“Vom Esel zum Affen gemacht” – Eselwandern in der Eifel, Teil 1

Vor einer Weile habe ich einen tollen Film über einen Pilgerer gesehen, der den Jakobsweg in Begleitung eines Esels gewandert ist, und die idyllischen Bilder dieses ungleichen schweigsamen Paares in hübscher Landschaft hatten sich tief in meine Hirnrinde gefressen. Vor kurzem bin ich dann beim Herumspazieren im Netz auf die Seite Eselwandern Eifel geplumpst und konnte dort zu meinem Entzücken lesen, dass man sich im Örtchen Bongard in der Eifel tatsächlich einen Esel ausborgen und mit ihm dort wandern gehen kann.
Angesichts der Tatsache, dass zumindest ICH gerne wandere und der Herzmann das tierliebste Herz unter der Sonne und zudem auch noch Geburtstag hat, scheint mir ein Gutschein für eine Eselwanderung ein Spitzengeschenk – und nachdem ich nach kurzem E-Mail-Austausch “ins Eselbuch eingetragen” wurde (und vor Entzücken über diese Formulierung erstmal kräftig – und leise, der Geburtstagsüberraschung wegen – gequietscht habe), stehen wir nun an diesem sonnigen Sonntag vorfreudig am Holztor von Petra Landsbergs entzückendem Forsthaus und harren der eseligen Dinge, die nun kommen mögen.

keineselDie ersten Fellknäuel, die uns entgegenrasen, haben maximal Unterbeinhöhe, bellen und wedeln wie Irrwische mit den Schwänzen. “Das sind KEINE Esel!” verkünden wir höchst fachmännisch und stellen damit sofort mal klar, dass man es hier nicht mit Laien zu tun hat. Wir kennen uns in der Tierwelt aus und lassen uns kein Hunde-X für ein Esel-U vormachen, nämlich.

Nachdem wir uns durch die bellende Hundeschaft gekuschelt haben, werden wir von Petra und Sohn Max mit Hund, Katz’, Ziegen und der Eselherde bekanntgemacht. Ich bin begeistert, verliebt, entzückt und verkünde sogleich erste Einzugsabsichten auf diesem wunderschönen Hof, auf die Petra allerdings komischerweise irgendwie nicht ernsthaft eingeht. Manno.

Da wir die ersten Wandervögel an diesem Morgen sind, dürfen wir uns einen Esel aussuchen – aber wie soll man sich bloß entscheiden, wenn sich einem so viele vorwitzige Köpfe mit langen Ohren entgegenstrecken? Die gesamte Herde ist einfach nur zum Knutschen. “Können wir nicht einfach alle mitnehmen?” frage ich zaghaft und werde fröhlich ausgelacht. Naja. Aber ‘ne Frage war’s wert.

Nach ein bißchen Links- u. Rechtskraulen entscheiden fällt die Wahl auf Ali, einen goldigen zauseligen Eselmann mit Migrationshintergrund und trauriger Vergangenheit. Kahle Stellen und eine kleine Kuhle in seinem Rücken zeugen von vielen Stockhieben und Misshandlungen, und mir blutet das Herz. Menschen können so unfassbar scheiße sein.
Aber nun ist der strubbelige Esel ja in Sicherheit und hat garantiert ein ganz wunderprächtiges Leben – und auch wenn er erstmal unsere ziemlich unbeholfenen Putzversuche ertragen muß, wirkt er ganz fröhlich und zufrieden. Da hält er es wohl mit seinem Verwandten aus den Bremer Stadtmusikanten – “Etwas Besseres als den Tod findest du überall.” Mit diesen Leitsatz lässt es sich wohl auch gelassen ertragen, wenn zwei Esel-Rookies mit eigentümlichen Utensilien  an einem herumschubbern und dabei unablässig “Ja, feiner Esel, feeeein!” säuseln. Könnte schließlich schlimmer sein.

Während des Putzvorgangs serviert uns Petra leckeren Pfefferminztee, einige spannende Infos über Esel im Allgemeinen und eine Gebrauchsanweisung für unseren Wanderkumpel im Speziellen. Wir stopfen uns die Hosen- und Rocktaschen mit Bestechungs-Möhren voll und erhalten eine Wanderkarte sowie eine Sprühflasche mit Wasser. Esel sind nämlich wasserscheu, so lernen wir, und sollte unser designierter Wandergefährte mal an irgendeiner Stelle des Weges nicht weiterwandern wollen, so reicht wohl ein kurzer, nasser Spritzer aufs Hinterteil und der Eselwagen rollt wieder an. So zumindest die Theorie.

dreieselNach der Theorie soll dann nun die Praxis folgen – los geht’s mit der Eselei. Petra und Hund begleiten uns noch ein Stückchen, unser neuer Freund Ali trottet fröhlich neben uns her und wackelt dabei munter mit seinen plüschigen Ohren. Mit der bunten Kordel-Gardine, die die Esel-Augen vor den herumschwirrenden Bremsenschwärmen schützen sollen, sieht Ali aus wie ein lässiger Rastafari und macht dem Herzmann in Sachen Coolness ganz schön Konkurrenz.

