“Vom Esel zum Affen gemacht” – Eselwandern in der Eifel, Teil 2

Was bisher geschah – “Vom Esel zum Affen gemacht” – Eselwandern in der Eifel, Teil 1


Als das hungrige Langohr die Wiese großflächig abgetragen und samt Disteln, Kamillen und Butterblumen in seinem Magen versenkt hat, ist es dann auch großherzig gewillt, wieder ein kleines Stückchen zu marschieren. Zumindest bis zur nächsten Kurve, um die ein ebenfalls wanderndes Pärchen mit zwei weiteren Eseln im Schlepptau biegt – und Ali scheint sich ein Loch in den vollgefressenen Bauch zu freuen, seine Kumpels wiederzutreffen. Es handelt sich um die Eseldame Trude und ihren kleinen Sohn Theo – und die Begeisterung scheint ganz dreierseits, denn die Esel schubbern sich fröhlich aneinander und haben vor lauter Wiedersehensfreude so überhaupt keinen Bock mehr, mit den ihnen zugeteilten stinklangweiligen Zweibeinern weiterzugehen.
Die Zweibeiner hingegen sind mit der Gesamtsituation kurzfristig überfordert – und so stolpern wir uns alle erstmal kichernd und tolpatschig gegenseitig in den Füßen herum und versuchen, der renitenten Eselschaft Herr zu werden. Es gelingt uns zwar irgendwie durch Möhrchenbestechung, die jeweiligen Hufpaare in die jeweils entgegengesetzte Richtung zu lenken, aber nachdem er ungefähr 3,452 Meter mit uns mitgezockelt ist, fällt Ali wohl wieder ein, dass er jetzt eigentlich doch viel lieber bei der schönen Trude wäre. Vielleicht fällt ihm auch nun im direkten Vergleich zur Eselgesellschaft auf, dass wir eigentlich ziemlich doof sind, weil wir seine Interessen “Grasfressen, Ohrenwackeln, Eseldamen-Gucken” so gar nicht teilen. Also bleibt der Esel einfach wie festgeschraubt stehen und bewegt sich keinen Zentimeter mehr.

Wir versuchen es durch entschlossenes Anmarschieren und leichtem Zug an der Leine.
Ali bewegt sich keinen Milimeter.

Ich versuche es mit liebreizendem Zureden und hartnäckigem Schieben am dicken Eselpopo, unter Aufbietung aller mir zur Verfügung stehenden Körperkräfte.
Ali bewegt sich keinen Milimeter.

Der Herzmann strafft die Leine, versucht es mit Möhrchen, Kraulen, Zureden, Bitten und Betteln.
Ali bewegt sich keinen Milimeter, wackelt aber immerhin einmal kurz mit dem rechten Ohr.

Alle Lockrufe, Schmeicheleien und sonstige Versuche enden erfolglos, selbst mit dem allerköstlichstem Supergras vom Wegesrand lässt sich Ali nicht bestechen und uns läuft so langsam der Schweiß in Strömen vom Ziehen und Schieben am scheinbar festbetonierten Eselkorpus.

(Anm. d. Red. – Das wäre nun natürlich der perfekte Zeitpunkt um die Wasserflasche einzusetzen, die fröhlich in meinem Rucksack hin- und hergluckert, aber irgendwie kommt uns das  ein bißchen fies vor – denn schließlich kann Ali auch nix dafür, dass wir so eine öde Gesellschaft sind und er zurück zu seinen Eselfreunden will. Finden wir zumindest.)

IMG-20150614-WA0019-1Nachdem wir uns als offenkundig äußerst begriffsstutzig erwiesen haben, bekundet Ali durch mehrere markerschütternde “I-aaaaaah!”s und ziemlich abruptes Herumschwenken des Eselpopos, dass er doch nun bitteschön herzlich gerne in die entgegengesetzte Richtung gehen würde. Dummerweise stellt er sich beim Wendevorgang kurz und kräftig auf meinen rechten großen Zeh und ich sehe vor meinem inneren Auge bereits den Zehennagel dahinschwinden. So ein Eselkorpus hat ganz schön Gewicht und so’n Huf ist gar nicht mal so richtig weich und kuschelig. Aber unter Ultraläufern werden intakte Fußnägel ohnehin nicht allzu hoch bewertet.
Ali iiii-aaaht erneut. Wir schauen uns seufzend an und beugen uns den Tatsachen. Der Esel hat uns im Griff. Da machste nix, machste da.

Mit ähnlich hilflosem Gesichtsausdruck kommt uns nun auch das Wanderpaar mit Trude und Theo entgegen und wir müssen lachen – “Auch keine Chance bei euch?” “Nix zu machen!” bestätigt der junge Herr, der die Eseldame an der Leine führt. Es ist nicht so, dass wir an dieser Stelle in irgendeiner Form aktiv beschließen, als 7-köpfige Herde weiterzuwandern – wir haben einfach keine Wahl. Die Esel haben entschieden.

eselherdeUnd nachdem wir uns der Erkenntnis gestellt haben, dass wir nix zu melden haben und die Eselschaft das Kommando übernommen hat, verläuft der Rest der Wanderung auch ziemlich harmonisch. Aus den 3 Eseln sind halt nun 7 geworden. Die Vierbeiner bestimmen die Richtung und das Tempo, und die Zweibeiner zockeln folgsam hinterher. Wir bleiben stehen, wenn die Esel grasen wollen und marschieren weiter, wenn der Eselschaft der Sinn danach steht. Hin und wieder versenkt Ali den Kopf auch mal nicht im Gras, sondern zwischen den Hinterbeinen von Eseldame Trude und was er da so erschnuppert, scheint ihm ganz ausgezeichnet zu gefallen.
Läuft.

