[mohrgedanken] Von Lästereien und Rückgrat

Dieser Text dümpelt schon länger auf meiner Festplatte herum und staubt vor sich hin. Aber er ist ja total zeitlos – und zu schade, um von den Daten-Motten zerknabbert zu werden.


Vor gar nicht allzu langer Zeit in einem absolut nicht fernen Land begab es sich, dass ich mir mit einer Freundin plaudernderweise den Feierabend auf einer gemütlichen Bank in der Sonne vertrieb. Plötzlich wird der Blick meiner Banknachbarin ernster und senkt sich zu Boden.
“Du, ich hab’ mich ja gestern mit ein paar Leuten zum Essen getroffen, und da war auch die XY dabei…”

“Hmpf!” brumme ich in die Botanik, denn Frau XY gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsmenschen. Vorsichtig ausgedrückt.

“Du weißt ja, dass die immer so übel über dich lästert und herzieht. Und gestern hat sie auch wieder kein gutes Haar an dir gelassen und über alles Mögliche geschimpft und gezetert…”

“Hmpf!” brumme ich erneut wenig abwechslungsreich. Aus unerfindlichen Gründen scheine ich der Dame tatsächlich ein maximalgroßer Dorn im Auge zu sein und sie lässt keine Gelegenheit aus, um die unwissende Welt darüber zu informieren, was für ein abgrundtief schlechter Mensch ich bin und wie schädlich meine Existenz doch ist. Und das alles, was ich tue (Atmen und Schlafen vermutlich eingeschlossen), nur dem einzigen Zweck, ihr ganz persönlich Schaden zuzufügen. Äußerst befremdlich, das.

“Also, normalerweise lasse ich die ja einfach labern oder halte dagegen…aber gestern habe ich mich irgendwie im Laufe des Abends mitreißen lassen und hab’ ihr dann irgendwann einfach zugestimmt, damit endlich Ruhe ist.”

“Hmpf?” Irritiert blicke ich auf. Meine Freundin hat tatsächlich mit Frau XY über mich gelästert?!
“Das tut mir auch total leid, das war totaler Mist. Irgendwie hab’ ich mich einfach mitziehen lassen. Die hat sich so empört, das hat überhaupt nicht aufgehört.”

Hmpf. Mein Egoteufelchen lässt geknickt die Flügel hängen und fühlt sich verraten und verkauft. Aber nachdem die erste Überraschung runtergeschluckt und verdaut ist, kommt mir der Gedanke, dass ich nur dann verraten worden wäre, wenn “hinterrücks” eben “hinterrücks” geblieben wäre – dadurch, dass sie mir davon erzählt hat, zeigt sie doch eine bemerkenswerte Loyalität und Ehrlichkeit. Zaghaft streckt mein Ego die Flügel und macht wieder erste Flugversuche.

Ich glaube, niemand von uns (und ich ganz bestimmt nicht) kann sich davon freisprechen, sich hin und wieder auf eine Lästerei hinter fremden Rücken einzulassen und auch im Eifer des Hetz-Gefechts nicht immer ganz akuraten Wert auf eine respektvolle Wortwahl zu legen.
Gerade ich bin ja nun bedauerlicherweise auch oft eine Lästerschwester wie sie im Arschkrampen-Buche steht und stichele (zwar immer selter, weil ich versuche, aktiv darauf zu achten..aber dennoch..) des öfteren mit spitzer Zunge auch gegen Mitmenschen, die ich im Grunde doch sehr gerne mag und achte. Aber auf den Gedanken, das meinem “Lästeropfer” zu erzählen und mich zu entschuldigen, bin ich bisher beschämenderweise noch kein einziges Mal gekommen. Also wäre ich wohl der Allerletzte, der das Recht hätte, jemandem wegen so einem Kram zu grollen oder böse zu sein.

“Hmpf!” Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Das hat Größe, zeugt von Rückgrat und Verantwortungsbewußtsein – und ist auf jeden Fall nachahmenswert. Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich ohnehin niemals davon erfahren hätte, da erwähnte Frau XY ja nur über mich abzeckt und schimpft, sich aber niemals mit mir persönlich auseinandersetzt.
Hätte sie also überhaupt nicht erzählen müssen.
Die Gute.

“Schon blöde, gell?”
“Kann passieren!” winke ich ab und meine Freundin atmet erleichtert auf.

Ich nehme mir ganz feste vor, mir dieses Verhalten als Vorbild zu nehmen – wenn man die Verantwortung für das übernimmt, was man sagt und immer hinterher (metaphorisch gesehen) den Dreck wieder wegputzt, den man ausgekippt hat, führt das vielleicht am Ende gar dazu, dass man erst gar keinen Dreck mehr verschleudert und sich sowohl Worte wie auch Gesprächspartner noch sorgfältiger auswählt.