Bevor sich Petra verabschiedet, gibt sie uns noch den Rat, unseren Esel nicht ständig unterwegs, sondern erst bei der ersten Rastpause vom Gras am Wegesrand fressen zu lassen. “Wenn ihr das erst einmal erlaubt habt, will Ali nämlich überall nur noch fressen und ihr kommt keinen Meter mehr voran.” Wir nicken folgsam und Petra verschwindet.  Ali versenkt als erste Amtshandlung sogleich den Kopf tief in der frischgrünen Wiese und kaut selig mit vollen Backen. Na, prima. Läuft.
Wider Erwarten trottet er aber trotzdem sofort artig mit uns mit, als wir konsequent, total entschlossen und in vor!-bild!-licher Eselführer-Manier losmarschieren. Wir haben’s also voll drauf.

zweieselGemütlich zockeln wir nun also durch die Botanik und Ali scheint unsere Gesellschaft soweit ganz ok zu finden, solange er sich ab und zu mal ‘ne Ladung Gras aus der Erde rupfen kann oder ein Möhrchen bekommt. Alternativ zu den Möhren würde er zwar auch gerne mal meinen Rock auffressen, aber ich lege grundsätzlich Wert auf eine sittsame Oberbekleidung und muss dem Esel diesen Wunsch daher leider abschlagen und ihm den Stoff wieder aus dem Maul zerren.

Wir ergötzen uns an dem knatschblauen Himmel und den malerischen Wiesen, an denen sich Ali großzügig bedient. Unfassbar, wievel Gras und Blumen so in einem Eselmagen Platz haben. Obwohl die Wanderkarte ziemlich idiotensicher beschriftet zu sein scheint, sehen wir plötzlich die Landstraße am Horizont, zu der wir aber eigentlich auf gar keinen Fall gelangen sollten. Wir drehen und wenden die Karte in alle Himmelsrichtungen und blicken ratlos in die Atmosphäre. Da hammer uns wohl verlaufen.
Wir Esel, wir.
besprechung
“Wo geht’s denn jetzt lang?” befrage ich das Ali-Orakel, aber der guckt mich nur unbeteiligt aus seinen großen braunen Augen an und versenkt sofort wieder mampfend das Maul im Grün. Von dieser Seite aus ist wohl keine Hilfe zu erwarten, wie mir scheint.
Die spärlichen Schilder am Wegesrand bringen auch keine nennenswerte Erleuchtung.

Nach kurzer Lagebesprechung (aus der sich Ali gänzlich uninteressiert und ohrenwackelnd raushält) beschließen wir, einfach den Weg wieder zurückzugehen – zum einen haben wir gefühlt in den letzten 2 Stunden gerade mal einen Kilometer zurückgelegt und zum anderen ist somit ein erneutes Verlaufen zumindest ausgeschlossen.
Dem Esel isses wurscht.

Nachdem ich dem Vierbeiner nun schon die ganze Zeit beim genußvollen Futtern zugeguckt habe, signalisiert auch mein eigener Magen ein deutliches Hungergefühl. In meiner Vorstellung von dem heutigen Tage habe ich den Herzmann und mich maximalidyllisch bei einem ausgiebigen gemütlichen Picknick auf einer lauschigen Bank gesehen, mit unserem neuen Eselfreund in Kraul-Reichweite und einer reizenden Landschaft vor Augen – in der Realität mampfen wir nun unsere Stullen einhändig im Stehen, während Ali zufrieden unter lautem Geknurpse die komplette Flora der Eifel auffrisst. Und da das Leben bekanntlich aus Geben und Nehmen bestehen, werden wir dafür als Gegenleistung  von blutdürstigen Bremsenschwärmen aufgefressen. The circle of life par excellence.
Der Herzmann grinst mit dampfender Kippe im Mundwinkel “Mir scheint, unser Esel macht uns hier ganz schön zum Affen.” Könnte was dran sein.


– mohr to come –
“Vom Esel zum Affen gemacht” – Eselwandern in der Eifel, Teil 2

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