“Ich knips’ Schrott!” – Rückkehr zum Spaßplaneten

“To finish is just another way to start.”


In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich scheinbar ein fabulöses Talent dafür habe, mir den Spass und die Unbeschwertheit an einem feinen Hobby so richtig mit Schmackes komplett zu versauen, wenn ich anfange, in irgendeiner Form ernsthaft und professionell an die Sache ranzugehen.

Ein schönes – oder eher unschönes – Beispiel ist da der holde Laufsport. Vor ca. 15 Jahren fand ich mich plötzlich in einem garstigen Fitness-Zustand wieder, nachdem es mir nach viel Quälerei gelungen war, mich in wochenlanger Schinderei vom Glimmstängel zu lösen. Irgendwie hatte ich mir wohl naiverweise vorgestellt, ich würde von einer Fitness-Fee zum Dank für meinen Einsatz beim Zigaretten-Entzug spontan und zügig mit einer exorbitanten Ausdauer und Muskelkraft beschenkt, ohne dafür etwas tun zu müssen. Schließlich hatte ich mir nach fast 10 Jahren Kettenraucherdasein den Nikotinteufel vom Hals geschafft, da muss doch ‘ne Belohnung drin sein. Eine Probeläufchen im heimischen Forst machte recht fix deutlich, dass es wohl trotz anderslautender Hoffnung keine Fitness umsonst gibt und man dafür wohl doch selbst die Beine in die Hand nehmen muss.
Also sprang ich fortan alle 2 Tage in meine ausgeleierte Baumwoll-Joggingbuxe (aufgrund der Möglichkeit, sich selbige bis unter die Arme hochzuziehen, auch gerne “Achselhose” genannt) und schlurfte in alten, viel zu kleinen Adidas-Tretern durch die Botanik. Nach vielen Wochen Baumwollbuxen-Gehüppel ist es mir dann tatsächlich gelungen, satte 30 Minuten am Stück durchzuschluffen, ohne meine Omma-selig am anderen Ende eines schwarzen Tunnels winken zu sehen. Erstmalig sind dann nicht beinahe meine Lungenflügel geplatzt, sondern ich selbst vor lauter Stolz über meine grandiose Leistung. Dreissischminuten! Leckofatz! Ich bin die Königin der Joggerwelt, aber mindestens mal.
Höchst motiviert habe ich mich dann in einem Läuferforum angemeldet und dann ging der Spaß eigentlich relativ bald flöten. Zuallererst habe ich dort gelernt, dass ich keine Fitnessgottheit, sondern eine grottenlahme Laufschnecke bin, denn meine “Pace” (von deren Existenz ich bis dato noch nicht mal was wusste) war mit geschätzten 8-9 Min./km. eigentlich noch nicht mal erwähnenswert. Peinlich. Lahm. Jämmerlich. Und ich gleich mit. Eine Schande der Ausdauerzunft.

Dann zog sich über mehrere Jahre der Versuch, schneller und eine “richtige Läuferin” zu werden – es folgten Funktionstights, gedämpfte High-Tech-Laufschuhe (wichtig!), Pulswerte (unterirdisch!), Trainingspläne (professionell!), versemmelte Wettkämpfe, knallrote Köpfe, schmerzende Muskeln und ein eher mässiger Spass-Faktor. Die unbekümmerte Baumwolljoggingbuxen-Seligkeit war jedenfalls komplett dahin.

Wie schon im Text “Wer später altert, bleibt länger jung” ausführlich beschwafelt, ist es mir dann Gottseidank irgendwann gelungen, meinen Hirnkasten einzuschalten und mit der Erkenntnis im Nacken, dass ich nur MIR gerecht werden muss und es absolut wumpe ist, was andere Pseudo-Experten und Koryphäen von meinem Treiben halten, wieder zum frischfrommfröhlichen Ausdauer-Outdoorvergnügen zurückzufinden. Vielleicht muss man manchmal erst über unwegsame und fremde Pfade stolpern, um zu bemerken, wie bekömmlich und kuschelig doch der eigene Weg ist.

Ähnliche Umwege ist der Weg der Fotografie bei mir marschiert. Nachdem ich mir nach meinen ersten Halbmarathon eine Sehne unter’m linken Fuß geschreddert und mich selbst zur Laufpause verdonnert habe, bin ich mit der uralten Kompaktknipse aus dem Herzmann-Fundus im Umland herumgeradelt und habe alles geknipst, was sich mir in den Weg geworfen hat – rostige Schrauben, trockene Blätter, verrottete Fensterrahmen in alten Industriebrachen und sumpfige Tümpel. Müll und Schrott, Schönes und vermeintlich Hässliches – alles her zu mir.  Die Beute aus den Knipstouren habe ich dann daheim am PC mit rudimentärsten Photoshop-Kenntnissen befrickelt und mir ein Loch in den Bauch gefreut, weil’s einen Heidenspass gemacht hat. Und die Fotos selbst waren auch so schlecht nicht, wie ich fand.

