“The walking dead” – Volkswandern mit Herzmann

Dieser Wander-Tatsachenbericht hält seit schon Mai Dornröschenschlaf auf meiner Festplatte – aber nun wurde es doch mal Zeit zum Fertigschreiben. Schließlich sind da noch frühlingshafte Apfelblüten auf den Fotos. Nun aber mal zackig, hier.


wanderpaarWollen wir nicht morgen zum Volkswandertag in den Westerwald fahren? Das wird bestimmt lustig!” bestürme ich den Herzmann am Tag vor Christi Himmelfahrt euphorisch. Die eher mässig euphorische Antwort lautet “Kann ich mir nicht einfach stattdessen ein paar Zahnstocher in die Augen stecken? Das wird bestimmt lustiger!”

Naja, haltlose Begeisterung klingt anders, aber von Gegenwehr hab’ ich mich ja noch nie beeindrucken lassen- also packe ich am nächsten Morgen Stullen und Wasserflaschen ein und schiebe meinen müden Wandergefährten in spe ins Auto. Ich weiß auch gar nicht, warum er sich so unwillig anstellt – so ein Volkswandertag ist doch eigentlich fast das Gleiche wie ein hippes Trailrunning-Event.
Nur in spiessig.
Und in langsam.
Und in alt.
Und naja…ohne Trails. Ähem.
Vielleicht hat der Herzmann mit seiner abwesenden Begeisterung nicht so ganz unrecht. Aber jetzt sind wir halt schon mal unterwegs, da können wir uns das Volkswandertreiben auch mal angucken. Find ich.

Volkswandertage werden unter der Flagge des Internationalen Volkssportverbands e.V. (IVV) von örtlichen Wandervereinen organisiert und das Prinzip ist ähnlich wie bei Lauf-Events. Es gibt verschiedene Strecken (meistens 5, 10 u. 20 km), die entsprechend markiert und ausgeschildert sind und eben nach dem Erwerb einer Startkarte abmarschiert werden können. Im Gegensatz zu Volksläufen gibt’s aber keinen gemeinsamen Start nebst Startschuß zu einer festgelegten Uhrzeit, sondern ein Zeitfenster, in dessem Rahmen man starten kann wie man eben Lust hat. (Oder im Falle meiner Begleitung…eben keine Lust hat.)

pusteblumenStart des heutigen “Internationalen Volkswandertags in Ebernhahn” ist an einer Turnhalle und es weisen ungefähr zwölfzig Hinweisschilder auf das Ereignis als solches, die Parkmöglichkeiten, den Startpunkt und sonstige Wichtigkeiten hin. Es besteht durchaus Ähnlichkeit mit der klassischen Marathonmesse, nur dass hier statt stylisher Funktionsbekleidung, Energieriegel und mehr oder minder nützlicher Laufgadgets halt eben knorrige Wanderstöcke, Socken und Deko-Artikel einen neuen Besitzer suchen. Weiterer Unterschied: Die gemächlich herumtrottenden oder gesellig plaudernden Teilnehmer sind zu 95% Pusteblumen (=weißhaarige Köpfe) und im Durchschnitt ca. 85 Jahre alt. Grob geschätzt. Vielleicht auch 75. Wir heben jedenfalls den Altersschnitt exorbitant in die Höhe und fühlen uns umgehend unfassbar jung und enorm dynamisch.

Der Herzmann kommentiert das Szenario feixend als “The walking dead im Westerwald”. Den Hinweis, dass er vielleicht seine Stimme bei solchen Äußerungen ein wenig senken sollte, wischt er mit einem “Quatsch. Die sind doch bestimmt eh alle schon stocktaub.” vom Tisch.  Na gut, da Könnte was dran sein.

startkarteTrotz herzmännischer Aufmüpfigkeit gelingt es uns ohne besonderes Aufsehen eine “Startkarte” zu ergattern – hier ein weiterer Unterschied zu Lauf-Events: Das Dings kostet gerade mal 2 Taler pro Wandersmann-Nase. Angesichts dieses extrem günstigen Preises bin kurz versucht, gleich 10 Karten zu kaufen, aber das wäre ja dann auch irgendwie dekadent. Die Startkarte ist das Retro-Pendant zur elektronischen Zeitmessung bei Volksläufen – es gibt unterwegs Kontrollpunkte, an denen man von mehr oder minder netten Menschen einen Stempel (also..so’n richtiges Dings mit Stempelkissen und Tinte und so) auf das Pappkärtchen gedrückt bekommt. Und am Ende legt man das hoffentlich korrekt vollgestempelte Beweismaterial vor und erhält dafür zum Trost als Belohnung ein nettes Goodie wie ‘ne Urkunde, eine Tasse oder ‘nen Aufnäher für den Lodenjanker. Quasi die Finishermedaille der Wandervögel.

