Dornröschens schlimmster Alptraum – Wiedweg Etappe 8

20150914_092208Auch nach 15 Jahren (mal mehr, mal weniger) wilder Ehe vermag der Herzmann mich immer noch zu überraschen. Als wenn der Vorschlag “Wir könnten ja wandern gehen” im Rahmen der Urlaubstagsgestaltung nicht schon unverhofft genug mitten in den Raum gestellt wäre,  lässt er noch zusätzlich ein fröhliches “Ich hab’ da schon mal ‘ne Route rausgesucht!” aus seinem Mund purzeln – und guckt dabei so unbeteiligt, als wären frischfrommfröhliche gemeinsame Wanderungen bei uns so normal wie chipskauende Big-Bang-Theory-Abende auf der heimischen Couch. Ich bin zwar dezent irritiert, nehme den Vorschlag aber dennoch maximalbegeistert an. “Wandern geht schließlich immer.” (Und wieder ein Taler in die Kalauerkasse.)

Aus Gründen, die sich mir zwar noch nicht ganz erschlossen haben, aber dennoch wohlwollend zur Kenntnis genommen werden, hat sich der Herr die Schluß-Etappe des Wiedweges ausgeguckt. Mir ist alles recht, Hauptsache man ist an der frischen Luft. Und immerhin liegt der Wiedweg quasi vor der Haustür (was clevere Lesefüchse bereits aus der Silbe “-wied” im Namen meines Wohnortes ableiten können) und ich bin bisher nur zufällig mal kleinere Wiedweg-Stückchen abmarschiert.

Die Etappe 8 startet in Datzeroth, und wir beschließen eine Anreise mit dem Bus. Als unerfahrener Omnibus-Rookie bestehe ich darauf, die Fahrpläne schon am Vortag akribisch zu studieren und Abfahrtshaltestelle und -uhrzeit genau zu eruieren. Der Herzmann beteiligt sich nur mässig enthusiastisch an der Reiseplanung – er wäre am Wandertag vermutlich einfach gemächlich zu irgendeinem der zahlreichen Schilder mit grünem “H” geschlappt und hätte den Busfahrer gefragt, ob er uns vielleicht bis Datzeroth mitnehmen könnte. Falls er zufällig in die Richtung fährt und es keine Umstände macht.
Mit so einem bohemehaften Laissez-Faire kann ich jedoch nicht arbeiten. Und so finden wir uns an diesem Morgen pünkt!-lich! 9:34 Uhr mit Klappstullen im Rucksack an der Bushaltestelle Molkteplatz ein. (Genauer gesagt – ICH mit Klappstullen und Rucksack und Getränkeflaschen. Der Herr hat’n Taschentuch und ‘ne Packung Kippen in die Hosentasche gestopft. Der ist ja eher genügsam.)

P1000952Am Startpunkt angekommen, weist uns das weiße “W” auf grünem Grund auch flott auf den rechten Weg, und wir stapfen los. “Ich hab’ den Weg extra ausgesucht, weil ich keinen Bock, ständig irgendwelche Berge hochzulatschen” verkündet mein Wandergefährte und augenblicklich zeigt ihm die Markierung eine lange Nase, indem sie den Richtungspfeil Richtung “Anstieg links oben” lenkt.
Der Herzmann rümpft die Nase. “Watt’n Scheiß!” Nun gut, man hätte das vielleicht im Vorfeld erahnen können, wenn man die Wanderwegbeschreibung gelesen hätte. Da war nämlich ziemlich eindeutig “Von Datzeroth führt der Wiedweg über einen schmalen Pfad den Hang hinauf” die Rede. Ich verkneife mir unter größter Mühe ein schadenfrohes Kichern und folge dem vor-sich-grummelnden Herrn den Berg hoch. Das kommt von dieser schlunzigen Planlosigkeit. Da steht man nämlich plötzlich vor unerwarteten Anstiegen, steht man da.
Aber ich sag’ nix.
Nix sag’ ich.
Gaar nix.

