montagsmohr – Vom Ritt auf toten Pferden

“Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, dann steig ab!”
Diese indianische Weisheit gehört zu meinen absoluten Lieblingsratschlägen in allen Lebenslagen – und auch wenn Eigenlob den Ruf hat, ein wenig zu müffeln, muss ich anmerken, dass ich in der Umsetzung dieser Weisheit ziemlich gut bin. Wenn ich nämlich erstmal zu der Erkenntnis gekommen bin, dass mir irgendwas in meinem Leben nicht mehr gut tut oder ich es nicht mehr brauche, kann ich innerhalb von Minuten damit abschliessen und blicke auch nie wieder zurück. Sentimentale und vor allem quälende “Ach, HÄTTE ich mal bloss…”-Gedanken sind mir weitestgehend fremd – fott ist fott und vorbei ist vorbei. Nützt ja nix. The only way is up.

pferdefotoAllerdings bin ich weniger gut (mit starker Tendenz zu “richtig mies”) darin, erstmal überhaupt zu erkennen, dass das Pferd unter mir nicht nur längst mausetot, sondern sogar schon – örks!- beinahe verwest ist und mindestens so stark müffelt wie mein Eigenlob im ersten Absatz.
Gewohnheiten sind zwar keine besonders exklusiven aber doch zumeist recht bequemen Ruhekissen und ein Sack voll “Das hab’ ich schon immer so gemacht!” ist der Garant dafür, dass man sich im täglichen Leben nicht allzu viele Gedanken machen muss, was man jetzt gerne tun möchte und warum. Man tut oft, was man immer tut – weil es halt so ist.

Und gerade in hektischen Zeiten, wenn man mit vollem Terminkalender, dauerblinkendem Telefon und einer kilometerlangen To-Do-Liste durch die Tage stolpert, fehlt einfach oft genau diese eine Sekunde Ruhe, die es brauchen würde, um einen kleinen Schritt zur Seite zu treten und sich seine Gewohnheiten mal als neutraler Beobachter anzuschauen und zu bewerten.

Seit Jahren schlurft man nun beispielsweise jeden Montag Punkt Achtzehndreissisch zum Lauftreff, um dort in flotter Runde über örtliche Radwege zu traben – obwohl die Uhrzeit eigentlich gar nicht mehr zum Arbeitstag passt und man im Grunde viel lieber alleine durch den Forst schlurfen würde. Aber man hat ja gar nicht so richtig Zeit, um drüber nachzudenken, weil man sich ja so furchtbar beeilen muss, um püntklich beim Lauftreff zu sein. Aus der Reihe “Finde den Fehler”.

Oder der Job, zu dem man seit Jahren Tag für Tag hinflitzt und der eigentlich schon lange nix Neues mehr bietet – aber man kommt ja irgendwie nie dazu, drüber nachzudenken, was man stattdessen viel lieber tun würde, weil der Kopp mit der vielen Arbeit auf dem Schreibtisch vollgeknallt ist.  Hopp, hopp, morgen ist Abgabetermin – der Kram muss fertig werden!

Auch (oder gerade) unsere Mitmenschen können ziemlich tote Pferde sein – beispielsweise der Kumpel aus frühester Jugend, der einem eigentlich mit seiner negativen Meckerei mittlerweile nur noch auf die Nerven geht, mit dem man aber halt nun mal schon ewig befreundet ist. Ist dann halt so. WAR ja auch schließlich schon immer so.

Bis vor kurzem bin ich selbst auch noch auf so einem mausetoten Freundepferd herumgehoppelt, einfach weil “wir doch schon so lange befreundet sind”. Und ein bisschen auch deshalb, weil “der doch sonst niemanden hat”. Bis mir dann plötzlich die Erkenntnis in den Ohren gebimmelt hat, dass das Leben zu kurz ist, um sich Menschen verpflichtet zu fühlen, die einem nicht gut tun. Und dass es ja nun auch nicht meine Schuld ist, dass derjenige sich mit allen anderen Mitmenschen verkracht und sonst keine Freunde mehr hat. Also – runter vom Pferd. Da reite ich dann doch lieber fröhlich auf einem Einhorn weiter statt mich mit so einem ollen Klepper abzumühen. Blöderweise hat’s erstmal eine ganze lange Weile gedauert, bis ich drauf gekommen bin, dass ich diesem Meckerkopp ja auch einfach den Rücken zuwenden kann statt jedes Mal die Augen zu verdrehen, wenn der Name auf dem blinkenden Handy-Display erscheint.