(Zusätzlich gibt es noch die Möglichkeit, ein Stempelheft zu erwerben, an dem man sich bei jeder Teilnahme an einem Volkswandertag die marschierten Kilometer eintragen lassen kann. Bei Erreichung einer gewissen Gesamtkilometerzahl gibt es dann erneut eine Urkunde oder vielleicht sogar einen Ehrenplatz in der “Hall of fame” der Wandervögel. So genau kenne ich mich (noch) nicht aus in der Szene.)

Nachdem wir nun also zwei Startkarten in unseren Besitz gebracht haben, kann es dann auch mal losgehen mit der frischfrommfröhlichen Wanderei. Ein unübersehbares Hinweisschild (Kommentar Herzmann: “Die sehen halt alle nicht mehr so gut, da muss das alle schon so’n bisschen größer sein!”) schiebt uns in die gewünschte Richtung und somit in den kühlen Forst.

Diwandervoegele Wandervogelfrequenz auf der lauschigen Waldautobahn ist überschaubar und wo bei Lauf-Events üblicherweise bunte Finishershirts vom Zugspitz-Ultra oder dem Rennsteiglauf präsentiert werden, haben die Baumwollshirts, die hier durch die Botanik getragen werden, Aufdrucke wie “Wandervögel Hallerbach” oder “Flinke Füße Burgdorf e.V.”. Die Kehrseiten der Teilnehmer sind im Durchschnitt breiter als die der gemeinen Läuferschaft als solcher und das Tempo ist gemütlicher.

Das Ganze hat den Vorteil, dass man selbst einfach nur verträumt auf dem Weg herumdümpeln kann und nicht ständig aufpassen muss, mit seinem Lahmarsch keine überholwilligen Sprinter zu blockieren. Wir stapfen also fröhlich (ich) bis eher-so-mittel-gelaunt (Herzmann) vor uns hin und folgen der 20 km-Route, die durch Schilder und Signalbändern ziemlich verlaufsicher gekennzeichnet ist.Nach ungefähr 5 gedümpelten Kilometern nähern wir uns dem ersten VP, der in der Volkswanderszene allerdings “Stempelstelle” heißt.

VPZahlreich aufgestellte Hinweis-Schilder zeigen an, dass es beim Wanderverein Ebernhahn mit Zucht und Ordnung zugeht. Nicht das am Ende irgendso ein dahergelaufener Wandersmann denkt, er könne seine Startkarte etwa durch seinen Gefährten gleich mit abstempeln lassen, mitnichten. „Pro Teilnehmer wird nur 1 Startkarte gestempelt” (gefälligst!) und die muss auch bitteschön persönlich vorgelegt werden.
So nämlich nicht, hier!

Auf Ausweiskontrolle wird zu unserer Überraschung allerdings großherzig VP1verzichtet. Auf blöde Witze verzichte ich lieber auch – der gestrenge Stempelmann scheint keinen allzu gesteigerten Wert auf Blödeleien zu legen. Statt Isogetränke, Energybars und Bananen schenkt man hier Zitronentee aus, den man sich kostenlos aus einem großen Plastikkanister abzapfen darf und der zuckrig-klebrige Geschmack weckt Erinnerungen an Kindertage. Normalerweise würde ich so ein Instant-Zeugs niemals trinken, aber hier schmeckt’s.  Für Sonderwünsche muss man einen kleinen Obulus in die Vereinskasse entrichten, aber die Preise haben eher Vorkriegsniveau (“Passend zum Publikum”, wie der Herzmann lautstark flüstert) – Wasser, Limo, Cola und Bier kosten gerade mal nen Euro. Die Energieriegel der Wandervögel heißen “Belegte Brötchen” und werden für einsfuffzisch vor Ort frisch geschmiert. Statt probiotischer Dinkel-Chia-Schnitten mit laktosefreiem Camenbert, Mango-Chili-Dip und Bio-Ruccola-Auflage werden schnickschnackfreie Weißbrötchen serviert, entweder mit Käse oder mit Woscht. Das erleichert die Auswahl und ist angenehm ursprünglich – die Frage nach den veganen Alternativen verstaue ich allerdings doch lieber mitsamt meiner frischbestempelten Startkarte in der Tasche meines Wanderrocks.

