Who let the dogs out?

Seit ich denken kann (was im Übrigen eine weitaus längere Zeitspanne umfasst, als so manche böse Zunge behauptet – nur mal so fürs Protokoll) hatte ich stets panische Angst vor Hunden jeder Coleur, Größe und Gestalt. Solange ich mich vorwiegend in der Schule, der Firma, düsteren, verqualmten Tanzschuppen und Konzerthallen oder WG-Parties aufhielt, waren diese Ängste nicht besonders hinderlich – aber als ich meine Vorliebe für ausdauerfördernde Outdoor-Aktivitäten entdeckte, wurde diese Hundephobie dann recht schnell ziemlich lästig. Denn dummerweise werden unsere schönen Wälder nicht nur von einigen wenigen Ausdauerathleten frequentiert, sondern auch von zahlreichen Hunden nebst Besitzern zum täglichen Spaziergang genutzt. In kürzester Zeit hatte ich mich in eine bilderbuchmässige Panik-Abwärtspirale gesteigert, bei der ich schon zu Laufbeginn zitternd nach Hunde-Silhouetten am Horizont Ausschau gehalten habe, um mich beim Erblicken selbiger umgehend hakenschlagend mit wild pochendem Herzen ins Unterholz zu schlagen.

Das unter solchen Umständen die dennoch unvermeidlichen Begegnungen mit Hundehaltern nicht immer rosawattewölkchenmässig ausfielen, versteht sich vermutlich schon selbst – kaum ein Hundefan springt wohl vor Begeisterung in den Handstand, wenn ihm jemand aus gefühlten Kilometern Entfernung bereits höchst hysterisch “Halten sie den Hund fest, HALTEN SIE DEN HUND FEST” entgegenplärrt, obwohl der Vierbeiner zu dem Zeitpunkt vollkommen gelangweilt am Wegesrand herumschnuppert und sich kein Stück für die herannahende Läuferin interessiert (was sich natürlich flott ändert, wenn ebenjene anfängt, plötzlich wie eine verstörte Irre herumzukreischen. Hypernervöse Nervenbündel sind halt deutlich spannender als so’n blödes Stöckchen oder trockenes Laub.) Dummerweise gibt es eben wie überall im Leben auch unter Hundehaltern ziemlich dämliche und ignorante Exemplare, die es entweder nicht kapieren oder denen es wurscht ist, dass vor ihnen gerade jemand fast einen Herzkasper erleidet, während Wuffischnuffi “nur spielen” will und sich anschickt, fröhlich bellend in Vollkontakt zu gehen. Da bringt ein genervtes “Der macht doch nix, gehen sich einfach weiter” auch keine nennenswerte Entspannung der Situation. Es liegt nun mal in der Natur der Angst, dass man da mit Verstand nicht weiterkommt, sonst wär’s ja zu einfach.

An einem denkwürdigen Sommertag  hatte ich dann um ein Haar beinahe einen Nervenzusammenbruch, als ich Wald auf einen herzallerliebsten, knopfäugigen extrem furcheinflössenden Boxerwelpen getroffen bin, der mit einem riesigen Stofftier im Maul unbeholfen und neugierig auf mich zugetapst kam. Und dann die Welt nicht mehr verstanden hat, weil ich statt “Ja, feiner Schatz, komm’ doch mal her!” in der allerhöchsten und schrillsten Tonlage ,zu der meine Stimmbänder fähig sind “Nein, nein, nein, nehmen sie den Hund weg!!” gekreischt habe, während mir mein Verstand von hinten auf die Schulter getippt und irritiert “Sach’ mal, hast du eigentlich ‘nen totalen Sockenschuss?!” gebrummelt hat.

Zur Veranschaulichung male ich das Bild nochmal in deutlichen Farben aus: Man nehme so ziemlich das Allerniedlichste, was die Hundwelt zu bieten hat, nämlich ein hinreißendes Boxer-Baby mit riesigen tapsigen Pfoten, dunklen Kulleraugen und einem bübchenblauen Frottee-Kuscheltier im Maul, das fast größer ist das der Welpe selber…und eine krakelende Läuferin, die sich aufführt, als käme der Leibhaftige mit Dreizack auf sie zu, um sie umgehend aufzuspießen und ins Höllenfeuer darniederzureißen. An exakt diesem Punkt hatte ich dann endgültig die Nase voll von meiner Paranoia und beschloss, den Stier bei den Hörnen zu packen – zumal ich ja im Grunde meines irrationalen Herzens ALLE Tier mag und da machen nasse Hundeschnauzen keine Ausnahme. Zumindest theoretisch. Und diese lästige hysterische Geschisse muss jetzt einfach mal aufhören.

