Lucy in the sky with…Stängele!

Die Meldung “Neuzugang im Miezhaus” ist für meine Neugiernase immer ein Startsignal, mich möglichst flott mit Leckerchen zu bewaffnen und dem neuen vierbeinigen Bewohner meine Aufwartung zu machen. Dieses Mal sollte eine rauhbeinige ältere Katzendame mit Namen “Lucy” eingezogen sein, deren Herz wohl nicht gerade im absoluten Übermaß für die Menschenschaft schlagen soll. Kurz: Eine zickige Oma, die gerne mal die Krallen ausfährt, wenn ihr was nicht passt – und die vermutlich richtig angepisst darüber ist, dass sie auf ihre alten Tage ihr Zuhause verloren hat und nun erstmal im Katzenknast wohnen muss. Schöner Mist. Da wäre ich auch stinkig.
Aber “eigenwillige Charakterkatzen” mag ich ja ganz besonders gerne, also mache ich mich sogleich mit meiner schwäbischen Mitstreiterin und einer großen Packung Knabberstangen auf zum miezigen Blind-Date.

Als wir vorsichtig die Tür zum Büro der Katzenhilfe – Lucys Übergangswohnzimmer – öffnen, erblicken unsere gespannten Augenpaare zwei gefüllte Futternäpfe am Boden und eine Trinkschale…aber weit und breit niemanden, der sich an diesem Buffet bedienen könnte. Katzenoma Lucy glänzt durch zurückhaltende Contenance, was ich nachvollziehen kann. Ich würd’ mich auch nicht jedem Hinz und Kunz in den Arm schmeißen, der einfach ungefragt in mein Hotelzimmer latscht.

Wir starten unser erprobtes Katzen-Betörungsprogramm mit dem säuseligen Anstimmen schmeichelnder Sirenengesänge. “Luuu-huuuuucy” wispere ich unter Aufbietung meines komplettes Liebreizes in höchstmöglicher Stimmlage – “Wo biiiiist du, feinekleines Lucymäuslein?”
Wir lauschen in die Stille – nix, kein Rascheln und oder Scharren deutet darauf hin, dass irgendwo im Raum eine Katze Anstalten macht, ihr Versteck zu verlassen um uns zu kontaktieren. .
Natalie als Schwäbin weiß, das Liebe auch durch den Magen geht und raschelt verlockend mit der Knabberstangentüte. “Luuuucy, mir honn häi Stängele, kumm doch emol heeer”. Keine Reaktion.
Nachdem wir alle Strophen des Katzenlockkonzerts abgesungen haben, wechseln wir in die niedrigste Gangart, kriechen auf dem Boden zwischen Katzenklo, Futterschalen und Katzenstreusäcken herum, stecken unsere Schädel in jeden möglichen Winkel und “lu-huuuucien” dabei unablässig mantramässig vor uns hin. Aber in keiner der abgesuchten Ecken ist auch nur ein Hauch Pelz zu entdecken – dafür ist nun allerdings der Boden porentief sauber. Wir zucken ratlos die Achseln.
Natalie bringt die Sache eindeutig auf den Punkt:
“Häi isch koi Katz!”

(Das die Katzenoma zu diesem Zeitpunkt vermutlich in luftigster Höhe von “ihrem” Schrank aus unser unwürdiges Treiben beobachtet und dabei irgendwas Abfälliges denkt wie “Diese jämmerlichen Menschen mit ihren peinlichen, kleinen Gehirnen…erbärmlich!” ahnen wir zum Glück nicht. Hätte aber auch nix geändert.)

Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass die Miezenseniorin wohl gerade einen kleinen Ausflug unternimmt und pfötchenhaltend mit einem grauschläfigen, rüstigen Katzenmann auf einer Bank am Rhein in den Sonnenuntergang maunzt – und treten den Rückzug an.

