Alice im Klangwunderland

Allergikerhinweis: Dieser Text kann Spuren von Ironie, Albernheit und Übertreibung enthalten.


Trotz steter Bemühungen, meinen Geist und Charakter in eine gegenteilige Richtung zu formen, bin ich doch nicht gänzlich frei von Vorurteilen. Und ohne bis dato auch nur eine einzige weiterführende Information gelesen oder oder gehört zu haben, beschwörte das Wort “Klangschalenmassage” bislang vor meinem inneren Auge Bilder von räuberstäbchendurchnebelten höhlenartigen Räumlichkeiten herauf, in denen ein pumphosentragender Hippietyp mit Patschouli-Aroma unter Absingen von “Ooom!”-Gemurmel auf metallenen Schüssel herumkloppt und einen Heidenlärm verursacht.
Kurz: Eso-Kirmes. Nix für mich.

Nun hat sich allerdings meine Bekannte Jutta vor einer Weile zur Klang-Therapeutin ausbilden lassen, und da sie mit ihrer klugen, witzigen und bodenständigen Art überhaupt nicht meinem Bild vom dauerlächelnden Esofreak entspricht, mache ich mich heute mal auf den Weg nach Koblenz, um diesen Klangschalenfirlefanz mal auszuprobieren.

Schließlich bin ich ja ein wirklich außergewöhnlich aufgeschlossener Mensch und immer neugierig auf interessante Erfahrungen.
Also – zumindest in der Theorie.

Ich kämpfe mich also an diesem Nachmittag bei gefühlten 50 Grad Außentemperatur in Luigi, meinem Fiat ohne Klima-Anlage, durch den Feierabendverkehr hoch auf den Koblenzer Niederberg und lasse mich von Jutta in einen abgedunkelten Raum führen, in dem in der Mitte eine Liege steht. Am Kopf- und Fußende befindet sich jeweils ein riesiger Gong und rund um die Liege verteilt stehen überraschend viele Gerätschaften. Ich sehe viele kleine und große Metallpötte. Das sind dann wohl die ominösen Klangschalen. Tach auch.
“Ich bin total durchgeschwitzt!” stöhne ich und schmeiße meine Tasche auf einen der weißbezogenen Stühle.
“Magst du vorher noch duschen?”
“Was..MUSS ich denn?” Panisch schnüffele ich an meinen durchnässten Achseln.
“Du musst überhaupt nichts!” grinst Jutta und serviert mir erstmal ein Glas Wasser.
Schlichtes, kühles Wasser in einem stinknormalen Glas, ohne diffusen Bachblütenzusatz, Wasserverwirbler oder herumdümpelnde Heil-Edelsteine. Läuft.

Zuallererst erklärt mir Jutta, worum es bei der Klangmassage geht und wie so eine Behandlung abläuft. Tiefenentspannung und Selbstfindung stehen also auf der Tagesordnung. Ist ja genau mein Thema. Hüstel. Da hat sich mein uninformierter Hirnkasten wohl von dem Wort “Massage” täuschen lassen und irgendwas Mechanisches erwartet, eine richtige Massage eben, bei der irgendwie mit den Metallschalen auf den behandlungsbedürftigen Korpus eingewirkt wird. Massiert werden hier und heute wohl eher Geist und Seele statt verspannte Nackenmuskeln.
Selbst schuld, hätte ich ja vorher mal nachlesen können. Und meinem Geist kann’s bestimmt auch nicht schaden.

klangIch beäuge die zahlreichen Glöckchen, Klöppel, Schüsselchen, Metallröhrchen und diverse undefinierbare Utensilien und frage skeptisch “Wirst du das ALLES benutzen, also den ganzen Krempel hier?!” “Klar!”
Prima. Volle Esokraft voraus.