Und dann  (man ahnt es schon) stolperte ich im Netz über Fotoforen und -communities, lernte “richtige” Fotografen kennen, die keine Bilder knipsen, sondern “Werke kreieren” – und sich auch ansonsten irrsinnig wichtig fühlen. Ich ershoppte eine digitale Spiegelreflexknipse und nachdem ich zumindest die Grundfunktionen kapiert hatte, kreierte ich fortan auch Werke.

stella

Gestatten: Stella Polaris “Künstlerin”(woo-hooo!)

Und weil so richtig supertolle, superwichtige Künstler nicht Daniela Mohr heißen, habe ich mir gleich noch einen albernen Künstlernamen zugelegt und so’n bißchen Theater um meine Person gemacht. Formvollendete Wichtigtuerei. Mein eigener Anspruch ans Bild als solches stieg mit jedem veröffentlichten Foto in meinem Blog und nachdem sogar ein paar kleine Ausstellungen und heureka! verkaufte Bilder folgten, ging  auch hier der Spass den Bach runter.
Ich meine, schließlich haben meine “Werke” schon im örtlichen Museum rumgehangen, da kann ich doch keine lächerlichen Bildchen von rostigen Fenstergriffen in meinen Blog und auf meine Webseite stellen. Da muss schon jedes neue Bild der ganz große Wurf sein, aber mindestens.
Und am Ende von diesem albernen Lied habe ich dann eben so gut wie gar nicht mehr fotografiert, weil ich weder Zeit noch Lust hatte, um große Würfe und Werke zu kreieren und der ganze aufgeblasene Künsterquatsch am Ende doch nix bringt. Rumstehen auf Ausstellungen mit Prosecco in der Hand ist langweilig und das ganze theatralische Gewese, dass die meisten Künstler um ihre mehr oder weniger wichtigen Bildchen machen, ist im Grunde bloss Zeitverschwendung und der Sache als solcher zumindest meinem Empfinden nach nicht angemessen. Eigentlich reicht es doch, sich die Sachen anzugucken und “schön” oder “langweilig” zu finden. Sind doch bloss Bilder. Meine Güte.

Plötzlich an einem schönen Frühlingstag machte es ganz leise “Pling” und endlich fiel der Groschen. Und dann noch einer. Und noch eine. Die Erkenntnisgroschen rasselten durch meine Hirnstube wie bei dem Hauptgewinn an einem Geldspiel-Automaten in Las Vegas und spuckten ein schliches Ergebnis aus, auf das ich eigentlich schon viel früher hätte kommen können:
Dieser ganze überdrehte Künstlerfirlefanz ist doch Mumpitz und raubt mir nicht nur Zeit, sondern auch Spass. Ich brauch’ keine Ausstellungen, ich brauch’ keine vermeintlichen “Erfolge” und halbherziges Lobgehudel von scheinbaren Experten oder Kunstkennern. Kann ich mir nix für kaufen und ist vom Mond aus betrachtet wirklich mehr als unwichtig.  Und so kostete es mich auch keine Sekunde Überwindung, meine Künstler-Seite (ärks!) zu kündigen und die Visitenkarten mit dem Aufdruck “Stella Polaris” (ärks!) als Brandbeschleuniger im Holzofen zu verwenden – und nach mehrmonatiger Kündigungsfrist wird heute im Laufe des Tages meine Webseite abgeschaltet und verschwindet im Netz-Nirvana.
Stella Polaris ist tot – und Daniela Mohr knipst wieder.
Rostige Schrauben voraus! Und Blümchen. Und Katzen. Menschen. Alles!
Horrido!

chewinggumEinsichtenrost

 

 

(Und wenn ich irgendwann mal wieder Lust haben sollte, ein aufwändiges “Werk” zu “kreieren”, dann juckt mich mein Geschwätz von gestern – wie immer – nicht die Bohne.)

 

24 thoughts on ““Ich knips’ Schrott!” – Rückkehr zum Spaßplaneten

  1. Christiane

    Wie recht Du hast. Ich habe mich anfangs selbst aufgerieben, weil ich den Ansprüchen, die andere (und ich dann auch) an Fotos hatten, nicht gerecht werden konnte. Irgendwann habe ich mich darauf besonnen, dass ich schließlich die Kamera deshalb gekauft habe, um das ein oder andere Bildchen von unseren Pferden oder Katzen ins Fotoalbum zu kleben. Und da stört mich herzlich wenig, ob das Motiv zu weit links, zu weit rechts oder zu mittig platziert ist. Ob ein Zaun mit drauf ist, der den ästhetischen Anspruch anderer verletzt, ein Ast oder gar ein Hochspannungsmast. Schließlch fotografiere ich freilaufende Tiere, die nicht steuerbar wild neben mir durch die Pampa laufen. Seither geht es mir besser. In einem Museum wird sicher keines meiner Werke hängen. So what.
    Ich lese mich gerade durch Deine kurzweiligen Blogbeiträge und natürlich bin ich mit den Miezengeschichten angefangen. Da erkennt sich wohl jeder Katzenbesitzer wieder 😉
    LG Christiane

