Wer später altert, bleibt länger jung!

“Gib ungebändigt jene Triebe,
das tiefe schmerzenvolle Glück,
des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
gib meine Jugend mir zurück!
(aus Goethes “Faust”)


Wenn man sich mit ambitionierten alten und mittelalten Laufhasen unterhält (was bei mir eher selten vorkommt, weil die in meinem Fall meist schon rennend am Horizont verschwunden sind, bevor ich mir überhaupt die Schuhe zugemacht habe), ist das Thema “frühere Bestzeiten” und “-leistungen” oftmals ein solches.
“Nee, so’n Marathon unter zweidreißisch so wie früher ist bei mir nicht mehr drin, die Zeiten sind lange vorbei.” oder “Bei ‘nem Zehner kann ich heute allerhöchstens noch den 1. Platz in meiner AK machen – so’n Rennen komplett gewinnen geht schon lange nicht mehr.”
Und dann liegt nebem dem typischen Funktionsfaserschweißgeruch auch immer ein Hauch Wehmut in der Luft – und ich freue mich dann immer ein kleines bißchen, dass mir selbst der “Ich bin alt und die guten Läuferzeiten sind vorbei”-Schuh nicht passt. Auch wenn frau mit Anfang Vierzisch läuferisch gesehen doch schon so’n bißchen in die Altmetallsammlung gehört, wenn man diesen Gesprächen Glauben schenken darf. Aber bei mir gibt’s nun mal keine “gute alte Zeit”, die ich wehmütig heraufbeschwören könnte.

Ich hab’ meine allerersten Laufschritte (oder vielmehr…”Keuchende-Joggerschlappschritte”) erst mit Mitte Zwanzig gemacht, was also schon mal die ganz großen Jugenderfolge ausschließt. Und nach den ersten Joggingversuchen hat es nochmal eine mächtig lange Weile gedauert, bis ich überhaupt ein paar Kilometerchen am Stück hoppeln konnte, ohne das mir meine Omma-selig fröhlich aus dem weißen Licht am anderen Ende eines dunklen Tunnels zuwinkte. In diesem Zustand meißelt man keine Bestzeiten in Stein, da ist man nur froh, das man lebt.

Danach kam dann die dusselige Phase, in der ich unbedingt all das tun wollte, was die ganzen tollen sportgottgleichen Läufer in den entsprechenden Foren tun – nämlich mit Startnummer auf dem Bauch bei Wettkämpfen mitrennen und sich dabei (zumindest in meinem Fall) gepflegt zum Vollhorst machen, fürchterlich leiden und am Ende dann doch Letzter werden (sofern keine fußkranken Walker mitmachen. Davon hab’ ich sogar schon mal einen überholt). Das übliche Forengeschwalle wie “Wenn du dich Läufer nennen willst, musst du aber 10 km deutlich unter ‘ner Stunde laufen” oder “Ein Marathon über 4 Stunden ist kein Marathon” haben mich dabei immer das jämmerliche Gefühl gegeben, eine totale Athleten-Nullnummer und ein peinlicher Laufversager zu sein. Diese Ära kann ich nun beim besten Willen auch nicht zu den “guten alten Zeiten” zählen.

Wieder eine ganze Weile und einige komplett verschimpfter und verjammerter “Wettkämpfe” später kam mir glücklicherweise endlich die Erkenntnis, dass ich mich gar nicht “Läufer” nennen will oder gar muß (warum auch, ich hab’ ja schon einen Namen und der ist so schlecht nicht), sondern einfach bloß Spass haben will. Und das es auch andere Wege gibt, sein Outdoor-Ausdauerhobby zu pflegen ohne sich auf Bestzeitenjagd zu kasteien. Für mich taugt das einfach nicht.

Und dann zogen abermals ein paar Lenze ins Land, bis ich mich geistig und körperlich dort eingefunden habe, wo ich jetzt gerade bin – nämlich (zumindest theoretisch, wenn auch nicht gerade jetzt im Moment) fit genug, um ganz gemütlich kürzere Ultrastrecken laufen zu können, ohne mir vorher vor Angst ins Funktionshemdchen zu machen oder unterwegs wieder die Omma winken zu sehen. Entspannt genug, um auf Zeiten, Vergleiche oder Anderleuts-Maßstäbe zu pfeifen und auch gerne 5 oder 6 gerade sein zu lassen.  Gut, all das hätte ich natürlich auch viel früher haben können, aber bei mir fällt der Groschen oft pfennigweise. Aber besser spät als niemals nicht.