Nachdem mir ein hundeerfahrener Laufkumpel bei einigen gemeinsamen Ründchen beigebracht hat, worauf ich bei Begegnungen mit bellenden Vierbeiner achten und wie ich mich selbst verhalten sollte, gelang es mir tatsächlich im Laufe der Monate, meine Paranoia in den Hintergrund zu drängen und ganz bewußt und aktiv offener auf Hunde zuzugehen. Genau wie man sich durch seine Ängste in eine Abwärtspirale manövrieren kann und am Ende dann fast schon mehr Angst vor der Angst selbst hat, funktioniert die Sache auch andersrum – mit jedem positiven Erlebnis sinkt die Panik, und ohne Panik verläuft dann auch die nächste Begegnung entspannter. Was wiederum erneut ein Erfolgserlebnis verschafft und noch mehr Mut fürs nächste Mal macht. Tolle Sache.

Und natürlich reagieren auch Hundehalter deutlich zugänglicher, wenn man freundlich fragt, ob man den Vierbeiner vielleicht mal streicheln dürfte und zugibt, so’n klitzekleines bisschen unsicher zu sein. Seit gut einem Jahr jedenfalls ist meine Panik so gut wie komplett eingestampft und ich bin ganz schön stolz auf mich (an dieser Stelle unterbreche ich die Tipperei kurz, um mir selbst kräftig auf die Schulter zu klopfen. Einer muss es ja machen.)

Aber wie das mit den Gewohnheiten so ist: Nachdem ich mir nun mühsam angewöhnt habe, im Rahmen meines selbstgestrickten “Face-your-fears-“Programms jeden vorbeikommenden Hund zu besäuseln, knuddeln und zu streicheln, kann ich jetzt halt damit auch nun nicht mehr aufhören. Gewohnheiten setzen sich bekanntermassen fest. Und so dauern Wanderungen oder Waldläufe dann je nach Hundedichte auf der Strecke auch schon mal’n bisschen länger. Dafür bin ich hinterher oft mit Matschpfoten-Abdrücken garniert, mit Hundehaaren paniert und grinse debil-selig vor mich hin, was deutlich besser ist, als vor Angst fast ohnmächtig zu werden.
Find’ ich.

Seit einer ganzen Weile bin ich nun nahezu “100% fear-free” und kuschele mit Dackelbabies genauso begeistert wie mit Staffords, Bullterriern und Bordeaux-Doggen (nach Rücksprache mit den Besitzern. Natürlich. Nur nicht gleich übermütig werden.) – und nahezu alle Erfahrungen bekommen den “Positiv”-Stempel. Kaum macht man’s richtig, schon geht’s.

Einzig der Anblick von Dobermännern bringt meine Nackenhaare oft noch zum Aufstand – diese Rasse find’ ich furchteinflössend. Die sind so verdammt groß, verdammt schwarz und haben leider durch ihre Besetzung als “Das personifzierte Böse auf 4 Pfoten” in Filmen bei mir ein eher schauriges Image – zähnefletschende Zombiehunde mit blutunterlaufenen Augen oder grollende Hüter der Höllenpforte streichelt man nicht hinter den flauschigen Öhrchen oder klopft ihnen unter Absingen von “Ja, feeeeeiner Kerl!”-Chorälen auf die Seite. Lieber greife ich in ein Hornissennest. Jawohl, nämlich.

Als ich den Blog “Unterwegs mit den Hunden” entdecke, auf dem ein Wanderfreund von seinen Touren in Begleitung seiner Dobermänner berichtet, ist natürlich klar was zu tun ist: Sofort die URL für immer löschen, nämlich! Ähm.  Ach ja, verflixt – falscher Ansatz. Nochmal von vorne: Eine freundliche E-Mail schreiben und nach einer gemeinsamen Wanderung fragen. Wenn schon Ängste überwinden, dann richtig. Wenn man brav seinen Paranoia-Teller leerfuttert, gibts am nächsten Tag auch sicher schönes Wetter. Die Antwort vom Dobermann-Mann kommt auch postwendend – er freut sich, dass er helfen kann und schlägt auch gleich einen Termin vor. Jetzt zieht sich meine Kehle doch ein klitzekleines bisschen zu – aber mitgefangen, mitgefressen. Ähm. Mitgewandert. Wird schon schiefgehen und mehr als mein junges Leben hab’ ich ja nicht zu verlieren.


– mohr to come – (sprich: Fortsetzung folgt)

8 thoughts on “Who let the dogs out?

