“Oh, du Fröhliche…” – oder warum man sich von Tante Helga nicht verrückt lassen machen sollte.

Die Vorweihnachtszeit sollte im günstigen Fall eine Zeit voller Vorfreude, Besinnlichkeit und innerer Einkehr sein. Tatsächlich begegnen mir aber im Advent fast ausschließlich gestresste Mitmenschen, die mit flackernden Augen von einer Weihnachtsfeier zur nächsten rasen und sich in der Zwischenzeit schwitzend in einen Geschenkekauf-und Plätzchenback-Marathon stürzen. In vielen Branchen ist die Weihnachts- gleichzeitig auch auftragsstärkste Großkampfzeit, und so kommen bei vielen Arbeitnehmern zum ganz normalen Adventswahnsinn noch jede Menge Jobstress und Überstunden hinzu. Besinnlichkeit? Am Arsch. Keine Zeit für so ‘nen Firlefanz. Die nächste Weihnachtsfeier ruft, ich muss noch Plätzchen backen, hab’ noch kein einziges Geschenk und 3 Wochen mit Überstunden vor mir.

Auch die Auswahl und Vorbereitung des perfekten Festtags-Menüs ist offensichtlich bei vielen Menschen ein Riesenthema, gerade wenn es darum geht, Pflanzenfresser und omnivore Familienmitglieder unter einen Futter-Hut zu bringen. Wenn man sich ab November in den üblichen Veganforen umschaut, beginnt fast jeder zweite Beitrag mit „Hilfe, was koche ich Heiligabend?“, oft verbunden mit dem Wunsch nach Gerichten, die „auch Omnis überzeugen“, weil „der Onkel Herbert sowieso immer nur über Veganer meckert“ und „die Schwiegermutter auf den klassischen Schweinebraten besteht, pflanzliche Alternativen erst gar nicht anrührt und den ganzen Abend mit langem Gesicht am Tisch sitzt.“

Wenn ich sowas lese, denke ich jedes Mal, dass es vielleicht viel wichtiger wäre, vor Auswahl des Heiligabendessens erstmal die Auswahl der Gäste genauer unter die Lupe zu nehmen.

Man sollte sich vorab ein paar im Grunde selbstverständliche Dinge vor Augen halten: Wer bei mir zu Gast ist, hat sich (gefälligst!) höflich und respektvoll mir gegenüber zu verhalten – und wer dazu nicht in der Lage ist, wird dann halt nicht bei mir zu Gast sein, Onkel Herbert hin oder her. Zum Glück ist die Mohr-Familie, obwohl überzeugt omnivor, da sehr entspannt – andernfalls würden wir halt Weihnachten getrennt voneinander verbringen.

Mir tun die Mädels und Frauen (und die paar wenigen Herren) immer unendlich leid, die sich fürchterlich abstressen und selbst unter Druck setzen, um es der mäkeligen und meckerigen Verwandtschaft auch nur bloß in jeder Hinsicht recht zu machen. Und das, obwohl offensichtlich seitens so mancher Verwandtschaft kein Stück Kompromissbereitschaft, Aufgeschlossenheit oder auch nur ein Hauch von Höflichkeit zu erwarten ist. Am Ende sind die veganen Gastgeber dann doch meist die Gelackmeierten, weil Schwiegermutter & Co es dann mitunter nicht auf die Kette bekommen, mal ausnahmsweise nicht wie bockige Kinder auf „ihr Fleisch“ zu beharren und sich einfach mal neugierig auf die Kochkünste der pflanzenfressenden Gastgeberin/Tochter einzulassen. Und einfach mal einen Meter weit über den eigenen Tellerrand zu glotzen.

Da wäre ein wenig mehr Selbstbewusstsein und „Mein Haus, meine Regeln!“-Rückgrat seitens der veganen Köchin vielleicht eher vonnöten als der panische Drang, die meckernde Verwandtschaft unbedingt zufriedenstellen zu wollen. Es gibt so viele tolle pflanzliche Gerichte, die köstlich schmecken und auch durchaus festtagstauglich daherkommen – wer da nicht will, der hat halt schon. Piffpaff.

Natürlich ist es durchaus möglich, dass ein deftiger veganer Nussbraten mit Pilzsoße der anspruchsvollen Tante Helga wirklich und wahrhaftig nicht so gut schmeckt wie der klassische Sauerbraten, den es bei ihr seit Jahr und Tag an Heiligabend gibt. Kann sein. Geschmäcker sind verschieden. Aber wenn man woanders zu Gast ist, bricht man sich auch keinen ab, etwas Anderes zumindest mal zu probieren und die Köchin nicht gleich in Grund und Boden zu kritisieren. Auch und gerade in der Familie darf man sich gegenseitig (auch und gerade in der Weihnachtszeit) ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringen. Und eine andere Weltsicht und Ernährungsweise zu tolerieren, gehört zum respektvollen Umgang dazu.
Wer das nicht schafft, muss eben daheim bleiben.
Man muss sich auch von der Familie und von Gästen nicht alles bieten lassen.
Ende, Gelände.

Ach ja, und bevor jemand nur daran denkt, das neunmalkluge “Ja, aber DU!”-Fingerchen zu heben: Ich erwarte im Gegenzug auch nicht von Tante Helga, dass sie für einen einzigen veganösen Mitesser am Tisch vegan kocht, und ich ziehe auch kein langes Gesicht, wenn Fleisch kredenzt wirt. Ich frage vorher nach, was es gibt, esse mich ggf. an Beilagen satt und rund oder bring’ mir einfach selbst was mit.
Respekt ist keine Einbahnstraße.
Nämlich.


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