“11,6 km in die falsche Richtung” – oder “Wie Ruka das Wandern erlernte”, Teil 2

Was bisher geschah: Teil 1

Leider ist der zweite Teil nun auch schon der letzte – aber wer gerne mehr von Ruka lesen möchte, kann sie ja mal auf ihrer Facebook-Seite besuchen und sie zum Fallschirmspringen, Eselreiten, Tupper-Abend oder Kochkurs einladen. Und wer weiß, vielleicht kommt sie ja mit.
Und schreibt drüber.


“Wander ma’ eben vor! Ich will ein Bild machen, wie wir rumlaufen!”
Ich wander mal eben vor, geht ja auch gerade erst wieder den Berg rauf. Ich wandere ganz professionell mit verlagertem Körperschwerpunkt, um dem Berg ein Schnippchen zu schlagen. Meine Nasenspitze scheuert schon fast auf dem Kies, so professionell hab ich den Schwerpunkt zum Berghochwandern verlagert. Oben angekommen, seh’ ich Dani locker auf mich zujoggen, während die Kamera hektisch blinkt. Ich kann gerade noch meine Mundwinkel zu einem verzerrten Lächeln nach oben reißen, als der Blitz auch schon die Pupille blendet. “Simmer… jetz’… oben?!” frage ich, während meine Lunge den Worten eine abwechslungsreiche Pfeifton-Melodei hinzufügt. “Jetz’ simmer oben!” säuselt die Profitesse und joggt den Berg wieder runter, um die Kamera einzusammeln. “Is’ doch schön hier, oder?”
“Schön hier,” wiederhole ich und schniefe ins Taschentuch. Langsam beulen sich meine Hosentaschen zu Satteltaschen aus, wo ist denn hier mal ein Mülleimer? Beim suchenden Umsehen, merke ich überhaupt erstmal, was Dani mit “schön” so gemeint hat. Wir stehen mitten in einem Feld aus hochgewachsenen Halmen, die nur durch bunte Frühlingsgräser unterbrochen werden. Lila, rot, gelb, weiß, alle möglichen Farben wechseln sich ab. Und hinter dem Feld in der Ferne sieht man weit unten ein Dörfchen liegen, mit roten und braunen Dächern und einer Kirchturmspitze oder sowas. Viel idyllischer als das Tagungszentrum. Hat sich ja richtig gelohnt, der Anstieg. Während ich den Ausblick genieße, erklärt Dani mir, warum ein Steig Steig heißt und dass von nix ja nunmal nix kommt und dass man ja nu’ erst hochlaufen muss, um runtergucken zu können. Klingt auch total logisch. Und schön ist das wirklich. Und hoch geht’s auch nicht mehr, weil gar kein Berg mehr in Sicht ist. Dafür eine Koppel mit Pferden. Ich liebe Pferde! Und auf einmal sage ich was, was ich von mir gar nicht erwartet hätte: “Ich wander schon mal vor, ich mag die Pferde streicheln.” “Das machst du,” bestätigt die Trail-Trainerin und fotoknippst fleißig Richtung Dörfchen. An der Koppel angekommen sehe ich einem stattlichen Haflinger direkt in die Augen und der Haflinger guckt auch freundlich zurückPferd.
Begeistert strecke ich eine Hand aus und tätschle lächelnd die weiche Pferdenase und reibe eifrig Pferdepelz zu den vorhandenen Hundehaaren in der Handinnenfläche. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es weiter und ich ziehe ein kurzes Fazit: Okay, die Füße sind nass, die Hose verdreckt und die Hände bepelzt, aber eigentlich bin ich ganz zufrieden.

“Eigentlich, bin ich ganz zufrieden”, sage ich und höre Dani lachen. Aus meinem Wandern(1)robusten Halstuch bau ich mir ein Pony-Rückhalte-Kopftuch, das zwar auch nicht schöner aussieht, aber die Tropfen aus den Augen hält und gucke nun lieber mehr in der Gegend herum als auf den Weg vor meiner Nase. Dani macht mich auf die Aufkleber aufmerksam, die auf dem Boden, an Pfosten oder sonst gut sichtbaren Plätzen kleben und uns den Weg weisen. Außerdem bekomme ich eine Lektion in Wander-Benimm und dass man sich begrüßt, wenn man sich entgegen kommt und freundlich ist und lächelt. Also grüße ich und bin freundlich und lächle, das geht auch ganz gut, so auf flachem Weg. Bergauf war ich zu sehr mit meinen Organen und ihren Streik-Überlegungen beschäftigt. Wir laufen über Felder, an einem weiteren Dörfchen vorbei und wieder in den Wald hinein. Und plötzlich sind wir auf dem Bärenkopp angekommen, so mir nichts, dir nichts, völlig unerwartet.

Die Bäume tun sich auf, eine Stange mit einem QR-Code markiert das Ziel und ein Pärchen sitzt auf einer Bank und mümmelt Butterstullen. Und gleich hinter dem Pärchen bietet sich ein großartiger Ausblick über Waldbreitbach und alles, was da noch so drumrum liegt. Umrandet wird der Blick durch wüst-romantische Natur, so richtig stilistisch passend zu einem Bärenkopp. Grüne Pflanzen, brauner Nadelboden und hier und da ein kleiner, fast kalkiger Felsen, der dem ganzen einen schrotigen Touch gibt. Schön hier, wirklich. “Jetzt gehen wir da runter,” offenbart Dani und zeigt mitten in den Abgrund. Ich werde schon ein bisschen bleich und überlege, wie viele funktionsfähige Knochen ein Mensch für den aufrechten Gang mindestens übrig haben muss, als das butterstullenmümmelnde Pärchen einlenkt: “Neenee, der Weg is’ da hinter uns. Da runter geht’s nicht.”
Waldbreitbach“Hach, da hätt’ ich uns jetzt fast falsch geführt,” lacht Dani und wuselt schon wieder weiter. Ich gucke noch ein bisschen panisch in die raue Landschaft, in die ich beinahe hätte reinwandern sollen und versuche die Panik mit Gedanken an Steuererklärungen und Hauswirtschaftslehre aus meinen Gedanken zu vertreiben. Bedächtig setze ich einen Fuß vor den anderen, immer weg vom Abgrund und grinse das Pärchen unsicher, aber unendlich dankbar an, bevor ich Dani auf einen sichtbaren und nicht todbringend aussehenden Pfad folge.