  1. Lizzy

    Wenn du dann deine Therapie erfolgreich überlebt hast, buche ich meinerseits eine Lehrstunde bei dir 🙂 Denn obwohl ich eigentlich ja gar keine Angst vor Hunden sondern selber schon welche gehalten habe, stand ich vor kurzem erst auf einem Industriehof und hab’ mich nicht an so einem Ding Marke “Kampfhund” vorbeigetraut. Sollte ein paar Kartons mit Lebkuchenherzen abholen und da lag dieses … zugegeben uralte, graue und völlig verpennte … Monster auf dem Hof. Die Leute dort meinten alle, der wäre uralt, könne kaum noch humpeln und wäre froh, wenn ihm keiner was tut. Es sah danach aus, als ob sie Recht haben … aber trotzdem … die sprachen alle mit osteuropäischem Akzent … und nicht, dass ich Vorurteile hätte oder sowas, ich doch nicht .. aber es kommen einem eben doch mal solche Bilder in den Kopf … Habe denen sofort zugetraut – und ihnen das auch gesagt – dass sie mich zerfleischen lassen und dann heimlich in Säure auflösen oder hinter den Lagerhallen verscharren … sie taten so, als fänden sie es lustig .. naja … Bin ich also irgendwann … so nach 10 diskutierten Minuten etwa … doch vorbei an diesem (durchgängig schlapp auf dem Hof schnarchenden) Monster. Ich musste ja nun irgendwie an die Lebkuchenherzen kommen und keiner machte Anstalten, mir die Kartons samt zu unterschreibenden Papieren ans Auto zu bringen. Ich fand auch das verdächtig … aber habe es wundersamerweise überlebt.

    Wie gesagt: solltest du das ebenfalls tun: die Dobermänner überleben (ich gehe von einer fifty-fifty-Chance aus) dann gilts du mir als Hundeexpertin!

  2. Bianca

    Liebe Daniela,
    spätestens bei der Geschichte mit dem Welpen (herzallerliebst) hätte ich auch an irgendeine Form von Therapie gedacht. Du hast es gut hinbekommen, und steigerst Dich noch! Ich bin gespannt.
    Ich habe auch Respekt und manchmal sogar Angst vor Hunden, wenn ich ihnen beim Laufen begegne. Wenn ich sie nicht kenne, werden sie ignoriert. Nur mir bekannte Hunde werden freudig begrüßt. Bisher ging alles glatt.
    Liebe Grüße
    Bianca

  3. Fräulein Bummelei

    *virtuell auf die schulter klopf* Respekt! Mit Geduld und Zeit hast du etwas geschafft, was nicht jeder übers Herz bringt! Noch dazu mit einem für dich ziemlich kuhlen Outcome: entspannt in der outdoor-Welt herumgurken zu können und dann noch diverse Flöhe, Zecken und Läuse direkt von den Hundsis beziehen, wenn du kuschelst 😀
    Ne, ernsthaft, ich find das super!

    (Ich hab keine Angst vor den Hunden, eher vor den hirnlosen Haltern, wenn sie die Viecherl ohne Halsband und Leine auf Rad-frequentierten Wegen kreuz und quer laufen lassen und nicht einmal rufen…)

  4. wortgestoeber

    Hallo Daniela,
    wird schon gut gehen, ich drück die Daumen. So ein Wuffi hat auch Vorteile, weiß ja niemand das der lieb ist , also gehen Menschen die nichts gutes im Sinne haben, lieber auf Abstand , äußerst praktisch kann ich nur sagen. man muss nicht auf Handtasche und Portemonnaie aufpassen. Ich leih mir ab und an einen Wuffi, wenn ich wohin muss , wo ich mich nicht so ganz wohl fühle.
    LG Wortgestoeber

  5. Elke

    Tja liebe Daniela
    da hast du wirklich eine tolle Geschichte gezaubert und bewiesen, dass es auch ohne Pschüschater geht.

    Ich hatte früher auch Panik vor Hunden und je nach Rasse habe ich heute noch einen gehörigen Respekt und sogar vor Spike hatte ich anfänglich Bammel, aber da blieb nix anderes, ich musste Cheffin und das wuppen.

    Bei dir hätte ich allerdings Angst vor Hundis so gar nicht vermutet.
    Jetzt haste die ja auch nicht mehr.

    Einen lieben Gruß
    Elke

    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich hab’ auch nach wie vor Respekt und finde das auch wichtig – schließlich ist nicht JEDER Hund lieb und arglos und mir fehlt einfach Erfahrung, um immer richtig reagieren zu können.
      Aber bei 99,9% aller Wuffels freu’ ich mir ein Loch in den Bauch 😉

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