[mohrwandern] Traumschleife Hasenkammer – Filz im Forst und feine Pfade

Es gab eine Zeit, da hätte ich mir für läppische 10 Kilometerchen gar nicht erst die Laufschuhe angezogen, geschweige denn Schusters Rappen gesattelt.  Aber Zeiten ändern sich, und so quietsche ich vor Entzücken, als ich bei einer Facebook-Freundin zauberhafter Fotos von einer “wunderbaren, trailigen, einsamen Traumschleife” angesichtig werde. Vor allem das Wort “einsam” lässt mein inneres Orchester zum jubilierenden “Freudeschönergötterfunken” aufspielen. Denn so sehr ich mich auch über den Frühling freue, sein akkustischer Kollateralschaden in Form von Grillparty-Geplärre, Kindergebrülle und Radiogeblöke zerrt gerade mächtig an meinem maroden Nervenkostüm.

Traumschleife Hasenkammer” heißt das landschaftsschöne Kind, misst 10,4 km und hat 450 Höhenmeter im Gepäck. Und so mache ich mich an einem freien Frühlingsmontag maximalvorfreudig mitsamt dem Hundetier auf den Weg ins ca. 40 Minuten entfernte Boppard. Auch hier hätte ich vor Jahren noch spöttisch gegrinst – 40 Minuten Anfahrt für schlappe 10 km Strecke, wie albern!
Aber wie gesagt.
Zeiten ändern sich.

‘It has to start somewhere’  – Los geht’s auf der grünen Wiese!

Die als Startpunkt ausgewiesene Kirmeswiese Herschbach ist dank Navi fix gefunden und wird auch gleich vom Hundetier als Outdoor-Toilette eingeweiht. Die Wiese würde wohl auch ausreichend Parkplätze für ganze Wanderhorden bieten, aber dankenswerterweise ist meine Blechkutsche erstmal das einzige Auto weit und breit. Einsamkeit ahoi – und los geht das!

Die Traumschleife startet flach und idyllisch durch derzeit noch kahle, aber sicherlich ganz bald reichlich blühende Streuobstwiesen. Aller Beschaulichkeit zum Trotz fühle ich mich gleich ein wenig gemaßregelt, denn die putzige kleine Leiter in den Obstbaum biegt sich unter einem fast überdimensionalen Hinweisschild “Klettern verboten!”, und wenige Schritte weiter schreit der Aufdruck “Privatgrundstück! Betreten verboten!” meine Netzhäute an. Nun denn, ich will ja weder in Obstbäumen rumklettern noch Privatgrundstücke betreten, sondern marschieren und TO!-TAL!  einsam sein. Fröhlich stapfen wir voran und folgen den verlaufsicher angebrachten pinken Hinweisschildern. Nach etwas mehr als einem Kilometer werden wir vom Feld in den Wald gesaugt und über zauberhafte Singletrails gelotst.

“Ist das Kunst oder kann das weg?”

Nach einem weiteren Kilometer bietet sich ein bizarrer Anblick: Offensichtlich durfte sich hier vor einer Weile eine Handvoll “Künstler” kreativ austoben und ihre mehr oder minder interessanten Werke am Wegesrand in die Baumwipfel hängen. Die Filzgebilde scheinen aber inzwischen ein wenig in die Jahre gekommen zu sein, und so erinnern die halbzerfetzten, schmutzigen und teilweise vermoosten Gebilde eher an ‘Blair Witch Project’ als an das, was sie laut Infotafeln darstellen sollen. Der ‘Schmetterling des Lebens’ zum Beispiel hängt so schlapp und schmuddelig in den Seilen, dass ich mich frage, wie dann wohl erst ein ‘Schmetterling des Todes’ aussehen mag. Filzige Baumgeister grinsen mit offenen Mäulern auf uns herab, und einen ehemaligen ‘Drachen’ hat’s wohl so schlimm erwischt, dass sein moribunder Körper nur noch zur Hälfte in einer Astgabel hängt und der umliegende Boden mit schmutzigen Innereien aus Wolle bedeckt ist.

