[mohrgedanken] Meinen täglichen Terror gib’ mir heute…

Als mich am heutigen Morgen wie gewohnt mein Radiowecker aus dem Nachtschlaf brüllt, sind die Worte “Terrordrama von Hannover” das Erste, was sich in meine Gehörgänge gräbt. Schlagartig bin ich glockenwach und stolpere mit wild pochendem Herzen in mein Arbeitszimmer, um mich am PC mit weiteren Infos zu versorgen. Terrordrama. Leichte Panik-Übelkeit breitet sich im Magenbereich aus. Wenige schwitzfingrige Sekunden später stellt sich das “Terrordrama” als eine Bombendrohung heraus, die sich nicht bestätigt hat – schlimm genug, aber meilenweit von dem Katastrophenszenario entfernt, dass sich meine Furcht aufgrund der dramatösen Wortwahl der Radiomeldung ausgemalt hat.

Später auf der Fahrt zur Arbeit lausche ich der Rede des unsäglichen Maizierinskys, der von Hinweisen auf einen bevorstehenden Terrorakt quatscht, zu denen er aber ansonsten nix weiter sagen könne, weil das  die “Sicherheit des Landes” gefährden würde.  Einzelheiten würden “die Bevölkerung verunsichern”. Fein – dann bin ich ja beruhigt. Wenn die Leute wüssten, was Maiziere weiß, würden sie sich also vermutlich vor Angst einpullern, deswegen verrät er mal lieber nix. Nicht dass am Ende noch jemand hysterisch wird. Denn im gleichen Maße wie vor Terroranschlägen wird vor “übertriebener Hysterie” gewarnt und zur “Besonnenheit” geraten – aber das, was die Medien uns gleichzeitig um die Ohren ballern, fühlt sich an, als würde man versuchen, mit Flammenwerfern einen Flächenbrand zu löschen. Feuer frei – und immer schön ruhig bleiben!
Die Kanäle, über die Horrormeldungen, Warnungen, Beruhigungen, Verschwörungstheorien und mehr oder weniger begründete Meinungen in mein Hirn schwappen, sind zahlreich…Radio, TV, Zeitungen, Facebook, Google – jeder hat was zu sagen.

Aber an diesem Morgen in meinem Auto beschließe ich, aber sofort einfach nicht mehr zuzuhören. Momentan sehe ich in einer umfassenden Informiertheit für mich keinen Vorteil – im Gegenteil. Ich werde ab sofort keine Nachrichten mehr anschauen oder -hören oder im Netz lesen. Auf Facebook werde ich nur noch den Mohrblog-Account nutzen und pflegen, der private Account wird lahmgelegt und nur noch zum Posten von Blogartikeln benutzt. Und zum Wecken werde mir einen Radiosender mit einer fremden Sprache suchen.
Ganz sicher wird auch der ein oder andere zu dieser Vorgehensweise eine Meinung haben und mir mit “Man DARF doch die Augen vor der Welt nicht verschließen” und “Aber man MUSS sich doch informieren!” daherkommen.
Aber wisst ihr was?

Einen Scheiß muss ich.


Cartoon: Bruce Beattie

10 thoughts on “[mohrgedanken] Meinen täglichen Terror gib’ mir heute…

  1. Steif

    Sich fortan nicht mehr interessieren heißt wegsehen! Und genau das ist es, was unser Herr Innenminister möchte, um uns unter dem Deckmäntelchen der Terrorabwehr mehr und mehr einen Polizeistaat nach innen und außenpolitisch zum Handlanger der USA zu machen!
    Interessiere Dich aus den richtigen Quellen und lehne Dich dagegen auf, was uns tagtäglich für Blödsinn um die Ohren geblasen und in die Augen gekleistert wird, damit genau das irgendwann hoffnungsweise mal wieder aufhört!

    Resignation ist Leidenschaft a.D. !

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  2. Tabea

    Also ich schaue ja schon keine Nachrichten und blättere die Zeitung auch mehr durch, als sie zu lesen. Aber trotzdem habe ich bei solchen Terrorthemen immer das Gefühl, jede Information 20 Mal gehört zu haben. Das alles nur, weil ich mich gerne vom Radio beim Essen bedudeln lasse und zwei mal in der Woche beim Training hr-Info höre.
    Vielleicht brauche ich auch einen Sender in einer anderen Sprache, denn ich habe genau wie du das Gefühl, dass die Informationen mich nicht weiter bringen. Allerdings würde ich mich dann langweilen, weil ich nichts von dem Gerede verstehe…
    Der Cartoon ist wirklich gut gewählt 🙂
    Liebe Grüße

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  3. regenfrau

    Liebe Daniela,
    ich gehöre zu den 90%-Ignoranten. Ich schaffe es wirklich durch Radio- und Fernsehabstinenz diese ganzen Medienberichte so zu dezimieren, dass ich nicht völlig ahnungslos durch die Weltgeschichte laufe (10% kriege ich sicher auch noch ab), mich aber auch nicht stündlich und häufiger runterziehen, bzw. in die Hysterie treiben lasse.
    Wenn ich mich weiter informieren will, gibt es ausreichend sachliche Info in Schriftform, die ich gerne lese.
    Das reicht. Mir.
    🙂

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  4. Andrea

    Ich kann Dich verstehen, man mag wirklich weder Radio noch Fernsehen mehr einschalten.
    Alles wird durchgekaut und zum xten Mal die gleichen Bilder gezeigt.