Aus den oben ausführlich beschwafelten Gründen gibt es in meinem Athletenlebenslauf keine glorreiche Marathon-Tippi-Toppi-Bestzeit, die ich in meinem derzeitigen Alter nicht mehr erreichen könnte und die mir hämisch meinen Verfall unter die Nase reibt. Ich blicke nicht melancholisch seufzend auf meine sportlichen Jugend-Erfolge und die “guten alten Erfolgszeiten” zurück, weil’s schlicht und ergreifend keine gibt. Die unsäglichen 32 Minuten auf 5 km beim Neuwieder Stadtlauf anno dazumal reichen nicht aus, um mir Wehmutstränchen in die Augenwinkel zu treiben, sondern zeigen nur ganz deutlich, dass eine Karriere als ambitionierter Roadrunner in meinem Fall schon im Vorfeld zum grandiosen Scheitern verurteilt war. In meiner Sportsfrauenvergangenheit winken mir meine Highlights nicht wehmütig mit dem Taschentuch hinterher, wohl wissend, dass ich sie mit meinem stetig abbauenden Korpus nie wiederholen könnte.

Das Gegenteil ist der Fall – die Nummer der spannenden Landschaftsläufe, an denen ich noch nicht teilgenommen ist um ein Vielfaches höher als die überschaubare Anzahl der Finishermedaillen in meiner Schreibtisch-Schublade (was vermutlich auch ein bißchen damit zusammenhängt, dass die armen Medaillen bei mir ein Schattendasein fristen und ich ohnehin den allergrößten Teil der metallenen Ruhmestaler schlicht verschlampt hab, aber trotzdem). Das bedeutet: Jede Menge designierter Highlights voraus!
Horrido!
Es gibt noch soviele faszinierende Länder und Gegenden zu belaufen – und beim Wandern verhält es sich genau so. Bei dem obligatorischen “Kennst du den XY-Pfad?”/”Warste schon mal auf dem Hinz-Kunz-Steig?”-Austausch unter Wandervögeln lautet meine Antwort in 99% aller Small-Talk-Fälle – “Nö. Da war ich noch nie. Aber da will ich irgendwann auch mal hin!”

Wie  ein schlauer Mann mal sagte: “Solange deine Träume größer sind als deine Erinnerungen, solange bist du jung.” (Oder dement! – Anm. d. Red.)
Und solange, bis sich an diesem Ist-Zustand etwas ändert,  dürfen die Bestleistungs-Hinterhertrauerer und Jugendjahremelancholiker getrost ohne mich weitermachen.

MEINE beste Zeit ist nämlich genau jetzt.

monrealerritterschlag


 

(Wobei ich selbstredend nicht den Anspruch erhebe, dass meine Einstellung richtig und die der rennenden Ehrgeizlinge falsch ist – jeder Läuferjäck ist anders und zum Glück sind der Wald und die Asphaltstrecken groß und weitläufig genug, um die unterschiedlichsten Ansprüche und Vorlieben der Ausdauerzunft abzudecken.)

Musik zum Text – Social Distortion / “Reach for the sky” (zum Selbst-Googlen und Youtuben)
Foto: Karl-Georg Müller alias “Der Schlenderer”

20 thoughts on “Wer später altert, bleibt länger jung!

  1. Pingback: „Ich knips‘ Schrott!“ – Rückkehr zum Spaßplanetenmohrblog | mohrblog

  2. Saffti

    Saubere Einstellung! Ich befürchte nur, dass Männer noch ein paar Jahre mehr brauchen, wenn sie denn nicht gerade Buddha heißen, um diese gesunde Einstellung zum Laufen zu bekommen. Mein größter Erfolg in dieser Hinsicht: Beim jüngsten Altstadtlauf lief meine Stoppuhr nicht mit – und das zum ersten Mal nicht, weil ich es verschusselt hatte, sie anzustellen, oder weil die Batterie leer war, sondern, weil ich es so wollte.

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  3. nido00

    Hallo Daniela,

    das Foto gefällt mir gut – es strahlt die Quintessenz deines Posts einfach aus.

    Ansonsten gibt es hier auch einige Parallelen (besonders die Foren haben mich anfangs tatsächlich verunsichert.) Ich hoffe die langen Landschaftsläufe kommen irgendwann für mich, aber ich habe ja noch Jahre!

    Herzlichen Gruß!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Also zumindest LANDSCHAFT ist bei dir ja genug da, da kommen die Läufe sicher von selbst 😉
      Ich hatte ja immer einen Heidenrespekt vor allem über 30 km und war dann ganz überrascht, wie einfach das doch geht, wenn man einfach locker rangeht…also keine XY-Pace, die es zu schaffen gilt und sowas. Zwischendurch einfach mal gehen oder verschnaufen und gemütlich machen, dann passt das.

