Archiv für den Monat: Januar 2020

Frau Mohr, Frau Herrlich und die Böllerbande

Es ist nun ziemlich exakt 3 Jahre her, seit das wunderbare Hundetier Heidi Herrlich bei mir Einzug gehalten hat, und es gibt immer noch so einige Anekdoten aus unserer Anfangszeit, die noch mit dem verschämten Mantel des Schweigens verhüllt sind. Ich habe mich anfangs beileibe nicht mit Frauchen-Ruhm bekleckert – aber inzwischen steh’ ich da gelassen drüber.
Wir haben alle mal angefangen – und Heidi Herrlich kann zum Glück so einiges verzeihen.
Also Bühne frei für Heidi Herrlich und die Böllerbande!


Wer mich und meinen Blog schon länger verfolgt, bemerkt spätestens durch die Lektüre der Anekdoten “Pfoten weg von meinem Rudel!” und “Cat on the run”, dass ich eine leichte (das sagen höfliche Menschen) bis krankhaft (das sagen Realisten) ausgeprägte Neigung zur Helikopter-katzenmutti habe. Und – wie soll es anders sein – natürlich macht dieser Wesenszug auch vor meiner neuen vierbeinigen Mitbewohnerin Heidi Herrlich nicht halt.

Als die kleine Rumänin am 01.01. bei uns Einzug gehalten hat, war das Thema “Böller und Raketen” ein sehr präsentes. Die sozialen Medien quollen über vor Horrorgeschichten über verängstigte Vierbeiner, Schimpftiraden auf rücksichtslose Knallköppe, Suchmeldungen entlaufener Hunde und Empfehlungen zur Beruhigung panischer pelziger Mitbewohner. Diese zahlreichen Informationen haben mir ein leuchtendes “Heidi vor Böller-Idioten beschützen” in die Hirnrinde gebrutzelt, direkt neben dem Schild “Hund 2x täglich füttern”.

Nachdem es mir am ersten Tag gelungen ist, den Hund “2x täglich zu füttern” und auch sonst vor allem Unbill dieser Welt zu beschützen, gewande ich Heidi Herrlich heute am Tag 2 in ihr Sicherheitsgeschirr zu einem fröhlichen Ausflug durch den nahegelegenen Park mit Abstecher in den örtlichen Fachhandel für Heimtierbedarf, um ein paar Kleinigkeiten zu ershoppen, die der Hund noch dringend zur Glückseligkeit braucht. Leuchthalsband, Knauknochen, kompostierbare Kackebeutel. Ist auch wichtig.

Als wir die Haustür verlassen, vernehmen meine gespitzten Gefahr-Sensoren (aka “Lauschlappen”) aus der Ferne wieder einmal Böllerschüsse und Raketengeheul, wie eigentlich ständig an diesem und auch dem vergangenen Tag. “Scheißdrecksmistidioten, hammseallejeldzuviel” muffele ich in meinen nicht vorhandenen Bart, während Heidi doppeltgesichert mit wippenden Öhrchen die Nachbarschaft erkundet. Während wir so durch “da hood” flanieren, wächst mein Stolz ins Uferlose angesichts dieses ganz und gar entzückenden Hundetiers an meiner Seite. Ich bin ein wenig empört, dass nicht ausnahmslos jeder Passant verzückt stehenbleibt, um mir zu bestätigen, dass diese kleine Hundedame nun aber wirklich die allerschönste der ganzen Welt sei.
Aber vermutlich sind die alle bloß neidzerfressen und machen deswegen den Mund nicht auf.
Verstehen könnt’ ich’s.