Und da ich nun weiß, dass bei mir der Groschen manchmal pfennigsweise fällt und ich eben hin und wieder etwas länger brauche, um zu registrieren, dass der olle Gaul unter mir schon lange nicht mehr atmet, habe ich mir gerade in den letzten Wochen zur Gewohnheit gemacht, mal ganz bewusst und absichtlich darauf zu achten, ob das was ich gerade tue, auch wirklich das ist, was ich tun will. Weil mein Kopf ja bekanntermassen ein löcheriges Sieb ist (oder schlichtweg zu viel drin ist), vergesse ich dieses hehre Vorhaben dann meistens auch mal wieder für eine Weile – aber WENN ich daran denke, gewinne ich oft ziemlich brauchbare Erkenntnisse. So habe ich zum Beispiel meine “Künstlerseite” plattgemacht  weil ich im Grunde schon lange überhaupt keine Lust mehr habe, “Kunst” zu machen, und 2 Telefonnummern aus meinen Kontakten für immer gelöscht weil die dazugehörigen Menschen schlichtweg “für nix gut” sind, und noch diversen anderen kleienn und großen Ballast abgeworfen. Und nix davon bereut. Und ganz sicher gilt auch hier – mohr to come 😉

Vielleicht startet ihr die Woche auch einfach mal damit, ganz leise zu horchen, ob das Pferd auf dem ihr reitet, überhaupt noch atmet. Und wenn dann ein leiser Modergeruch aufsteigen sollte…nix wie runter vom Ross!


Fotograf – Mungo vom Blog Wandern mit Hunden

9 thoughts on “montagsmohr – Vom Ritt auf toten Pferden

  1. Frau Fröhlich

    Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich hab bestimmt auch ein paar muffige Gäule und solch ein Post sollte ein Ansporn sein, danach zu forschen. Muss mal Zeit dafür schaffen. An der hapert es nämlich gerade … teilweise wegen Job und fehlender Motivation zu irgendwas. 😉

    LG Frauke

  2. Synnöve

    Hallo Daniela,
    erst einmal vielen Dank für Deinen Kommentar neulich auf meinem Blog.
    Ich komme nun endlich hier vorbei, um zu schauen, wer mir liebe Worte da gelassen hat.
    Und ja, es hat sich gelohnt. Das Sprichwort kenne ich nicht, aber ich mache ab und zu mal Kahlschlag in meinem Leben, was von meiner Familie immer argwöhnisch kommentiert wird. Ich las neulich die Kurzfassung: “Ich kann auch nett, aber das bringt nix.”
    In diesem Sinne stimme ich Dir in vielen Punkten zu.
    Danke und viele Grüße, Synnöve

  3. Bianca

    Das Sprichwort kannte ich noch nicht. Trotzdem trenne ich mich ab und an von Dingen oder Gewohnheiten, die nicht mehr gut für mich sind. Manchmal sind sie erst kurz vorm Ableben und manchmal dauert es länger, bis ich bemerkte, dass da etwas im Argen liegt.
    Trotzdem – gute Gewohnheiten bereichern das Leben auf jeden Fall.

  4. When the cat is away

    Danke!

    Ich kannte das Sprichwort nicht und finde es toll! Ich denke, ich habe sowohl Probleme damit, zu erkennen, das etwas tot ist (ach, wenn man doch noch mal richtig Mühe investieren würde, dan….. ?) und auch etwas abzuschließen.

    Aber vor allen Dingen mit letzterem bin ich sehr viel besser geworden – meine Zeit ist mir viel zu wertvoll geworden.

  5. Saffti

    Ansonsten habe ich deine Zeilen gern gelesen, vor allem die über die lieben Katzenviecher. Aber das hier, das fällt schon fast unter die Kategorie Gedankenlesen. Tolle Zeilen, die mir gut tun. “Du müsstest unbedingt mal dieses Projekt blablabla”, geht mir seit Wochen durch den Kopf. Müsstest – das ist der Fehler. Ich will ja gar nicht. Vor allem will ich nicht müssen. Der Klepper hat seinen Gnadenschuss soeben erhalten.

  6. tristezza

    Danke für den Input!
    Ich reite im Job auf so einem Zombie-Pferd und habe ja noch immer die Hoffnung, dass es vielleicht doch endlich anders wird. Aber zum Glück bin ich ja dabei, mich mit einem Einhorn vertraut zu machen… ;o)

    Sonnige Grüsse aus der Schweiz
    tris

  7. wortgestoeber

    Hallo Daniela,
    da hast du wirklich recht. Ich gehöre auch zur Kategorie “reitet totes Pferd und merkts nicht”
    Stimmt das Leben ist zu kurz um sich mit toten Pferden zu belasten.Oft merkt man erst späte was man sich da angetan hat. Aber wenn ich ehrlich bin manchmal sehe ich schon zurück und denke mir wennste , hättste .. könnste. Wenn du das nicht so gemacht hättest könntest Du nun das anders… aber das ist ja eigentlich, wenn ich Deinen Beitrag lese , auch ein “totes Pferd
    Schöne Woche
    LG Wortgestoeber

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