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  2. Pingback: montagsmohr – Vom Ritt auf toten Pferdenmohrblog | mohrblog

  3. Frau Fröhlich

    Die Erkenntnis kommt immer … manchmal früher, manchmal später … aber sie kommt. 🙂
    Das Allerwichtigste im Leben ist immer … habe Freude an dem was du tust, nur so kann es von Dauer sein. Ich bewundere auch die Werke von vielen Fotografen und manchmal denke ich mir, könntest du sowas doch auch und ich weiß … wenn ich wollte, könnte ich. Ich hab die Ausrüstung und ich hab Ahnung von Fotografie. Aber es wäre erzwungen und gestellt und da habe ich keine Lust dran. Also bleibt es dabei … ich knips unsere Katzen und eben das was mir fotografierenswert erscheint, weil es MIR gefällt. 🙂

    Ich freue mich auf deine zukünftigen, wilden Knipsereien, die du doch hoffentlich hier mit uns teilen wirst oder ? Ich liebe Bildchen. 🙂

    LG Frauke

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  4. sam

    Hallo Daniela,

    war ich nicht Dein Vorbild beim Laufen? Und ich hatte mich so angestrengt. *G

    Ich erfreue mich immer noch an Deinem Jahreskalender, den ich von Dir bekommen habe. 🙂

    “Nimms mit Gemütlichkeit. Mit Ruuheee und Gemütlichket….” (Balu, Dschungelbuch) 😉

    Tschö sam

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ach, ich hatte ja so einige Idole – bei dir habe ich eher den supi-dupi Athletenkörper bewundert 😉

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  5. Blumenmond

    Rabäh.. rabäh.. wrong captcha. Also von vorne. Neee. jetzt in Kürze: Ich bin stolz, Besitzerin eines Stella Polaris in der professionellen Phase zu sein und Christian wird mit mir kurzfristig in ein neues Büro ziehen und eine wirklich schöne neue “Ausstellung” dort bekommen.

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Leider kann ich dieses dusselige Captcha nicht ausstellen – ich muss da nochmal frickeln, das nervt mich selbst ,)

      Na, da wird der Christian sich sicher freuen. Frischer Wind tut sicher auch “Werken” gut ;))

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  6. Martin Schmitz

    Nun
    Hauptsache man bewegt sich und ist an der frischen Luft.
    Da kann man auch gleich noch rostige Schlösser knipsen solange es Spaß macht…

    Die Erfahrungen in Fotoforen waren für mich auch frustrierend und de motivieren vor ein paar Jahren so dass ich fast die Lust dran verloren hätte. Jetzt wo ich mich ernsthafter (aber mit Spaß) damit beschäftige halte ich mich von solchen Foren fern und setzte lieber auf zwei drei gute Fotografen und Künstler die ich schätze und deren Rat mich weiter bringt.
    So bleibt mir der Spaß erhalten.
    Mit der Wanderei ist es auch so das ich nicht mehr der Oberstrongwalker sein muss. Spaß, dem Alter angemessen, steht jetzt im Vordergrund….

    Gruß Martin

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich finde gerade bei Fotos macht man sich mit “Technik” und “Perfektion” soviel kaputt – so viele Bilder sind techn. 100% perfekt, aber zum Sterben langweilig.
      Manchmal ist Intution doch der beste Lehrmeister 😉

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  7. Saffti

    “Stella Polaris”, allein dieses Pseudonym schlägt alles – ich hätte die Trägerin eines solchen Namens allerdings eher in Softpornos aus osteuropäischer Produktion erwartet…

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  8. Ariana

    Tolle Worte die ich unglaublich gut nachvollziehen kann! Sobald man versucht, “professionell” zu werden und nur noch eine einzige Art von “richtig” anerkennt, geht auch bei mir der Spass schnell verloren. Ich finde daher diesen Beitrag ganz wunderbar und sass die ganze Zeit nickend (oder schmunzelnd) vor dem Bildschirm.

    Liebe Grüsse
    Ariana

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Zum Glück bist du viel jünger und musstest viel weniger Zeit verschwenden, um zu dieser Erkenntnis zu kommen 😉

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  9. Hase

    Mir ist das ja mal total wumpe, wie du dich nennst, solange ich weiterhin deine wunderschönen Bilder genießen darf 🙂

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Na, gekündigit hatte ich die Webseite schon im Januar, das dauert halt bis alles abgeschaltet wird. Und im Januar darf man durchaus mal den Ofen anmachen 😉

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  10. Volker

    Gut so, die richtige Konsequenz, liebe Daniela.

    Trotzdem gehört auch Mut dazu, ein solches Stück wieder zurückzurudern.

    Versuche bitte nie mit Deinen Texten professioneller zu werden, wäre zu schade. Die sind immer nur herrlich! 🙂

    LG Volker

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich glaube, ich versuche einfach mit gar nix mehr “professionell” zu werden, da scheint mir kein Segen drinzustecken 😉

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ach gar nicht mal mutig, eher eine logische Konsequenz
      Ich beuge mich den Tatsachen, sozusagen.

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