“11,6 km in die falsche Richtung” – oder “Wie Ruka das Wandern erlernte”, Teil 1

Rukas natürlicher Lebensraum sind ihre Schreib-/Zeichnen- und Bastelstube und die Tanzflächen regionaler Gothicschuppen. Dass sie sich an diesem gar-nicht-mal-so-schönen Pfingstmontag plötzlich mit mir auf Schusters Rappen wiederfindet, fällt wohl in die Kategorie “Unbedacht zugesacht”.
Zu meinem Glück hatte sie am Ende doch noch mehr als genug Sauerstoff im
Hirn, um einen grandiosen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben. And here we go – im wahrsten Wortsinn:


08:00 Uhr… normalerweise läge ich gerade mal seit zwei Stunden im Bett, mit verschwitzten Haaren, zerstörten Füßen, einem lauten Pfeifen in den Ohren und einer Ahnung verwischter Schminkereste um die Augen. Tanzen gehen, das ist meine Art, Sport zu treiben. 6 Stunden rhythmischer Workout auf 10-15 cm Absätzen in einem dunklen Kellergewölbe, immer weiter getrieben von fordernden Klängen, die meine Welt in ein bunt-schwarzes Farbenmeer aus wohlklingenden Gothic-Tönen tauchen.

Stattdessen meckert mich der Wecker lautstark an, endlich in die Hufe zu kommen und mein Hirn fragt hämisch, ob ich mir das nicht hätte vorher überlegen können. Ich weiß auch gar nicht genau, was mich nach den Zahlen 11.6, 4 und 304 noch dazu bewogen hat, “Ja” zu sagen. Irgendwie hab ich da wohl die Fakten vertauscht. Aber nu’ is zu spät, nu’ gibt’s kein Zurück mehr, wär ja peinlich.
Nach einem halben Liter Kaffee, einer guten Portion Aspirin Complex und der ersten Erkenntnis des Tages, dass ich eigentlich gar nicht für eine solche Tour ausgerüstet bin und das mit der Erkältung vielleicht auch hinderlich sein könnte, hab ich zumindest mein Säckel gepackt. Okay, meine Jogginghose ist eine Jeans, die Hallenschuhe leider nicht wasserdicht und die “Regenjacke” passt wohl eher in einen Biker-Katalog als auf den Wanderweg, aber Dani hat ja gesagt, es würde nich’ regnen. Hoffentlich hat sie das den dicken Wolken am Himmel auch gewinnbringend beigebracht.

In der Casa de la Mohr treffe ich auf eine unglaublich frische und für die Uhrzeit unpassend strahlende Wanders-Profitesse, die enthusiastisch streng-riechende Paste auf ihren Füßen verteilt. Ich verteil derweil Katzenleckerli an strategisch günstigen Plätzen und versuche nochmal, die Zahlen des Tages in die richtige Reihenfolge zu bringen. 4km, 304 Stunden und 11,6 Höhenmeter. Kann irgendwie nich’ sein.

SchildIm Wiedtal angekommen, schaue ich mich ahnungslos in der Wallapampa um, während Dani mit ihrer etwas seltsam aussehenden Armbanduhr kommuniziert. Einen Moment später ertönt schon ein energisches “AHA” aus dem Mund der Wandersdame und sie marschiert zielstrebig in eine Richtung. “Da is’ das Schild!” sacht’se und zeigt auf irgendwas, was ich nich’ sehen kann. “Äh.. wo?” frage ich zögerlich. “Ja daahaaaa!” kommt die prompte Antwort. Meint sie etwa den komischen Werbe-Sticker da auf der Verkehrsschildstange? Die hab ich in der Stadt auch, verbergen das “Bekleben verboten” unter bunten Farben, scheint hier aber irgendwie anders gewollt zu sein. Nach einer kurzen Einweisung, dass ein “W” nicht gleich einem “W” ist und man da schon auf die Unterschiede achten müsse, marschieren wir los. Gleich über die Schnellstraße und ab in den Wald. Die verräterischen dröbselnden Geräusche lassen mich skeptisch nach oben gucken, sodass ich das erste nasse Corpus delicti auch quasi direkt ins Auge bekomme. Toll… Regen… Find’ ich auch deswegen schon blöd, weil ich in halbstündiger Fön-Aktion sämtliche Locken in Zaum gebracht habe. Leider is’ der Zaum nich’ wasserfest und bei den ersten fünf Tropfen rebellieren sämtliche glattgezwängten Haarsträhnen und rufen zur lockigen Anarchie auf. Besonders der Pony ist revolutionsbegeistert und die ganze Ruka sieht nach fünf Minuten aus wie ein Cockerspaniel im Dauerwellenwunderland.

RukaDer Wanderweg schraubt sich konstant nach oben und bietet kategorische Abwechslung zwischen Steigung und Steigung mit Stufen. Dani blubbert derweil irgendwas von “Gehwol, YEAH!” und tänzelt den Weg entlang, während ich mit meiner Lunge streite, dass sie doch bitte von ihrem Wunsch, einen Außendiensteinsatz einzulegen, absehen möge. Allen gnädigen Goth-Girl-Göttern sei Dank findet meine Trail-Trainerin alle Nase lang einen gut situierten Platz, um ein total motiviertes Foto von mir zu schießen, sodass ich zumindest kurz den Puls unter die 200 verhandeln kann. Vorsichtshalber versuche ich auch, die Fotos alle ganz schrecklich aussehen zu lassen, damit man die nich’ nehmen kann. Klappt auch ganz gut, solange Dani denkt, wir seien gleich groß, mich als Fokuspunkt fixiert und dann rigoros bei jedem Bild ihr Kopf nicht mit drauf ist. Ich mecker nich’, ich find’ das gut. Mehr Pausen für mich, weniger Fotos mit Cockerspanielpony.