    Ich finde es beängstigend was in Paris geschehen ist und es beschleicht mich ein komisches Gefühl, dass der Terrort “näher” rückt.
    Trotzdem werde ich weiter in die öffentlichen Verkehrsmittel steigen und auch den Weihnachtsmarkt besuchen, sofern ich Lust verspüre – da will und kann ich mich nicht meiner Freiheit berauben lassen.
    Allerdings würde ich jetzt auch nicht Silvester am Brandenburger Tor feiern – díe Veranstaltung wäre mir dann doch zu groß. Wenn es einschlägt in Deutschland, dann sicher nicht in Kleinkleckersdorf, sondern in den großen Städten, wo die Aufmerksamkeit der Presse gerne hingeht (s. Paris).

    Genieße den ruhigen Abend,
    LG
    Andrea

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  5. Blumenmond

    Ach Daniela, ich kann Dich ja nur zu gut verstehen. Auch ich versuche, Augen und Ohren zuzumachen und mich aufs Positive zu konzentrieren. Schön ist das alles nicht und es nützt überhaupt gar keinen etwas, wenn man darüber schlechte Laune bekommt. In der Tat ist es wohl aber auch eine Überfütterung an Informationen. Wenn es in dem Medien keine anderen Themen mehr gibt (und die gibts), dann ist das auch nicht richtig. Wir lesen uns.

    Anja

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  6. wortgestoeber

    Hallo Daniela,
    so ganz kann man den Neuigkeiten aber leider nicht entgehen. Obwohl ich so langsam das Gefühl habe, die Sensation finden die Medien prima, dann haben sie mal endlich was zu berichten. Ist ja sonst nichts los . Und wenn man das ständig live macht , dann spart man sich das normale Programm Radiosendung und Filme im TV für spätere Zeiten auf. Radiosendungen und TV Filme kosten ja auch Geld, dies spannenden Nachrichten gibts kostenlos.
    Es stimmt Du hast schon recht überall können wir von unseren Politiker aus 1,2,3 Reihe hören”Ich weis was ,aber ich verrate es nicht” und man mag einfach nicht mehr Spekulationen und geheimes Rätselraten hören…
    Das Radio auf einen Sender einstellen der nur “auswärts” quatscht , wäre eine Möglichkeit kann aber nicht jeder überall und sonst wirst Du dieser neuen Sensation auch kaum entgehen..
    Trotzdem es wäre schön , wenn es so funktionieren würde.
    Ich mag nämlich auch nicht mehr
    LG Wortgestoeber

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  7. Frau Fäustchen

    Ich komme mir vor, als wenn wir jetzt auch endlich mal “Terror düften”. Endlich ist hier auch mal was passiert. Also eigentlich ist ja nichts passiert, aber es hörte ja sein können. Das muss uns reichen. Damit muss sich der Maizière-Heini begnügen, um sich wichtig zu fühlen. Und wir haben auch nicht mehr, um uns nun endlich auch mal so richtig bedroht und vor allem – des Deutschen allerliebstes Lieblingsgefühl – als Opfer zu fühlen. Erst waren es die Flüchtlinge, die uns unser…äh.. also irgendwas nehmen die uns jedenfalls weg..genau: unser Abendland, unser muffiges Wir-Gefühl, unser “Uns geht’s immer am beschissensten”-Privileg. Und jetzt sind es die Flüchtlinge, die alle eigentlich Terroristen sind und uns ans Leben wollen. Womit sie uns endlich mal was geben: einen GRUND! Uns aufzuregen, Angst zu haben, jemanden Scheiße zu finden, als Opfer (wenn bislang auch nur potentiell, was aber immer noch besser ist als theoretisch, wir wollen ja auf den Weihnachtsmarkt, verdammt!), sich wichtig zu fühlen. Endlich gehören wir dazu. Zur Weltengemeinschaft der Bedrohten. Und die müssen ja wichtig sein, sonst würden sie ja nicht bedroht. Ha! Wir sind fast so toll wir Frankreich. Man möchte meinen, dass wir es fast nicht erwarten können, dass endlich doch mal was richtiges passiert. Ich möchte mich in Schlaf kotzen. Ich will hier gar nicht anfangen müssen, die wirklichen Opfer zu erwähnen. Das allein wäre ja schon zynisch. Weil wir ja zum Fußball und auf den Weihnachtsmarkt wollen.

    Aber was passiert dann, wenn wirklich etwas passiert?
    Davor habe ich wirklich Angst. Richtig Angst. Vor diesem Land und seiner bislang nicht überzeugenden Haltung in Krisenzeiten.

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  8. Ilona

    Das ist sehr nah dran an meinen Gedanken! Gestern sagte ich noch zu einem Freund: Wenn ich kein Stadtmensch wäre, würde ich mir jetzt eine Hütte im Wald suchen, wo ich einfach nichts mehr mitkriege, was die Leute so reden und was in den Nachrichten kommt und würde friedlich vor mich hin leben.
    Wie die Medien das ausschlachten, was in Paris passiert ist, ist geschmacklos. Mit Angst und Panik kann man Quoten machen…

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