Trotzdem fühle ich mich sehr wohl im “Klangzimmer” und nach einem sehr persönlichen und tatsächlich recht hilfreichen Tip, wie man Wut und Groll loswerden kann (nehm ich, danke!) geht’s dann auch los. Ich darf mich auf der Klangliege ausbreiten, werde mit diversen Kissen allerbequemst gestützt und gebettet und mit einem weißen Tuch zugeckt. Das mutet zwar bei wüstenhaften Außentemperaturen ein wenig befremdlich an, aber Jutta sacht, datt gehört so. Dann bitte.

Ich bekomme insgesamt 3 Klangschalen auf Brust, Bauch und Knie gelegt und schließe die Augen. Ich fühle mich ein bißchen wie ein menschliches Salatbuffet.
Heilige Esoterika, steh’ mir bei!
Jutta berührt mich kurz an der Stirn und schon ertönt ein Gong. Gar nicht mal so unlaut – aber gar nicht mal so unangenehm. Immer wieder ertönen aus den verschiedensten Ecken des Zimmers verschiedenste Geräusche in unterschiedlichen Lautstärken. Hin und wieder zucke ich zusammen, wenn es neben mir klingt oder klongt und ich frage mich, wie Jutta es schafft, so lautlos hin- und herzuhuschen und ständig aus ‘ner anderen Zimmerecke herumzubimmeln.
Aber halt – ich sollte mich wohl besser nix fragen, ich sollte mich ja entspannen. Die Gedanken ziehen lassen und so. Blöderweise scheinen sich meine Gedanken in meiner Hirnstube aber gerade recht wohl zu fühlen und während die Klänge über mich und um mich herumvibrieren, denke ich über wichtige Dinge nach wie
“Verflixt, ich muss noch Olivenöl kaufen! ”
“Verflixt, ich will doch gar nix denken. Ich will mich doch entspannen!”
“Jetzt denk’ ich mal nix, hier.”
“Gar nix denke ich!”
Ich bin ein Entspannungsversager, wie er im Buche steht, aber das ist mir nicht neu. Ich kenn’ mich ja schon seit 40 Jahren.
Aber auch wenn meine Hirnwindungen herumzappeln wie ein Fisch auf dem Trockenen, fühle ich mich irgendwie gut aufgehoben und beinahe schon behütet. Außerhalb meiner Sehschlitze ist da gerade jemand dabei, dafür zu sorgen, dass es mir gutgeht.
Schön ist das. Hat man ja auch nicht so oft.

Immer wieder schlägt Jutta (oder wer auch immer da alles auf lautlosen Sohlen um mich herumhuscht – mir kommt’s ja fast so vor, als während noch mindestens zwölfzig weitere Leute im Zimmer, weil die Klänge ständig aus anderen Ecken zu kommen scheinen) auch leise die Schalen auf meinem Korpus an – und auch wenn die Dinger richtig was wiegen, fühlt sich das Klingen absolut angenehm an, warm und wohlig und kribbelig…ein leichtes Schwingen, ein sanftes Geräusch und “Bong!” ist die schon die nächste Schale dran und vibriert munter vor sich hin. Irgendwie richtig kuschelig, fast wie ein warmer Umhang aus Klängen. Da könnte ich mich dran gewöhnen.

Nachdem ich allklangliegee wichtigen Gedanken wie “Ich muss ja noch Buntwäsche machen und meine Eltern anrufen. Und nächste Woche sollte die Frau Schmitz endlich mal zur Impfung. Und das OLIVENÖL nicht vergessen! Und warum verliert mein Auto ständig Kühlwasser, da muss mal jemand nach gucken.” zu Ende gedacht habe, hab’ ich plötzlich einfach keinen Bock mehr auf Denkerei. Ums Olivenöl kann sich jetzt mal jemand anderes kümmern. Ich bleib’ jetzt einfach mal liegen und wickele mich in meinen Kuschel-Klangmantel. Der ist weich und bequem, den lass’ ich an. Und der dolle Kopp hat jetzt mal Sendepause.