Der folgende Trail verschlägt mir erneut den Atem, aber nicht, weil ich vor lauter berghochkriechen kaum zum Luftholen komme, sondern weil sich der Wald in seiner vollendeten Schönheit vor uns auftut. Ein schmaler Trail führt stetig bergab (Juhuuuu!) und bietet einen wunderbaren Blick auf weich-sanften Wald mit all der Ruhe, die nur uralte und fest verwurzelte Bäume ausstrahlen können. Am Wegesrand wachsen eine Vielzahl von Pflanzen: Stechpalmen, Akeleien und schnödes Unkraut. Dazwischen ragen scharfkantige Felsen hervor, die eine Ahnung von Alter ausstrahlen. Zwischen den Felsen fließt sogar mit leisem Plätschern ein kleiner Bach hinunter, mitten über den Weg und von dort in einen etwas größeren hinein. Zusammen fließen sie dann neben dem Pfad entlang und begleiten uns auf unserem Weg durch diese unglaubliche Naturbelassenheit. Kleine Holzbrücken helfen uns trockenen Fußes auf die andere Seite des Bachlaufs, ein umgestürzter Baum liegt quer über dem Weg und läd ein, das innere Kind herauszulassen. Zahlreiche Nacktschnecken erinnern uns daran, dass auch der Blick nach unten sinnvoll sein kann und sogar zwei, drei schwarze Gothic-Schnecken sind dabei! Jetzt so bergab hab ich nicht nur Zeit zu gucken und zu schauen und das Wandern zu genießen, sondern auch, mit Dani Blödsinn zu reden.

SuperDaniIn den Pausen zwischen dem ganzen Blödsinn und dem Kichern hören wir sogar ein paar Vögel zwitschern und als wäre das dem Klischeebild noch nicht genug Tribut gezollt, hört es auch noch auf zu regnen. Und immer öfter schleicht sich der Gedanke in mein stadtgeplagtes Hirn: “Wandern is’ ja doch ganz schön.” Aber das würde ich in der Öffentlichkeit NIEMALS zugeben!

Auf Kilometer 9 entscheiden wir uns, eine Pause einzulegen, damit die Butterbrote nicht umsonst geschmiert wurden. Aus Ermangelung an Sitzgelegenheiten an Plätzen mit toller Aussicht nehmen wir eine Bank, die geradewegs auf noch mehr Wald und Bäume ausgerichtet ist. Is’ ja auch schön. Drei Stullen und fünf Schlucke Wasser später beenden wir die Gespräche über Trail- und Snail-Running, pikieren uns noch kurz über mangelndes Tageslicht im Wald und stapfen weiter den Weg hinab. Kurz vor Ende des Waldes, bei Kilometer elf kommt uns dann ein rüstiger Mann entgegen, guckt uns mit schief gelegtem Kopf an und eröffnet uns die letzte bahnbrechende Erkenntnis des Tages: “Sie laufen in die falsche Richtung!”
Hmtja, irgendwas is’ halt immer, sag ich doch. Die Profitesse kichert nur ein kurzes “Tihi” und erläutert, dass der Weg so rum ja wohl auch viel schöner war. War er, kann ich gar nich’ leugnen. Ein letztes Mal auf dem Bärenkopp-Trail schniefe ich in mein Taschentuch, stopfe selbiges zu den anderen in die vollkommen überbeulten Hosentaschen und bemerke: “Mülleimer wär’n noch gut.” Na, wenn das alles ist, kann ich ja quasi nochmal wandern gehen. Oder tanzen. Is’ nämlich auch schön.
Und kurz bevor wir ins warme, trockene und faulheitsfördernde Auto einsteigen, rubbelt die Trail-Profiteuse mir noch kurz über den Arm und sagt: “Na guck, und 20 Kilometer hätteste garantiert auch geschafft.”
Und eigentlich… bin ich ja auch ganz zufrieden.


Und hier noch ein paar Fakten zum Bärenkopp an und für sich – die Wäller Tour wurde am 09.05. eröffnet und ist somit quasi noch pfuschjung. Wie der geneigte Leser aus Rukas Beschreibungen erahnen kann, sind wir den Rundweg versehentlich andersrum marschiert als vorgesehen – aber tatsächlich würde ich genau das auch weiterempfehlen.
Der erste Teil bis kurz vor den Bärenkopp ist nämlich eher beschaulich und unspektakulär, mit asphaltierten Wirtschaftwegen, Weiden, Blumenwiesen und Dörfchen. Durchaus nett, aber..naja. Nett eben. Haut einen aber nicht vor Begeisterung aus den Wandergaloschen.

Hinter dem Bärenkopp wird es so richtig hübsch mit Trampelpfaden, Wurzeln, Bächlein, Brücken und dem ganzen Zipp und Zapp, den ich so gerne mag. Wer also aus der Reihe tanzt und die Route vermeintlich falsch herum abläuft, bekommt das Beste zum Schluß. Und schön isses.

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