lucyferFür den nächsten Versuch lassen wir uns mit genauen Koordination zur Katzen-Ortung versorgen (“Auf dem höchsten Schrank im Büro, ganz oben rechts, unter dem Regal mit den Transportkörben”) und nachdem wir uns mittels Trittleiter in die nächsthöhere Ebene begeben haben, blickt uns aus der hintersten Ecke tatsächlich ein ziemlich misstrauisches Augenpaar an. “Da ist ja die LUCY!” / “Do isch jo d’LUCY!” quietschen wir zweisprachig und maximaleuphorisch, aber die Freude scheint doch recht einseitig.
“Luuuucy, guggemol, mir hann Stängele” versucht Natalie ihr Glück und bricht ein kleines Stückchen der normalerweise sehr begehrten Katzenleckerei ab, um die brummige Miezenoma aus der Schrankreserve zu locken. Tatsächlich scheint Madame nicht uninteressiert und lässt sich immerhin dazu herab, sich das köstliche Angebot mit langausgestreckter Pfote (und ziemlich furchteinflössendem Blick) von der Schrankkante zu angeln. Läuft. Wir fühlen uns wie Katzenflüsterer in Reinform und brechen im Sekundentakt emsig neue Stängele-Stückle ab, um uns die Gunst der noch recht zugeknöpften Samtpfote zu erkaufen. Immerhin stimmen die Leckereien die Katzendame so milde, dass sie fast eine halbe Minute lang ihren brummig-hinreißenden Kopf unter dem Regal hervorstreckt und mir erlaubt, den lustigen roten Fellpuschel zwischen ihren Ohren zu kraulen. Ich fühle mich geadelt. Und wie zur Hölle es diese vierbeinigen Pelzträger nur immer wieder schaffen, dass man ihnen aus tiefster Faser ihres Herzens dankbar ist, wenn sie einem – metaphorisch gesehen – einen winzigen Brotkrumen vor die Füße schmeissen, wird wohl für immer ein Rätsel der Wissenschaft bleiben. Menschen müssen sich zumindest deutlich mehr anstrengen, um meine Gunst zu gewinnen – bei Katzen reicht schon ein wohlwollendes Zucken der Augenlider und mein Herz flattert ihnen im Sturzflug zu.

Beim nächsten Stängele-Kränzchen mit Lucy werden wir mutiger und kraulen zwischen den einzelnen Leckerchengaben immer wieder beherzt den brummigen Katzenkopf – und Natalie wird dafür auch nur ein klitzekleines bisschen mit Schmackes in die Hand gebissen. Grundlos, versteht sich. Die Hand war halt einfach nur da. Wir sind ja auch schließlich selbst schuld, wenn wir der kapriziösen Tigerin immer wieder unsere Griffel vor die süße Nase halten. Unwürdige Menschlein, die wir sind.

Später dann halten wir vor Überraschung den Atem an, als die Miezenmadame sich allen Ernstes anschickt, ihre Schrank-Chaiselongue zu verlassen und sich doch tatsächlich zu uns zweibeinigem Fußvolk auf den selbigen Boden zu begehen. “Heiligs Blechle!” staunt Natalie und “Leckofatz!” entfährt es mir. Mit einem lässigen “Ist was?” im Blick streicht uns Lucy doch dann tatsächlich um die Beine und fordert unzweifelhaft eine Streicheleinheit ein.
“D’Lucy will gschtreichelt wärre!”
“Gibt’s ja nicht!”

Dummerweise macht meine Gefährtin aus dem Schwabenland den Fehler, der schnurrenden Lucy eine Nanosekunde lang ihre Aufmerksamkeit zu entziehen, weil ich gerade irgendeinen Blödsinn erzähle – und wird prompt für ihre unverzeihliche Missetat mit einem beidpfotigen Schlag in den Unterarm bestraft. Unter vollstem Einsatz der Krallenwerkzeuge, versteht sich. Würde ja sonst nur halb so weh tun.

LucyPunktiert und filetiert (Natalie) und ein wenig ratlos, aber erleichtert selbst nicht zerfleischt worden zu sein (ich) verlässt das schwäbische-rheinische Katzenflüstererteam das Büro bzw. die Residenz der alten Katzendame.
Aber genau wie in den gleichnamigen Lied von Simon & Garfunkel, in dem ein Boxer darüber berichtet, wie er sich bei seinen Kämpfen blutige Nasen und ein gebrochenes Ego holt und trotzdem jeden Abend erneut in den Ring steigt, stehen auch wir immer wieder bei der undurchsichtigen Miezendame auf der Matte, um uns ihr Wohlwollen zu erstängeln, ihren süßen Katzenkopf mit dem roten “Sträussle” zu kraulen und ein paar Kratzer einzukassieren. Und dabei drücken wir Lucy natürlich alle Daumen, dass sich ganz bald jemand von ihrem rustikalen Charme ums Pfötchen wickeln lässt und sie mit nach Hause nimmt. Nur – selbstbewußt sollte der neue Besitzer schon sein. Solche Blicke abgrundtiefer Verachtung erträgt nicht jeder.


