiesene Richtung.
“Schbinplatt!” seufze ich matt – “Schauch!” schwächelt es zurück.

rastAber mit der Rückkehr auf den rechten Weg kehrt nicht nur die landschaftliche Schönheit zurück, sondern auch die Spannkraft in Körper und Geist. Nach einem Kilometer vorbei an der schönen blauen Lieser im frühlingsgrünen Blätter-Rahmen steigt die Stimmung und – zumindest gefühlt – die Kraft in den Beinen gleich mit und wir fühlen uns remoralisiert. Nach einer kleinen Rast (oder – wie der Schwabe sagt – “Veschperpause”) auf einer gemütlichen Holzsitzgruppe im Forstwohnzimmer nehmen wir die letzten “5 oder 6 oder so” Kilometer unter die Füße und finden wieder alles um uns herum “schöööön”.

“Sogar schöner als bei uns!” – “Jawoll!”

Auf dem letzten Stück vor Wittlich schleicht sich der wurzelige Trampelpfadanteil leise aus und wandelt sich in löwenzahn- und apfelblütengesäumte Feldwegseligkeit. In unseren Gemütern macht sich eine zarte Wehmütigkeit breit. Leider schon vorbei.

Aber naja – daheim isses ja auch schön.

*) Die gymnasiale Laufbahn der Autorin wurde Ende der 80iger Jahre ziemlich abrupt durch eine glatte Sechs in Mathe beendet – Anm. d. Red. zur Erläuterung

6 Gedanken zu „“When Engels reisen…” – Lieserpfad, die Zweite!

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  2. Anne

    Ich müsste da auch mal wieder hin, nicht nur wegen des Apfelsafts in der hoffentlich noch existierenden Üdersdorfer Mühle. Genau so isses, wie du es beschreibst: Schöööön und so!

  3. Elke

    Liebe Daniela,
    wenn ich das so lese, ich müsste auch mal wieder mehr wandern gehen. Und so kleine Zwangs-Extrarunden auf der Suche nach MArkierungen steigern doch den Anreiz, selbige zu finden…!
    Liebe Grüße
    Elke

  4. Andrea

    Ein feines Blog hast Du hier, liebe Daniela.
    Die Mischung ist perfekt. Mietzekatzen, Essen, Wandern, Laufen und ein paar Gedanken, die es wert sind nachgedacht zu werden. Bitte weiter so! Ich freue mich über jeden neuen Mohrbrief und bin diesem sehr gewogen!

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