Als bekennende Kunstbanause ringt mir dieses Szenario nur ein spießiges “Was’n komischer Scheiß!” ab und wir suchen flugs das Weite, welches wir auch gleich hinter der nächsten Kurve in Form von breiten Waldwegen mit Aussicht finden. Und – fürs Protokoll – bis dato sind wir keiner einzigen Menschenseele begegnet und meine Ohrmuscheln wurden ausschließlich von Vogelgezwitscher und dem emsigen Trippeltrappel von 4 Hundepfotn beglückt. Herrlich ist das. Nach ein paar Kilometern gesellt sich zum Vogelkonzert noch ein idyllisches Bach-Rauschen und wir nutzen die Gelegenheit für ein gemütliches Trinkpäuschen – ich aus der Pulle, das Hundetier aus dem Bach.
Auf Täler folgen ja zumeist Höhen, und so schraubt sich die Traumschleife alsbald wieder nach oben – auch hier: Stille, Einsamkeit und wunderschöne Pfade. Es könnte kaum besser sein.

Kraxeln, Klettern und Klimmen!

Nach etwas mehr als 6 Kilometern wird es spannend: Wir nähern uns der “Udenhausener Schweiz”, einem leicht bröckeligen schmalen Felsrücken, der links und rechts des schmalen Pfades ziemlich gruselig in die Tiefe zeigt und sowohl mir wie auch dem Tier ein wenig Kletterei abverlangt. Hier sollte man unbedingt Trittsicherheit, feste Schuhe und Pfotengrip mit im Gepäck haben, wird dafür dann aber auch mit grandioser Aussicht und einem Hauch von Nervenkitzel und Abenteuerfeeling belohnt. Leicht zittrig manövriere ich meinen höhenängstlichen Korpus über den schmalen Grat, während das Hundetier geschickt und schon leicht ungeduldig vorantänzelt. Das ist wohl der Preis für die Wandersfraueneinsamkeit – wenn ich hier abrutsche und mir das Genicke breche, findet mich vermutlich wochen- wenn nicht gar MO!-NA!-TE!-lang niemand. Zum Glück ist mein Hund versiert in der Hasenjagd und könnte sich vermutlich mühelos alleine im Udenhausener Umland durchschlagen. Dennoch beschließe ich erstmal vom Genickbruch abzusehen. Schließlich bin ich schon bis Kilometer 7 gekommen, da will ich auch wissen, wie es weitergeht.

Und es geht weiter, mit einem kleinen Stück über einen breiten Waldweg, einem Schlenker über ein weiteres plätscherndes Bächlein in schmuckem Singletrail-Rahmen, später dann über weites Feld und sattgrüne Wiesen. Das Hundetier lässt seine rosa Zunge im Wind flattern und ich bin schwerst beeindruckt, wieviel verschiedene Landschaftsbilder und Wegsorten sich doch in gerade mal schlappe 10 km packen lassen. Hier werden tatsächlich alle Sinne satt.

Als wir am Auto ankommen, zeigt das “Mensch-O-Meter” immernoch eine dicke NULL an. Kein Mensch, kein Kind, kein Rind unterwegs.
Mehr kann man sich für einen Wandertag wirklich nicht wünschen – findet auch das Hundetier und lässt alsbald ein zufriedenes Schnarchen vom Rücksitz aus vernehmen.

Mir hat hier tatsächlich kein einziger Kilometer gefehlt – auf den 10 km haben wir soviel gesehen und erlebt, das gibt’s woanders manchmal noch nicht mal auf der doppelten Streckenlänge.


‘Traumschleife Hasenkammer’ mit Hund

Für jeden normalfitten, wanderfröhlichen Hund ist dieser Weg ein Riesenspaß. Allerdings ist die kraxelige Passage der Udenhauser Schweiz nicht ganz unknifflig, hier sollte das Hundetier entweder ohne Leine laufen können oder kein allzu dolles Zugpferd sein. Bei nassem oder gar schneeglattem Wetter würde ich von diesem Weg allerdings abraten, das wäre mir selbst ohne Pelzträger an der Leine zu abenteuerlich.

Reichlich Wasser zum Schlabbern und Erfrischen fürs Wandertier gibt es nach 3,5 und ca. 7,8 km. Trotzdem empfiehlt es sich, zusätzlich Wasser für “zwischendurch” mitzunehmen, gerade an warmen Tagen.

Und hier kommt auch der einzige Knackpunkt für Hundewanderer: Einige Passagen gehen übers freie Feld oder breite, schattenlose Waldwege. An sonnigen Tagen sollte man eher in den frühen Morgenstunden losmarschieren, um vor der Mittagshitze wieder zurück zu sein, zumal, wenn man – wie ich – mit ‘nem älteren herzgeschädigten Pelzträger unterwegs ist.

Wir hatten das Glück, dass es zwar sonnig, aber bedeckt war, sonst wäre es manch’ hübschen, aber hitzigen Stellen für meine kleine “Herzkönigin” vermutlich doch etwas anstrengend geworden.


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