P1000959Wenige Augenblicke später könnte ich vor lauter Japsen noch nicht mal mehr was sagen, selbst wenn ich gewollt hätte, denn der Wiedweg hat mächtig Knack – und Mister No-Sports stapft im gleichen unfuckingfassbaren Stechschritt vorneweg, der mich schon beim Volkswandern im Mai fassungslos zurückgelassen hat. Aber die Ausdauergötter verteilen ihre Geschenke offensichtlich ziemlich wahllos.

Oben angekommen präsentiert sich der Wiedweg zwar optisch durchaus charmant, aber in himmelschreiend schlechtem Zustand. Das Holzgeländer, das wohl vor Jahren mal den Weg sichern sollte, liegt größtenteils in Einzelteilen auf selbigem herum und zahlreiche querliegende Baumstämme verwandeln das Wandern in einen Hindernislauf mit Kletterparcours. “Wir sind ja noch voll jung und beweglich und so” lügen wir uns selbst Zuversicht in die Taschen und kraxeln rutschend und leise fluchend über die hinderlichen Barrieren – immer den Steilhang Richtung Hauptstraße im Nacken, bzw. in der rechten Schulter. “Also, für so ‘ne klassische Wander-Rentnergang wäre das hier aber nix!” bemerkt der Herzmann treffend und zündend sich erstmal einhändig balancierend ‘nen Glimmstängel an. Soviel Zeit muss sein.

Auch wenn auf dem Weg tatsächlich zwischendurch immer mal wieder ein wenig landschaftliche Schönheit durchblitzt, bin ich mir langsam sicher, dass diese Art Rutschpartie nicht nur Wander-Rentnergangs nix ist, sondern auch für jungdynamische Wanderfrauen wie meinereiner. Nachdem der Holzstamm-Hindernislauf mehr oder weniger erfolgreich beendet ist, hat sich der Weg nun  auch noch einen grünbraunen Tarnumhang übergezogen – das ohnehin schon ziemlich schmale Pfädchen ist komplett von glitschigen Dornenbüschen und Brennesseln überwuchert, und wären nicht dennoch unübersehbare Wiedweg-Markierungen an die Bäume getackert, würden wir uns wohl “verlaufen” glauben. “Bestimmt wird’s gleich besser, das KANN ja nicht so weitergehen” sprechen wir uns Mut zu und hangeln uns mit klatschnassen Hosenbeinen und Brennessel-Pusteln an den Armen durch die wildwuchernde Botanik über rutschige Schiefersteine. Der Weg ist eigentlich noch nicht mal mehr als “unpassierbar” zu beschreiben, sondern schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Da ist kein Weg mehr, bloss ein halsbrecherischer, glitschiger Abhang unter hüfthohen Dornenhecken. “Hier könnte Dornröschen von mir aus pennen bis sie schwarz wird, ich würd’ sie nicht retten kommen!” brummelt der Herr vor mir.

The Wanderqueen is not amused – ein Scheiß ist das hier, jawohl. “Da kann man sich echt übel auf’s Maul legen!” knurre ich orakelnd und lasse meinen Worten auch gleich Taten folgen, untermalt von wildem Gefluche und höchstempörtem Gekreische. Der Herzmann fischt mich zwar heldenhaft umgehend behende aus dem Dornbusch, wird aber dennoch erstmal kräftig ausgeschimpft. Für den schlechten Weg kann er zwar überhaupt nix, ist aber selbstverständlich trotzdem dran schuld. Nützt ja nix.

Ich würde ja gerne bockig mit dem Fuß aufstampfen, aber dazu isses zu rutschig. Mein Wander- und Lebensgefährte ist krisenerprobt (ich sag nur “15 Jahre”) und versucht sich in akzeptabler Lösungsfindung.

“Am besten gehen wir zurück und dann an der Wied entlang weiter!”
“Du spinnst wohl! Ich geh’ auf KEINEN Fall durch die Dornen zurück, das kannste vergessen!”
“Dann gehen wir vorsichtig weiter, der Weg wird bestimmt gleich wieder besser!”
“Glaub’ ich nicht, ich seh’ nur Dornen, soweit die Augen reichen! Ein Scheiß ist das!”
“Oder wir klettern hier einfach mal den Hang hoch, oben sind keine Dornenbüsche, vielleicht können wir da weitergehen.”
“Auf KEINEN Fall kletter’ ich hier einfach mal so im Unterholz rum, nachher verlaufen wir uns komplett und dann stehen wir doof da!”
“Hm. Also da weiß ich jetzt aber auch nicht mehr so richtig weiter.”