Jutta gab mir den Rat, nicht allzu krampfthaft zu versuchen, den Kopf leerzukriegen und vorbeiflatternde Gedanken einfach ziehen zu lassen. Leider ist genau das nicht gerade einer meiner größten Stärken, ich kann ja eher herumzappeln und kribbelig sein  – aber jetzt im Moment finde ich es einfach behaglich, hier herumzuliegen und den Tönen zu lauschen. “Zur Ruhe kommen und nicht zappeln” ist ja für meine Verhältnisse schon das Maximum des Möglichen. Ich freunde mich mit den Metallschalen auf meinem Bauch an und bin fast empört, als Jutta sie nach und nach von mir runternimmt. Ey, gib’ mir meine Kumpels zurück!

Als das letzte Tönchen verklungen ist, bin ich angenehm schläfrig, räkele mich noch ein bißchen auf der Liege herum und habe so gar keine Lust, meine Sehschlitze wieder aufzuklappen. Jutta ist es wohl irgendwie gelungen, alle zwölfzig Helferlein unbemerkt zur Türe rauszuschieben, denn als ich die Augen aufmache, sitzt bloss das einzelne zarte blonde Persönchen im Stuhl und lächelt mich an.
Klangmassage.
Sachen gibt’s.

Fazit: Um bei meinem wirren Geist eine absolute Tiefentspannung und vor allem Gedankenfreiheit hinzubekommen, müsste man mich wohl schon mit der Klangschale ins Koma prügeln und dafür scheint mir Jutta zu friedfertig – aber trotzdem war’s ein sehr schönes und angenehmes Erlebnis und ich werd’ das auf jeden Fall wiederholen. Diesmal dann nicht mit falschen Vorstellungen und vor allem nicht als einen von vielen Terminen in meinem Kalender, die es flott zwischen Einkaufen, Buntwäsche und anderen Erledigungen abzuhandeln gilt. Und wenn es dann auch nicht klappt mit der totalen Entspannung…naja, dann halt beim übernächsten Mal.
Rom wurde ja auch nicht an einem Tag entspannt.


Empfehlung? Aber absolut! http://www.juniverme.de/

16 thoughts on “Alice im Klangwunderland

  1. Steif

    Ich bin jetzt in einen Stadtteil gezogen, wo derlei Wellness- und Heilbehandlungen Hochkonjunktur haben. Unser Nachbar ist Atlas-Therapeut, im Hause nebenan sind ebenso diese dubiosen Klangschalen zu hause. Im Portfolio befindet sich allerdings auch die Ausbildung zum Klangtherapeuten, “Lichtsprache”, Reiki, schamanische Einzelbehandlungen und “Klangabende”. Alleine die Namen KLINGEN KLANGlich schon sehr überzeugend und teuer, oder? Ich habe noch nie in so einer hohen Dichte von Heilpraktikern und dubiosen Therapeuten gewohnt. Da komme ich mir in meinem Job richtig “einfach” und “derbe” vor, wo das Handwerkszeug nicht aus Klöppeln und den warmen und eingeölten Händen, sondern aus Schaltplan, Schraubendreher, Seitenschneider, Kabelschere und Bohrmaschine besteht.
    Auch in einer hohen Dichte vertreten sind Apotheken. Auf 500m x 500m befinden sich 6! Apotheken inmitten von jeder Menge Butikken! Dieses Treiben der kunstpelzbehangenen Möchtegerns hinter ihren viel zu großen Sonnenbrillen zu beobachten, löst innere Verspannungen, sorgt für ein innerliches süffisantes Grinsen, Gelassenheit und gute Laune! Im Ernst: man kann sich wohl fühlen!

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  2. Elke

    Liebe Daniela,
    ich versuchs heute nochmal, ob mein Kommentar durchkommt. Mich würde das auch interessieren und stelle mir die Entspannung wunderbar vor. Aber ein Äuglein hätte ich doch mal riskiert um zu sehen, ob nicht doch die Heinzelmännchen da assistiert haben….
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Versuch’ es mal, wenn du die Gelegenheit hast – ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert!