Zwischen den Verhandlungen mit meinen Atemwegen gucke ich auch mal rechts und links vom Wanderweg herum und eigentlich ist das ja auch ganz nett hier, so im Wald. Überall Bäume und grün und leise raschelndes Laub mit ein paar Käfern drin. Die schwarzen, die so schön in der Sonne schillern. Gut, Sonne haben wir grad nicht, aber wenn die feucht sind, glänzen die auch ganz nett. Nach dem Wald gibt’s dann erstmal einen idyllischen Parkplatz. Ich dachte ja immer, Wanderwege gingen fernab der Zivilisation, durch Matsch und Naturgehege, aber gut, Parkplatz ist auch okay. Tagungszentrum… ja, wieso nicht, ich bin da tolerant. Und gleich hinter dem Gebäude geht’s auch wieder ins Grüne. Naja, links grün und rechts gebäudegrau – irgendwas is’ immer.

Zwischendurch versuche ich, Dani zum Weiterreden zu animieren und hechle irgendwelche in meinem Kopf intelligent klingenden Fragen raus wie “Warum machst’e das hier eigentlich alles? Also mit dem Wandern und so?” Dani plaudert munter irgendwas von “Schönes Hobby”, “Bahnbrechende Erkenntnisse” und “Den ganzen Tag nichts anderes machen müssen als rumlaufen”. Wenn wir den ganzen Tag nichts anderes machen müssen als rumlaufen, wieso rennen wir dann eigentlich so? Gleich einer dieser bahnbrechenden Erkenntnisse verankert sich eben jener Gedanke in meinem Kopf und ich traue mich leise keuchend zu fragen: “Bissi… langsamer?” Dani reduziert ihre Geschwindigkeit um gefühlte 10 cm in der Stunde weniger und guckt mich ein bisschen mitfühlend an. “Naja, wenn man oben is’, is’ man oben, dann geht’s auch nich’ weiter hoch. Kann ja nich’ über den Berg hinausgehen. Tihihihi.” “Tihi” keuche ich emotionslos, schüttle den Regen aus meinem Pony und stecke das fünfte vollgeschnupfte Taschentuch in die überfüllte Hosentasche. Ich brauch dringend mal einen Mülleimer.

Statt kueheMülleimer gibt’s eine Weide mit Kühen. So mitten im Dorf, gleich neben der Straße! Haus, Kuh, Haus quasi. Ich hab noch nie so richtig eine Kuh angefasst, das ist meine Chance! Jetzt nur die Kuh nicht verschrecken, ich schleiche mich an, leise wie ein Kätzchen, und strecke die Finger nach der nassen Kuhnase aus.. gleich… gleeeeiiiiiich…..
Die Kuh weicht stoisch einen Schritt zurück. Das war wohl nix. Naja gut, ich würd mich auch nicht von jedem anfassen lassen.

Dani sieht das mit dem Anfassen locker, sämtliche Hunde auf dem Weg werden rigoros begrüßt und angestreichelt. Egal, ob groß, ob klein, komplett durchnässt oder völlig verfusselt, Hauptsache mal das Fell durchwuschelt. Die Besitzer der Kuschelobjekte sehen das scheinbar auch gelassen, jedenfalls hat keiner “Nein” gesagt. Ein Blick auf meine Hand bestätigt: Nasse Hunde anfassen sorgt für Pelz auf der Haut… viel Pelz und bisschen klebrig. Gut, dass da nicht noch Kuh dranklebt, ich wusste ja, alles is’ für was gut. Der Weg wechselt zwischen Wald und Feld, weichem Nadelboden und hochbewachsenem Grasgetupfe. Eine weitere Erkenntnis schleicht sich ein: Nicht wasserdichte Schuhe und hohes, nasses Gras führen zu durchnässten Schuhen. Das sind ganz schön viele Erfahrungen für den Tag und viele Erkenntnisse, ich fühle mich schon richtig erleuchtet und weise. Dani guckt auf ihre Super-Uhr und schmettert ein fröhliches “Schon zwei Kilometer geschafft!” durch den Wald. Zwei! Kilometer! Da sind noch 9,6 übrig. 9,6 Kilometer mit nassen Füßen, Cockerspanielpony und Hundepelz in der Handinnenfläche. Wandern is’ schön… und bergauf geht’s auch schon wieder…


Morgen geht’s weiter mit Teil 2 – mohr to come, nämlich!

8 thoughts on ““11,6 km in die falsche Richtung” – oder “Wie Ruka das Wandern erlernte”, Teil 1

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  3. Silvana - Kalte Schnauze Blog

    Ha ha ha! Das ist super erfrischend geschrieben, auch wenn die Verhandlungen mit den Atemwegen noch nicht abgeschlossen sind. 😉 Klasse Gastbeitrag. Es lohnt sich, der “Gothic-Höhle” einen Abend den Laufpass zu geben und diesen lieber auf herrlich grünen Wanderwegen zu suchen!

    Viele Grüße
    Silvana

  4. Ariana

    Ich musste wirklich lachen – herrlich geschrieben! Und das mit der Luftfeuchtigkeit und den schön geföhnten Haaren kenne ich nur zu gut – wenn es regnet, kann man sich die Föhnzeit sparen.

    Liebe Grüsse und ich freue mich auf Teil 2
    Ariana

  5. Volker

    Na, da kommen ja noch ein paar Teile zusammen. Aber die ersten zwei Kilometer Wandererfahrung einer Gothic-Frau sind ja auch nicht alltäglich.

    Ich bin auf jeden Fall schonmal gespannt wie der Vergleich zwischen dunklen Tanzkellern und grüner, stiller Natur weitergeht 🙂

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