Der Herzmann fragt vorlaut nach der Wurstauswahl, erntet ein knappes “Leberwurst oder Presskopfsülze!” als Antwort, kontert dies mit einem frechen “Igittigitt!” und bestellt ein Käsebrötchen. “Welche Sorten haben sie denn?” “Wir haben KÄSE!” “Ach, das ist ja gewitzt!” Während der Mahlzeit kommentiert er die herumwuselnden filzbehüteten Weißhäupter mit Frechheiten. Ich hoffe, die Einschätzung, dass die “eh alle stocktaub sind” stimmt, sonst werden wir am Ende noch von der Volkswanderpolizei wegen aufmüpfigem Verhalten abgeführt. Wobei ich ja komplett unschuldig bin, ich stehe bloss dekorativ im Weg rum und kichere blöde in die Botanik. Da kann einem keiner was.

streckentrennungOrdnungsgemäß kontrolliert, getränkt und gestärkt marschieren wir weiter, nachdem uns ein weiteres gestrenges Schild darauf hinweist, dass sich hier die Strecke teilt und wir uns gefälligst entscheiden müssen, wo wir hinwollen. Mein anfangs unmotivierter Wanderpartner entwickelt plötzlich überraschenden Ehrgeiz. “Also, von der weißhaarigen Pusteblume mit dem Gehstock lassen wir uns aber auf keinen Fall überholen!” lautet die schweißtreibende Ansage. Besagte Pusteblume legt aber ein strammes Tempo an den Tag und egal, wie sehr wir uns anstrengen, der Herr hängt immer in Sichtweite in unserem Nacken. “Naja, der macht das ja schon 100 Jahre länger als wir” tröstet sich der Herzmann, verzichtet aber dennoch auf seine Rauchpause und drängt zur Eile.

In mwanderpaar1einer romantisch-verklärten Vorstellung dieses Tages habe ich den Herrn und mich händchenhaltend durch idyllische Wälder marschieren sehen, umflattert von Schmetterlingen und bezwitschert von allerliebsten Vögelchen – stattdessen haste ich im Stechschritt hinter meinem plötzlich hochambitionierten Kerl her und frage mich, wo zur Hölle der auf einmal die Ausdauer hervorgezogen hat. Muss wohl ein Männerding sein – Konkurrenz weckt ungeahnte Kräfte, selbst wenn die Konkurrenz gefühlte 80 Jahre älter ist. Dann vielleicht sogar erst Recht.

Pausen sind fortan gestrichen, geraucht wird im Gehen (er),  und Weideschafe-Streicheln ist auch nur noch in Drive-by-Manier erlaubt. Argwöhnisch behält der Herzmann das Feld in unserem Rücken im Blick und scheint immer noch einen weiteren Zahn zulegen zu können, während ich mich so langsam im Gegenzug eher zahnlos fühle. Ich pflege beim Wandern ja auch gerne einen flotten Fuß, aber das hier ist schon nahe am Akkord-Marschieren. Unauffällig werfe ich trotzdem meine Blicke in die allerliebste Landschaft und hechele ein gelegentliches “Schön hier! So IDYLLISCH!” hervor. Als Krone der Renitenz mache ich sogar heimlich Fotos, wenn der Kerl gerade nicht hinguckt. Da kenn ich ja nix.

ebernhahnMeine unkaputtbare Begleitung scheint ihren Energiepegel antiproportional zu meinem zu steigern und stimmt plötzlich sogar noch stramme Soldatenlieder an. “Damit biste hier bestimmt der King!” Ich kann nur noch ächzend lächeln. Das ungewohnte Ausmaß an Sauerstoff scheint meinem kettenrauchenden No-sports-please!-Mann Superkräfte verliehen zu haben – aus dem Weg, hier kommt VOLKSWANDERMÄÄÄÄN! Vermutlich wäre der entsprechende Umhang dann aus Filz oder Loden und mit einem Gamsbart besetzt.
Meinem Kopf scheint die Sauerstoff-Überdosis wohl auch nicht gerade gut zu tun.

aussicht1aussichtWir nähern uns der Zielgeraden, als ein Holzschild auf eine “Schöne Aussicht” aufmerksam macht. Der Blick führt aber bloss über einen Feldweg in ein Wohngebiet und ich bin verwirrt. “Komm, weiter, die Pusteblume naht!” Ja, ja, schon gut. Mann, Mann, Mann. Watt’n Gehetze.
Da ist Speed-Hiking ein Scheiß.