Zum Glück ist das Paar aus dem Aachener Raum nett und witzig und wir müssen uns auch gar nicht voreinander genieren, da wir uns alle gleich dusselig anstellen mit unseren jeweiligen Eseln. “Könnte schlimmer sein” bemerkt die junge Dame schmunzelnd, während wir zum wiederholten Male in sengender Sonne braten und vom Bremsen angeknabbert werden, weil unsere langohrigen Wanderkumpels nun aber gerade just hier und nicht etwa im Schatten vom saftigen Gras fressen wollen. “Wir könnten zum Beispiel in der Wüste unterwegs sein. Ohne Wasser.” “Genau!” entgegne ich und deute auf ihren gewölbten Babybauch “oder bei dir könnte die Geburt losgehen und wir hätten nirgendwo ‘ne Hütte.” “Wie bei Maria und Josef.”
Wir kichern im Kollektiv und lassen uns von Ali, Trude und Theo weiter durch die Botanik lotsen.
Die skurile Situation hat durchaus ihren eigenen Charme und den lustigen Eseln kann man ohnehin nicht böse sein – die sind halt Anarchos und lassen sich nix vorschreiben, was ja im Grunde ein äußerst symphatischer Wesenszug ist.
Kurz vor Erreichen des Forsthauses zeigen die Vierbeiner uns noch, was “Stalltrieb” bedeutet. Im Affen-, pardon Eselszahn werden die letzten 100 Meter zurückgelegt, das bislang so heißbegehrte Gras am Rand bleibt komplett unbeachtet – und wir stolpern erneut ziemlich döspaddelig hinterher. Die kurze Wartezeit am Holztor nutzt unser Eselwomanizer Ali, um noch fix eine schnelle Nummer mit der schönen Trude zu schieben und wir lachen uns endgültig kaputt.
Was für ein krönender Abschluß eines chaotischen Tages.

klasseeUnd obwohl wir in der Praxis so jämmerlich versagt haben, erhalten wir am Ende doch noch den begehrten “Führerschein Klasse E”. Wir reden uns auf der Heimfahrt erfolgreich ein, dass wir das unserem unschlagbar fundierten Theorie-Wissen zu verdanken haben, realistisch betrachtet gab’s den Lappen aber wohl eher aus purem Mitleid.
Doch am Ende zählt ja das Ergebnis.
Mit dreifach donnerndem I-aaaaah!


gruppenfotoEpilog:
Wenn man Tiere mag, einen lustigen Tag verbringen möchte und damit klarkommt, von einem Esel zum Affen gemacht zu werden, dann ist ein Besuch auf dem Eselhof in der Eifel ein absolutes Muss!

Wenn man beim Wandern allerdings hauptsächlich Tempo und Strecke machen will, selbst ‘nen ordentlichen Sturkopp hat und es nicht so richtig super findet, wenn nicht alles genau nach Plan läuft….dann doch lieber nicht.

9 thoughts on ““Vom Esel zum Affen gemacht” – Eselwandern in der Eifel, Teil 2

  1. Ilona

    Ich wollte ja immer mal mit einem Esel wandern. Finde die Idee super. Und dann hört man immer solche Geschichten, dass es ja nicht sooo einfach ist, einen Esel davon zu überzeugen, dass er jetzt tun soll, was er tun soll. Das ist wohl der Grund, warum in anderen Kulturen, in denen Esel als Arbeitstiere eingesetzt werden, sie mit dem Stock vorangetrieben werden 🙁 :-/ Andererseits denk ich mir: Wenn sie einfahc immer so hartnäckig wären – hätten sie sich dann als Arbeitshilfen so durchgesetzt? Hm…

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich denke mal, dass es zum Eselführen wohl einfach auch Erfahrung und auch ein bißchen Konsequenz braucht – unsere “Führungsqualitäten” haben sicher nicht allzu viel getaugt 😉

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ja, wir im Nachhinein auch – aber irgendwie waren wir im entscheidenden Moment ein bißchen blockiert im Kopf 😉
      So’n Wasserspritzer tut ja nicht weh und es wäre wohl ‘nen Versuch wert gewesen 😉

  2. Elke

    Liebe Daniela,
    HERRRRLICH! Ich hatte auch schonmal einen solchen Film gesehen und spontan gedacht, Mensch, das wäre mal was! Und dass es das hier in der Nähe gibt … Danke für den Tipp und die köstliche beiden Posts. Ja, ich will mich auch der Eselei hingeben!!!
    Liebe Grüße
    Elke

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ja, das musst du UNBEDINGT! 😉
      Davon abgesehen dass es wirklich ein witziger Tag war, haben wir auch jetzt im Nachinein noch total Spass dran, wenn wir uns die Bilder angucken und das Ganze nochmal durch den Kopf gehen lassen. Und die Esel sind sowas von süß und lustig!

      Mach’ das!

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