Wir nähern uns dem Park, als in gefühlter Nähe erneut eine Böllersalve in die Botanik geschossen wird. Meine Nackenhaare stellen sich hoch, die Augen formen sich zu Schlitzen, ich verstärke den Griff um die Leine, ziehe sicherheitshalber noch einen der Metallringe um den Zeigefinger und scanne die Umgebung (während Heidis Öhrchen weiterhin unbekümmert wippen und die schwarze Knopfnase akribisch die Bestseller am Boden schmökert). Meine Suchscheinwerfer fallen auf eine Dreiergruppe herumstehendes Jung-Testosteron, Marke “Wenn ich groß bin, will ich Kleinkrimineller werden”, die genau auf meinem Weg steht und in garantiert übelster Absicht die Köpfe zusammensteckt. Die waren datt mit den Böllern! Ganz bestimmt! Dreckige Drecks-Pänz, verkommene! Denen werde ich – hört, hört – MOHRes lehren! Wer meinen Hund erschreckt, bekommt meinen Zorn zu spüren. Da kannze einen drauf lassen.

Ich recke die Schultern, verstärke erneut den Klammergriff um die Leine, säusele Heidi zu dass “alles feeeeiiiiiin” sei (woran sie bis zu dieser Sekunde ohnehin keinen Zweifel zu haben schien) und stapfe auf die üblen Gesellen zu, mit jeder Pore auf Angriff gebürstet.

Als wir uns auf gleicher Höhe mit den heimtückischen Böllerbuben befinden, sehe ich aus dem Augenwinkel ein Feuerzeug aufblitzen, wachse umgehend auf eine Körpergröße von 3 Metern (Minimum!), stoße mit meinen Zeigefinger wie mit einem Florett in Richtung des potenziellen Angreifers MEINES Hundes, und feuere mit einer tiefen Donnerstimme ein grollendes “Freundchen, EIN BÖLLER und ich ZEIG DICH AN!” wie einen Gewehrschuss ab. In der gleichen Sekunde, wo die Worte meinen Höllenschlund unwiederbringlich verlassen haben und dem Widersacher ins Gesicht geklatscht sind, sehe ich die Zigarette in der anderen Hand des Buben und blicke in 3 zutiefst verschreckte, fast noch kindliche Augenpaare. “Oh!” murmele ich zutiefst einfallsreich und meine Größe schrumpft umgehend auf die gewohnten 1,80 m zurück, zusätzlich minimiert durch die beschämt gesenkten Schultern. “Oh, ich dachte, ihr wolltet einen Böller werfen.”
Der (fürs Rauchen eindeutig viel zu junge, das will ich nun aber doch mal festhalten, hier!) Jungmann reißt entsetzt die blauen Augen auf: “Aber das würde ich doch niemals tun, sie haben doch einen Hund dabei, der kriegt doch dann Angst!” Ich schäme mich. Das andere (eigentlich nun wirklich sehr niedliche und wohlerzogene) Jünglein bekräftigt “Und außerdem ist doch Silvester vorbei, da darf man gar nicht mehr böllern.”

Ich schaue kurz nach links und rechts, ob sich vielleicht irgendwo ein Loch im Erdboden auftun möge, in das ich mich vor Scham verkriechen könne, aber Mutter Erde zeigt sich wenig kooperativ. Ich entschuldige mich reumütig bei den Jungs für meinen hysterischen Auftritt, ernte ein wirklich zauberhaftes, jung-gentlemanlikes “Macht doch nix!” und “Das ist aber wirklich ein ganz süßer Hund!”, schmelze ein wenig dahin angesichts der wirklich überaus liebenswerten Jugend von heute und schleiche mit unverändert frohgemuten Heidi Herrlich an der Seite von dannen. Wenigstens eine der beiden Damen in unserem Team hat sich vorbildlich benommen.

Na gut. Es war ja auch realistischerweise nicht wirklich zu erwarten, dass ich mich als Hundehalterin tatsächlich weniger zur öffentlichen Wurst machen würde als mit der Miezenschaft. Die Rolle der souveränen Mrs-Herrin-der-Lage liegt mir halt einfach nicht.

Willkommen im Frauchen-Wahnsinn.


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