Unbeschwert pfeifend (er aus den gespitzten Lippen, ich aus allen Löchern) nähern wir uns der Zielgeraden zur Turnhalle, ziehen noch ein zwei ganz besonders zäh wirkenden Wandervögeln mit krampfaderbesetzten Killerwaden vorbei und – horrido! – haben die 20 km eingesackt. “Also, nächstes Jahr fahren wir aber wieder hierhin, oder?” feixt das unbekannte Objekt formerly known as The Herzmann – und ich staune erneut. Man sollte mal die Wäller Luft auf ihre Zusammensetzung testen, da scheinen irgendwo Amphetamine in der Atmosphäre herumzuflattern.

Wpommesir stärken uns – dem Anlass angemessen – mit einer zünftigen Mahlzeit, die sowohl den Salzhaushalt wie auch Kohlenhydrat- und Eiweißspeicher vorbildlich auffüllt. Als Nachtisch gibt’s selbstgebackenen Kuchen von den Dorffrauen für 1 € pro Stück. Zucker wäre damit auch wieder ausreichend nachgetankt, bitte, danke.

Fazit: Volkswandern kann man durchaus mal machen, so ein- oder zweimal im Jahr. So eine Veranstaltung hat zwar den Charme von Eierlikör, Heizdecke und Schafswollsocken, dafür ist die Teilnahme unschlagbar günstig, man lernt neue Strecken (und ganz neue Seiten am Lebenspartner) kennen – und fühlt sich am Ende unfassbar jung. Und das alles für € 2,00 / Person.

10 thoughts on ““The walking dead” – Volkswandern mit Herzmann

  1. Pingback: [ökomohr] Cleanyourtrails – „Säufer mit Husten“ auf dem Fürstenwegmohrblog | mohrblog

  2. Babs

    Müsstet ihr den Altersdurchschnitt nicht eher gesenkt haben? Na, egal, Hauptsache dabei! Hier in Belgien sind solche Wanderevents ganz normal und ich hab schon an mehreren teilgenommen. Bin sogar im Besitz eines solchen Heftes! (Finde übrigens schön, dass “wandern” auf niederländisch “wandelen” heißt.) Und auf http://www.marching.be kommt man immer an die frischesten Termine…

    LG,
    Babs

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  4. Reginili

    Herzmann- Respekt!!! Egal was es zum “finishen” gegeben hat,
    Von mir gibt es uneingeschränktungeteilte Hochachtung! Dä!

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  5. Michaela

    Herrlich – ich amüsiere mich gerade königlich und erinnere mich an meine Kindheit. Jedes Wochenende, jahrelang 😉 die Zahnstocher hätte ich mir öfters gewünscht 🙂 🙂
    Im Winter fanden es mein Bruder und ich dann ganz witzig – da gabs an jeder Station warme Kartoffelsuppe aus dem Becher *hahaha* … ich schmeiß gerade weg vor lachen bei den Erinnerungen 😉 über Stock und Stein sämtliche Generationen, mit Hut und Stock (mein Pa eigentlich immer modisch UpToDate mit grauen Filzhut bei schlechtem Wetter … der Hut lag wochentags auf der Ablage im Auto), mit Kinder und Hunden, die Väter meist die 20 km und wir mit den Mütter die 10 km
    Achja und die Medaillen … gesammelt auf roten Samtteppichbrett 😉
    Ich freue mich schon auf eure Fortsetzung,
    lG, Michaela

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ha – vielleicht haben wir uns damals ja mal getroffen? Meine Schwester und ich sind auch gefühlt ständig zu Volkswandertagen geschleppt worden – allerdings habe ich meistens nach 2 km gebrüllt, dass ich KEINEN SCHRITT mehr weitergehe, und mich dann von meinem armen Papa auf den Schultern weitertragen lassen 😉
      Und an Leberkäse-Brötchen kann ich mich noch erinnern. Kartoffelsuppe war bei uns wohl nicht so gängig 😉

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