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  3. Lizzy

    Das erinnert mich mal wieder dran, dass ich seit ca. … 5 bis 6 Jahren eine Klangschale kaufen möchte und mich schon mindestens zehnmal durch die online-hörproben-Seiten gegongt habe. Kann mich dann nie entscheiden, ob ich lieber einen feinen hellen oder einen schweren tiefen Klang möchte. Oder irgendwas dazwischen oder doch lieber eine Zimbel, einen Gong oder … ich glaube, dieses Jahr ist (mindestens) die erste fällig.

    Was mich ein bisschen wundert: dass jemand, der Katzen hat, mit dem *Om* scheinbar so gar nix anfangen kann. Ich meine: gegen eine schnurrende Katze ist das *Om* doch eine esoterische Anfängerübung. Geht aber für mein Empfinden in dieselbe “Empfiindungsecke”. Wenn man das mit dem *Om* halbwegs drauf hat irgendwann, dann vibriert der Körper ähnlich wie die schnurrende Katze. Keine Ahnung, wofür das letztlich gut ist – aber ich mag’s.

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich kenne eigentlich verdammt viele Katzenhalter, die mit Oooom nix anfangen können…so richtig hat das eine ja auch nix mit dem Anderen zu tun, finde ich 😉

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    2. Lizzy

      meine schnurren schon das *Ommm* aber hab’ ich sicher nur Glück gehabt ;-p
      Dafür hab’ ich keine Seele, die massiert werden könnte 🙁 Pecht gehabt.

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  4. Blumenmond

    Na, wenn Du das empfiehlst, dann wär das nen Versuch wert. Esoterik-Kirmes… sehr schön und ja, das scheint es für mich auch oder soll ich sagen schien? Wenn so ein bodenständiger Geist wie Du Gefallen dran finden kann, dann werde ich mich dem bei Gelegenheit auch mal öffnen und mich als Klangschalen-Salatbuffet beruhigen lassen.

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Wie schon oben geschrieben – es ist auf jeden Fall einen Versuch wert.
      Ich bin noch nicht ganz sicher, ob es für MICH was ist…aber ich werd’s auf jeden Fall nochmal probieren, ist eine spannende Sache 😉

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  5. Frau Fröhlich

    Hihi, sehr cooler und wieder mal in tollem humorvollen Stil geschriebener Bericht und auch noch sehr interessant vom Thema her. 🙂

    Da gerät man ja beim Lesen schon fast in Entspannung. Ich glaube, das wäre auch was für mich.

    LG Frauke

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Wie schon oben geschrieben…wenn man die Gelegenheit hat, sollte man es mal ausprobieren. Muss ja auch nicht jetzt im Sommer sein, da bietet die Natur ja auch schon viel Entspannung 😉

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  6. Fräulein Bummelei

    Man kann sich dich so richtig vorstellen, wie du zuerst skeptisch unter deinem Tuch herumtranspirierst, und dich erst nach und nach in deine Rolle als Salatbuffet hineinfindest 😀 Herrlichst!
    Persönlcih hab ich das noch nie gemacht, und würde auch eher Hippie-Priestern ein solches Handwerk zugestehen. (So, wie das jeden anfummelnde, räucherstäbchen-paffende Hippie-Priester-Paar, das mal einen Paar-Massage-Workshop geleitet hat, den ich gezwungenermaßen mitmachen musste) Klingt aber dann doch ganz nett, das Klangschalenbeschallen….

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich hab’ NICHT unter meinem Tisch “herumtranspiriert”, das verbitte ich mir!
      Naja..obwohl..doch – hab’ ich wohl 😉

      Nein, es war wirklich prima – aber Geistwanderungen und Schwitzhütten mach’ ich trotzdem nicht. So.

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