Freundschaft mit Helga?


“Du musst den Schmerz umarmen, dann wird er dein Freund.”
Es wird wohl inzwischen gut und gerne 15 Jahre her sein, seit ich diesen Satz zum ersten Mal gehört habe – und seinerzeit, als grünohriger Laufanfänger, fand ich diese Aussage doch reichlich merkwürdig, obwohl er von einer schwerst bewunderten Ultramarathon-Koryphäe kam. Warum zum Geier sollte ich mein ziependes Schienbein umarmen oder mit dem stechenden Knieschmerz ‘nen Kaffee trinken gehen? Der Scheißdreck soll mich einfach in Ruhe lassen, von wegen “Freund”. Umarmen, am Arsch, ey.

Jahre später, als selbst damit angefangen habe, meinen schlappen Korpus über längere Distanzen zu schleifen, verstand ich dann, was der Herr damit gemeint haben könnte. Wenn man lange Strecken über 30, 40 oder 50 km läuft, tut es in 99,9% aller Lauffälle nach einer Weile irgendwo weh. Nach ein paar Stunden piekst das Knie, irgendwann später sticht die Hüfte, manchmal schreien Rücken oder Schulter, der Fußknöchel pocht eine Weile beim Auftreten – voll ultranormal. Wenn man nun aber dennoch noch etliche Kilometer bis zum Ziel vor sich hat und auch nicht vorhat, sein Vorhaben in den Wind zu schießen, hat man nun die Wahl – entweder bei jedem Schritt jammern und die verdammten Knochen verfluchen, aufs Knie wettern oder die peinigende Hüfte verfluchen, und ‘ne richtig beschissene Zeit haben…oder die Sache einfach nehmen, wie sie ist, dem Knieschmerz auf die Schulter kloppen und sagen “So, Kumpel, so wie es aussieht, werden wir wohl noch’n bisschen Zeit miteinander verbringen heute. Nimm’ dir ‘nen Keks und mach’s dir gemütlich, und jetzt laufen wir.” *) Weil – nützt ja nix. Vom Heulen geht der Schmerz ja nicht weg, der macht sich dann erst so richtig dick und fett im Kopf breit und versaut jedweden Laufspaß. Wenn man ihn einfach nicht großartig beachtet und ihm ‘nen bequemen Sessel anbietet, wird er meist ganz friedlich und stört nicht weiter.

In den vergangenen reichlich trübtassigen und müden Tagen habe ich nun öfter darüber nachgedacht, ob ich das mit der Psychokirmes vielleicht genauso handhaben sollte – denn so wie es aussieht, geht der Scheißdreck zumindest vorerst nicht einfach so wieder weg. Gerade momentan bin ich einfach nur stinkwütend auf diesen Depri-Mist, der mir mit beiden Händen jede Menge bitterer Stolpersteine in den Frohsinnsweg wirft, alles um mich herum grau und matschig anpinselt und mir das Leben versaut. Der soll sich verpissen, der Arsch. Manno! Ich würd’ am liebsten aufstampfen wie Rumpelstilzchen, mir vor lauter Zorn die Haare ausrupfen und “Ichwillwillwill! dich nicht!” plärren (wenn ich dazu nicht gleichzeitig viel zu müde wäre…..) Der Gedanke, diesen widerwärtigen Störenfried einfach “zu umarmen” und als “halt eben da” zu akzeptieren, löst massives Kopfjucken aus…aber so wie es aussieht, werden wir wohl noch ein bisschen Zeit miteinander verbringen.

Meine Therapeutin (was übrigens zu der absoluten “Top Ten der Formulierungen, die ich lebenslang NIE in den Mund nehmen wollte” gehört. Meine Therapeutin. Watt iss’ bloß aus mir geworden?!) hat mir angeraten, der ganzen Sache einen Namen zu geben, der nett und harmlos klingt…nicht “Psychokirmes” und schon gar nicht “Scheißdreck” oder “Deprimonster”. Diesen Tipp fand ich erstmal doof (wie ich alles, was die Dame sagt, erstmal doof finde. Da tanzt der innere Trotzkopf) – aber dann habe ich mich entschlossen, die Kopfkirmes “Helga” zu taufen.

Dann machen wir uns wohl mal auf den Weg, die Helga und ich.
Vielleicht mag Helga ja Kekse.

*) Disclaimer: Natürlich ist diese Herangehensweise nur bei den ganz normalen Zipperlein sinnvoll, die man eben auf langen Läufen so hat und die auch meistens nach einer Weile wieder verschwinden. Bei richtig ernsten Verletzungen sollte man natürlich nicht den Schmerz, sondern eher den Arzt umarmen. Ist klar, ne?


 

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