Armer Herzmann. Aber es hat ja niemand behauptet, dass das Leben fair ist.

Nach kurzem Beratschlagen und hysterischem “Nein! Scheiße! Auf keinen Fall!”-Gekeife meinerseits entscheiden wir uns zum vorsichtigen Weitergehen und nutzen die erstbeste Möglichkeit, uns rechts den Hang runter Richtung Wied zu hangeln und dort, zwar mit klatschnassen und dreckigen Klamotten, aber höchsterleichtert und “aaaah!”-end in der Sonne auf einem bekömmlichen Radweg Richtung Neuwied weiterzustapfen.

Bei der Laubachsmühle winkt uns auch wieder das weiße “W” – und hier können wir der Markierung auch wieder fröhlich folgen, denn ab hier geht der Wiedweg erstmal ein Weilchen mit dem Fürstenweg Hand-in-Hand. Und der ist nicht nur hübsch, sondern auch in allerbestem Zustand. In meiner grenzenlosen Herzensgüte gebe ich meinem Wandergefährten bei der Rast sogar eine Klappstulle ab, obwohl er schließlich vorher extra und aus reiner Boshaftigkeit den Wanderweg mit Dornenhecken zugepflanzt hat.

Ich bin ja nicht nachtragend.
(Er zum Glück auch nicht.)


Epilog: Weitere Fotos von der Strecke gibt’s nicht, weil ich die Kamera vor Einstieg in die Dornenhecke sicherheitshalber in den Rucksack verstaut und danach aus lauter Frackigkeit nicht wieder rausgeholt habe. Wenn man den Anstieg hinter Datzeroth aber einfach umgeht und bis zur Laubachsmühle auf dem Radweg entlang der Wied spaziert und erst ab dort wieder dem Wiedweg folgt, kann man sich vollkommen gefahrlos selbst ein Bild der durchaus schönen Wanderstrecke machen.

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8 Comments

  1. Ja geschmunzelt habe ich auch kräftig, und mich hier und uns hier und da wiedererkannt. Alles geplant, gelesen, Essen eingepackt und dann läuft der Couchsitzer mir am Berg unbekümmert davon. Allerdings rufen glitschige und zugewachsene Wege oft ein jetzt erst recht in mir hervor. Mich zum Umkehren zu bewegen, dazu bin ich einfach viel zu störrisch!

  2. Hallo Daniela,
    nimms uns bitte nicht übel, wir mussten sehr lachen. obwohl zu lachen ist das sicher nicht. ich hätte genau wie Du geschimpft und getobt … Und wäre auch nicht auf die Idee gekommen erst mal die Wegbschreibung zu lesen. Aber eigentlich wenn ichs recht überlege … ich hätte mir wahrscheinlich schon den Einstieg in den Weg geschenkt. gut dass euch nichts schlimmeres passiert ist.
    LG Wortgestoeber

  3. Nicht schön für Euch aber schön für mich zu Lesen. Hätte aus der ridlbergschen Wandererfahrung stammen können, wobei hier die Rollen phasenweise vertauscht sind. Ich suche Wege raus und hab die größere Konditionen. Weg fast unbegehbar glitschig (gerade im Urlaub passiert) und ich bin natürlich an allem schuld. Schade, dass mein Bester keine Blogs schreibt, dann hätte ich wenigstens danach was Schönes zum Lesen. 🙂

  4. Hallo Dani,

    au weia – na das wäre auch eine Wanderung ganz nach meinem Geschmack gewesen.. ich glaube, ich wäre zum Rumpelstilzchen mutiert. Aber bitte nimm` mir nicht übel, dass ich mir bei Deinem kleinen Bericht hier das Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

    Hoffentlich seid Ihr mittlerweile wieder trocken und habt Euch bei der halsbrecherischen Aktion nicht auch noch erkältet.

    Liebe Grüße, Kerstin

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