[mohrwandern] Exorzismus auf dem Nette-Schieferpfad

Das Wunderbarste an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen.
(Gilbert Keith Chesterton)

Auch wenn das Hundetier in diesem Sommer leider nochmal einen ziemlich heftigen Umweg über eine andere, schwere Krankheit gemacht hat und nochmal eine Weile in der Tierklinik verbracht hat, hat die Hofheimer Kardiologin meine Heidi am 26.10. beim letzten Herz-Kontroll-Ultraschall als “vollkommen gesund” deklariert. Das Hundeherz hat sich nach der Endokarditis im letzten Jahr wundersamerweise komplett regeniert und es ist keine Undichtigkeit mehr messbar. Heidi Löwenherz braucht also fortan nach etwas über einem Jahr keine Herztabletten und auch keine sonstigen Kontroll-Untersuchungen mehr.


So richtig kann ich die Gesundung des Hundetiers bis heute nicht fassen und manchmal fühlt es sich (trotz höchsteuphorischem inneren Fackelzug) so an, als trüge ich nun eine heimatlose Sorge in meiner Brust. Ich habe es zwar schwarz auf weiß, dass Heidi wieder mopsgesund und quietschfidel ist, aber trotzdem ertappe ich mich selbst immer wieder bei mißtrauischen Seitenblicken und einem leichten Ziehen in der Magengegend, wenn das Hunde-Herzchen nach dem Toben allzu sehr pumpt oder die Zunge vor lauter Begeisterung beinahe seitlich auf dem Boden hängt. Da so ein überflüssiges Gefühl weder mir noch dem Tier nützt, wird es mal allerhöchste Zeit, die Geister der Vergangenheit endgültig auszutreiben und ein fettes “Ende” unter das Kapitel Endokarditis zu pinseln.

Bei meiner Wanderung mit dem Dobermann-Mann im August 2017 zeigte Heidi erste Anzeichen, dass irgendwas nicht so richtig stimmt, sie war einen Hauch weniger munter, einen Hauch weniger quirlig, irgendwie war mein schlechtes Bauchgefühl aber nicht richtig greifbar. Zwei Tage später brauste ich dann mit einem schwerstfiebernden Hundetier zum ersten Mal in die Tierklinik. Eigentlich bin ich kein abergläubischer Mensch. Sämtlicher Eso-Bimbam wie ‘Schicksal’ oder ‘Fügung’ sowie’ schwarze Katzen von links’ und Freitag der 13. können mir gepflegt den Buckel runterrutschen. Trotzdem bereitete mir der Gedanke an den Nette-Schieferpfad seit etwas über einem Jahr immer wieder diffuse Bauchschmerzen und ich habe die Gegend gemieden wie der Teufel was Weihwasser, obwohl dieser zauberhafte Wanderweg ja nun wirklich nicht das allergeringste dafür kann, dass mein Hundetier krank geworden ist.

Somit wäre wohl der Nette-Schieferpfad der perfekte Ort für eine ausgiebige Sorgenteufels-Austreibung. If we can make it there, we’ll make it everywhere. Nämlich.

Die Wettergötter haben am heutigen Freitag offensichtlich ein Herz für ängstliche Exorzisten. Die Landschaft erstrahlt in allergoldenstem Herbstsonnenschein, als wir auf dem Trimbser Dorfplatz einrollen. Hier habe ich seinerzeit auf den Dobermann-Mann und Hündin Jilly gewartet. Heute warten wir auf niemanden, sondern stapfen munter mit den orangen Wegmarkierungen vor der Nase los. Geisterjäger ahoi!

Das Hundetier rast mit wedelnder Strupp-Palme vorweg und ich marschiere mit einem zwar kleinen, aber überflüssigen Sorgenklumpen in der Magengegend hinterher.

“Das Herz hat sich wieder vollkommen erholt, das ist echt ein Wunder” höre ich die Stimme der Kardiologin durch die gelbgoldenen Äste säuseln.
“Und wann muss ich wieder zur Kontrolle kommen?” säuselt meine Stimme misstrauisch hinterher.
“Na, überhaupt nicht mehr. Heidi ist wieder vollkommen gesund, da braucht es keinen Ultraschall und keine Medikamente mehr.”

“Wo bleibste denn, du lahme Kröte?”

Wie um meine Bedenken endgültig zu entkräften, rast Heidi wie ein wilder Watz den ersten Anstieg hoch und grinst mir von oben ungeduldig entgegen. “Wird’s bald?”

“Ja, ja…” schnaufe ich innerlich und denke bei mir, dass solche bescheuerten Gedanken  wie meine wirklich ziemlich schwer wiegen und einem durchaus die Puste rauben können.

Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Scheinbar gewöhnt man sich auch daran, besorgt zu sein und scheinbar kann mein Kopf wohl nur schwer davon lassen. Blödmanns-Kopf, blöder.

Auf dem Feldweg, der danach folgt, ist mir bei der Wanderung im letzten Jahr aufgefallen, dass Heidi ziemlich unlustig hinterher schlufft statt wie gewohnt fröhlich vorwegzurennen. Hier an dieser Stelle lauern also besonders viele Geister zwischen den Grasbüscheln, und ich hatte mir fest vorgenommen, sie ALLESAMT heute kräftig niederzubrüllen und für immer zu verjagen. Aber zum Brüllen fehlt mir ein wenig die Puste, weil das Tier so ein Affenzahn-Tempo vorlegt. Naja.
Vielleicht besser so.

Die Pfade des Nette-Schieferpfades sind mir noch in hübschester Erinnerung, und jetzt in bunten Herbstfarben sind sie gleich noch viel schöner als letztes Jahr im Hochsommer. Der Anblick der zerklüfteten Trimbser Schweiz in einem Bett aus warmen Goldtönen füllt meine Herzkammern nach und nach mit euphorischer Wonne und lockert den Klammergriff um meinen Magen, während das Hundetier wie eine schwarze Bergziege über die Felsen kraxelt.

Ein diffuses Stück Rest-Besorgnis bröckelt bei einer steilen Felsentreppe endgültig in die Tiefe, denn auf diesem durchaus anspruchsvollen Pfad empfiehlt es sich (wie in allen Bereichen des Lebens) den Blick nach vorne zu richten und nicht immer wieder ängstlich nach hinten zu glotzen. Dann könnte man nämlich durchaus mal abrutschen und sich den Hals brechen. Also lieber Augen nach vorn.
Geister der Vergangenheit, am Arsch! Damit ist jetzt echt mal Schluss.

Den Rest der Wanderung genießen wir in vollen Zügen, sorgenfrei, herzgesund und mit allerbester Laune. Und als das Tier zum Ende der Strecke beinahe die Nette leertrinkt, um hernach mit einem Satz ins Auto zu hopsen und in tiefen Schlaf zu fallen, denke ich erstmals nicht “Herrjeh, hoffentlich verkraftet sie das, das Herz, das Herz!” sondern nur
“Leckofatz! Watt’n geiler Tag.”

Und die Geister?
Ähm…welche Geister?


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