      Vielleicht können wir ja irgendwann mal die Texas Trails zusammen rocken. Wir sind ja noch JUNG 😉

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  4. Volker

    Boh, warst Du jung als Du mit dem Laufen angefangen bist. Bei mir kommen noch ca. 10 Lenze dazu 😉

    Aber ansonsten erkenne ich so manche Parallele, in der läuferischen Entwicklung wie im Denken.

    Ich gönne ja jedem seine Bestzeiten, so lange da keine Verbissenheit dahintersteckt. Und wer mal richtig gut war, darf deshalb auch mal wehmütig sein. Zumindestens dieses Schicksal bleibt uns aber erspart …

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Siehste – so steckt in allem was Gutes…zu der Zeit, in der ich mich jammernd über die “Rennstrecken” geschleppt habe, hätte ich ja nie gedacht, dass ich irgendwann mal froh drüber bin, nie “gut” gewesen zu sein 😉

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  5. Das Pulsmesser

    Das ist der Vorteil, wenn man spät mit dem Sport angefangen hat. Man kann sich trotz fortschreitenden Alters noch steigern!

    Und irgendwo habe ich mal gehört, dass man den Körper mittels Sport bis zum Alter von 60 auf dem Stand der/des Vierzigjährigen halten kann. Da hast du noch fast 20 Jahre beste Zeiten vor dir!

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Und das Gute ist – ich will mich gar nicht steigern…nur den Spassfaktor, und das läuft bisher ganz gut 😉

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  6. Lizzy

    na gugge mal an , da haben du junges Hüpfer und ich doch (mindestens) eine Gemeinsamkeit: das “Früher, als alles besser war”, das findet auch grundsätzlich irgendwo anders statt und nie da, wo ich gerade bin. Bisher zumindest 🙂 Was den Vorteil hat, dass es tendenziell immer besser wird.

    Natürlich nicht unbedingt bzgl. der Laufzeiten – aber da sage ich mal, wenn wieder jemand mit dieser beliebten Vergleicherei und dem (ich bin)”besser-(und die anderen) “schlechter”-Trip ankommt, mit einem anderen Goethe-Zitat (das ja auch noch gut zu deinem Wanderhobby passt:

    “Wandrer, gegen solche Not
    wolltest du dich sträuben?
    Wirbelwind und trocknen Kot
    lass` sie drehn und stäuben!”

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Zumindest bei mir habe ich das Gefühl, ich werde trotzdem immer BESSER…also besser als früher, wenn auch auf ‘ne andere Art. Und Vergleichen sollte man sich ja eh nur mit sich selbst 😉

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  7. Elke

    Laufen war für mich in jungen und mittelalten Jahren der Horror schlecht hin. Schwimmen war ok, Rad fahren auch aber laufen…. neee da tun einem die Füße weh und überhaupt.

    Mit jungen 50 Jahren glaubte ich es mal testen zu müssen und lief, nach 3 Monaten Training, 20 Kilo dünner als heute, den ersten 5km Run. Aua, kann ich nur sagen, es gab keine Sehne, keinen Muskel der schmerzfrei war. Meine Läuferlaufbahn dauerte ein paar Jahre an, aber die Zeiten waren immer irgendwie bäh
    Wandern ist für mich schöner, wenn auch immernoch nicht schmerzfrei. Egal heute 59 Jahre jung, muss ich niemandem mehr etwas beweisen. Und JA, die beste Zeit ist JETZT!!!!!! IMMER!

    Hug, ich habe gesprochen…ähem geschrieben

    Sonnige Grüße
    Elke

    Antworten
    1. mohrblog Beitragsautor

      Hugh! Und weil wir noch so jung sind, schaffen wir das ganz sicher noch mit unserer gemeinsamen Wanderung 😉

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  8. Elke

    Liebe Daniela,
    der letzte Satz ist der richtige und Deine Einstellung ist für Dich genau die richtige! Ich glaube, das große Läufergeheimnis ist, dass man für sich rausfindet, was man will und was Spaß macht. Und nicht rumrennt, weil andere das auch tun. Und es hat einen immensen Vorteil, NICHT auf alte Bestzeiten zurückblicken zu können: Man hat keinen Grund zu jammern oder in Düsternis zu verfallen, weil man nicht mehr an die Zeit kommt, im Gegenteil, man kann jetzt immer noch Neues erleben. Und wer weiß, ob all die Stories von den früheren Bestzeiten so wahr sind…
    Weiter so und liebe Grüße
    Elke

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Grundsätzlich ist das große Geheimnis bei ALLEN Dingen, herauszfinden was für einen selbst taugt…ist alles manchmal gar nicht so einfach, die äußeren Einflüsse und “Man muss aber!” sind halt oft sehr dominant 😉
      Aber – ett wird!

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