Und schon ist die Welt -und unser Herz –  wieder ein klitzekleines bisschen sauberer.


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12 thoughts on “[mohrgedanken] Von Lästereien und Rückgrat

  1. Elke

    Liebe Daniela,
    mh, also ich schließe mich nicht der Mehrheit hier an. Ich kenne nun zwar Deine Freundin nicht und auch nicht die andere Lästerdame. Aber für mich hhat das so beim lesen ein “Gschmäckle”. Erst lästert sie bei der anderen mit und biedert sich an, anschließend biedert sie sich bei Dir an, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen und evtl. vorzubeugen, falls es bei Dir über andere Ecken ankäme, was sie gemacht hat. Wahre Größe wäre gewesen, sie hätte bei der Lästernden gegengehalten und sich dort an Deine Seite gestellt.
    Ich finde es toll von Dir, dass Du ihr das verziehen hast. Und falls es sich nicht wiederholt, hätte es ja einen Lerneffekt.
    Liebe Grüße
    Elke

    Antworten
    1. mohrblog Beitragsautor

      Sowas ist ja immer schwer zu bewerten, wenn man die Hintergründe nicht kennt 😉 Und allzu sehr “en detail” wollte ich hier nicht gehen, weil es eigentlich nicht um meine Freundin geht, sondern um meinen eigenen persönlichen Lerneffekt und um mein Lästerverhalten 😉

      Meine Freundin hat schon alles richtig gemacht (zumindest im Nachhinein), es ging nicht ums Anbiedern und tatsächlich konnte ich das Verhalten in diesem einen ganz speziellen Fall sogar ein bisschen nachvollziehen.

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  2. Blumenmond

    Ja, Lästermaul. Das ist kein schöner Wesenszug, den ich sicherlich (und Du weißt es) auch nicht von mir weisen kann. Aber je älter ich werde, um so weniger und um so mehr Toleranz für alles, was anders ist. Ob ich es “beichten” würde? Ich glaube wohl eher nicht. Und ein wenig lästern gehört wohl auch zum Mensch sein dazu.

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  3. wortgestoeber

    Hallo Daniela,
    stimmt man lässt sich hinreißen, man will ja gar nicht auf die Idee Sorry zu sagen zum Opfer meiner spitzen Zunge, bin ich auch noch nie gekommen, Toll Deine Freundin.
    LG Wortgestoeber

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  4. Andrea

    Ups, dachte ich und hörte merklich auf zu atmen, bei Deiner Geschichte.
    Natürlich war es nicht richtig, aber ich finde, es gehört sehr viel Mut und Vertrauen in Eure Freundschaft, Dir das doch zu erzählen.

    Ich hoffe, es wird Euch in Zukunft nicht belasten.

    LG
    andrea

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  5. regenfrau

    Hallo Daniela,
    hmmmm… ich bin da eher vorsichtig mit einem Urteil.
    Ist es gut zuzugeben, dass man etwas “Schlimmes” getan hat? Wem soll das was bringen? Vielleicht ist es für diejenige eine Erleichterung ihres Gewissens, aber das war es dann auch schon. Kommt mir so katholisch vor: erst sündigen, dann beichten gehen und schon wird mir vergeben. Vielleicht wäre es besser, sich vorher zu überlegen, was man tut. Oder wenn schon mal was Blödes “passiert” ist, zumindest die Verantwortung selbst dafür zu übernehmen und damt weiterleben.

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Ich glaube, wenn man sich angewöhnt, zu seinen Verfehlungen zu stehen, nimmt man sie eher wahr und wird dann langfristig wirklich vorher überlegen, was man tut und sein Verhalten ändern. Das bemerke ich seitdem zumindest bei mir 😉

      Einfach beichten, damit man seine Schuld loswird, und dann weitermachen wie bisher ist natürlich Murks. Immer und überall 😉

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  6. Volker

    Hmmm, kenne ich das? Läster ich über Leute die mir am Herzen liegen? Eigentlich nicht, und schon gar nicht, um andere Lästermäuler zum Schweigen zu bringen, da gebe ich eher Kontra.

    Ich fühle mich jetzt gerade als unendlicher Gutmensch. Dabei läster ich doch so gerne, so viel und auch so böse. Ich hoffe nur, dass es immer die Richtigen trifft 😀

    Das Verhalten Deiner Freundin verdient aber großen Respekt!

    Liebe Grüße
    Volker

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    1. mohrblog Beitragsautor

      Erst gar nicht erst mitzulästern ist natürlich das Allerbeste 😉
      In diesem speziellen Fall konnte ich meine Freundin aber fast verstehen und sie hat in Bezug auf Frau XY ihre Konsequenzen gezogen. Und wir haben schlußendlich beide draus gelernt. Ist also alles ok 😉

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