Falls jemand die getigerte Schrankbewohnerin kennenlernen möchte – derzeit ist sie bei der Katzenhilfe Neuwied zu Hause. Aber hoffentlich nicht mehr allzu lange.

6 Gedanken zu „Lucy in the sky with…Stängele!

  1. Kerstin

    Göttlich geschrieben – ich schmeiß mich weg vor Lachen 😉

    Wenn du deine Katzenstories schreibst, läuft bei mir immer Kopfkino mit 😉

    Jaja, die Katzenomas sind schon auf ihre ureigene Art ganz besonders, diese Erfahrung durfte ich ja am eigenen Leib machen, als ich mir meine damals schon 10 jährige Katzendame Maja ( inzwischen stolze 16 ) ins Haus geholt habe – sie ist und bleibt ein Unikat, sowas wie sie mitsamt ihren Eigenarten gibt es garantiert kein 2. Mal 🙂

    Für die Lucy ganz doll viel Glück bei der Vermittlung – wer ihr für den Rest ihres Katzenlebens ein Zuhause schenken darf, kann sich ganz besonders glücklich schätzen : Er bekommt nicht nur eine wunderhübsche Katze, sondern eine mit Persönlichkeit !

    Achja – habe ich schon erwähnt, das Katzenkratzer nicht wirklich welche sind ? Das sind Unterschriften fürs Leben 😉

    Liebe Grüße und Knuddels für die Lucy,

    Kerstin

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  2. wortgestoeber

    Hallo Daniela,
    das is ja wohl nicht wahr, ich habe mich so amüsiert, ein toller Artikel. Eure Lucy ist ja wirklich einmalig. schenkt ihr ganz viele Stängle, sie hat sie sich redlich verdient, so einmalig wie sie ist. Ich hoffe sie sucht sich den richtigen Dosenöffner bald aus.
    LG
    Wortgestoeber

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  3. Elke

    Hallo Daniela,
    ich drücke mit die Daumen, dass Lucy schnell ein neues Zuhause findet. Kann man ja verstehen, wenn sie momentan nicht so zufrieden ist. Aber Eure Stängele-Wahl schien ja schonmal gut, wenn sie sich damit locken ließ. Und tapfer seid ihr, ihre kleinen Unmutsbezeigungen auszuhalten. Man weiß ja, wofür mans tut…
    Liebe Grüße
    Elke

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  4. Frau Fröhlich

    Uih, bei dem Blick kann einem schon Angst und Bange werden.
    Ich drücke ihr die Daumen für eine schnelle Vermittlung und dass sie ein schönes neues Zuhause auf Lebenszeit findet.

    Wäre ich mit euch vor Ort gewesen, hätten wir wohl als Trio rumgesäuselt *ggg*.

    LG Frauke

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  5. When the cat is away

    Oh, Schade, ich hatte das Posting anfangs falsch verstanden und dachte, die werte Dame habe schon ein zu Hause gefunden. Ich hoffe, jemand findet sich – eine Mieze zu vermitteln, die sowohl alt wie sehr eigensinnig ist, ist vermutlich schwer.

    Nichtsdestotrotz musste ich herzlich lachen!! Ganz besonders beim Part, wie wenig Katzen tun müssen, um meine volle Aufmerksamkeit und mein ganzes Herz zu bekommen. Sehr effektiv sind sie ja, das muss man ihnen lassen!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Stimmt, ist wohl missverständlich ausgedrückt – ich ändere den Textanfang nochmal ab 😉
      Ja, gerade jetzt in der Zeit des “Babybooms” haben es die alten Miezen doppelt schwer, einen Besucher für sich zu begeistern – aber am Ende wird oft alles gut und dafür drücke ich Grummel-Lucy alle Daumen!

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