Corona überstehen – Schulter an Schulter statt Ellebogen

Corona überstehen – Schulter an Schulter statt Ellebogen

Die Welt dreht sich im Corona-Karussell, und wir drehen uns mit. Je nach individuellem Naturell und persönlicher Lebenssituation entweder in Angst, Sorge, Verwirrung oder auch in Überdruss, Genervtheit oder Wut aus verschiedensten Gründen. Die wenigsten von uns werden so eine Situation wohl schon mal erlebt haben und so ist eigentlich jede Emotion nachvollziehbar – man weiß halt nicht, was kommt und was wird, und jeder geht anders damit um.

Eine Sache, die mir derzeit beim Streunen in den sozialen Netzwerken wieder ziemlich übel aufstößt, ist das alternativlose Schwarz-Weiß-Denken. Mitmenschen werden als entweder “hysterisch” belächelt oder als “dämlich und ignorant” beschimpft, man ist entweder “egoistisch” oder “arrogant und besserwisserisch.” Dazwischen scheint’s nix zu geben – und dabei gibt es dazwischen tatsächlich ziemlich viel. Nämlich ganz viel Menschelei.

“Verständnis” kommt von “Verstehen”

Ich würde mir von Herzen wünschen, dass man auch in dieser Situation nicht einfach radikal urteilt, sondern erstmal schaut, warum und wieso Menschen so reagieren wie sie nun mal reagieren – und vielleicht auch versucht, ein wenig Verständnis zu finden. Oder Mitgefühl.

Die Leute, die kartonweise Staubschutzmasken aus dem Baustoffhandel kaufen, tun das höchstvermutlich nicht, weil sie so ‘ne Maske im Gesicht unfassbar dekorativ finden oder ‘nen fiesen Pickel am Kinn verbergen wollen, sondern weil sie schlichtweg Angst haben und verunsichert sind. Und bei Angst setzt nun mal mitunter die Birne komplett aus und so manch’ einer neigt zu kopflosem, blinden Aktionismus.

Da hilft es nur bedingt, diejenigen als “uninformierte Vollidioten” zu belächeln und kübelweise mit Häme zu übergießen. Man könnte stattdessen auch einfach sachlich und ohne Beleidigungen erklären, warum Staubschutzmasken nicht gegen eine Infektion helfen. Und auf seriöse Informationsquellen wie beispielsweise den NDR-Podcast von Christian Dorsten verweisen. Man könnte die Leute ermuntern, ihre in Panik ershoppten Masken in die Läden zurückzubringen- denn der Handwerker an sich wird’s vermutlich total töfte finden, auch weiterhin seine Arbeit machen zu können, ohne sich die Lungenflügel mit Zementstaub zuzukleistern.

Ein Hoch auf das Mitgefühl!

Und jawoll, ich verstehe es vollkommen, wenn Menschen, die sich ewig lange auf ihre Traumreise oder ein Konzert gefreut haben, erstmal enttäuscht und traurig sind, wenn es eine Absage hagelt – und ich finde, dass darf man auch durchaus mal sein. Ändert ja nix an der Notwendigkeit (und das sehen die meisten ja auch ein), ist aber erstmal eine Riesenenttäuschung. Statt da noch herzhaft mit “Egoistischer Heckenpenner, hier geht es NICHT um dich und deinen Urlaub!” nachzutreten (und sich damit gleich in einem Abwasch selbst als unfassbar sozialer Held aufzupusten, der selbst natürlich keine Millisekunde zögern würde, seine Australien-Rundreise zu opfern, wenn’s der Gemeinschaft dient. Selbstredend.) , könnte man ja auch mal ‘ne Prise Verständnis aufbringen und sagen “Mensch, das tut mir echt leid.” sagen. Da bricht einem kein Zacken aus der Krone. Vielleicht könnte man gemeinsam überlegen, was die Leutchen dann in dem Urlaub stattdessen tun könnte und Vorschläge sammeln. Zusammen. Mit Humor und Mitgefühl. Wäre ‘ne Bombensache.

Und auch die berufstätigen Eltern, die ganz plötzlich vor der Situation stehen, ab SOFORT für mehrere Wochen die Kinder zuhause zu haben, weil die Schulen und Kitas schließen…warum gönnt man denen nicht einfach mal einen Moment, um den Schreck zu verdauen und sich vielleicht auch erstmal Luft zu machen? Gestern schrieb eine Frau bei Facebook, dass sie darüber total entsetzt sei und keine Ahnung habe, was sie nun als Alleinerziehende mit ihren 3 Kindern machen sollte…Großeltern wohnen keine in der Nähe, sie braucht das Geld aus ihrem Job dringend und kann sich unbezahlten Urlaub nicht leisten – und bekam ungelogen als ersten Kommentar ein “Selbst schuld – wenn man seine Kinder nicht versorgen kann, dann lässt man sich auch nicht schwängern. Punkt!” um die Ohren geklatscht.

Ja, prima.
Menschlichkeit ahoi.

Viele Menschen (ich eingeschlossen) stehen bei solchen Nachrichten halt eben erstmal da wie’n Ochs vor’m Berge und mehr als “Öh!” und “Scheiße!” bringt der Verstand da mitunter nicht zustande.
Urlaub geplatzt!
Schulen geschlossen!
Großkunde abgesprungen!
Flüge gecancelt!
Job in Gefahr!
“Öh!” – “Scheiße!”

Es braucht halt mitunter eine gewisse Zeitspanne, um alles aufzunehmen, sacken zu lassen und sich zu organisieren. Und diejenigen, die das eben schon gemacht haben, könnten ja einfach die Anderen an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, statt auszulachen und zu beschimpfen.
Wer keine Angst hat, kann ja den Anderen Mut machen. Wer nicht kopflos ist, kann sich für die Verunsicherten Lösungen ausdenken. Das wäre doch mal was.

Und wer nix zu sagen hat…sagt halt einfach mal nix.

Ich bin ja ohnehin ein großer Verfechter dessen, das man auch einfach mal die Fresse halten kann und nicht überall seinen giftigen Senf dazugeben muss. Das Kommentieren der Probleme fremder Mitmenschen ist schließlich keine Bürgerpflicht – und WENN, dann wäre es doch 1.000x hilfreicher und sozialer, die Menschen zu unterstützen. Vielleicht mal den Link zu einer Beratungsstelle posten oder nützliche Ratschläge geben…oder Hilfe anbieten.

Die Menschen sind aus den unterschiedlichsten Gründen so, wie sie eben sind. Manche haben von Natur aus ein robusteres Naturell und behalten eher mal die Ruhe, manche neigen zu Panik, zum Grübeln, sind ängstlich…manche sind dünnhäutiger, weil sie vielleicht gerade selbst ‘ne schwere Krankheit überstanden haben, manche haben Angst, weil sie ohnehin gerade in Geldnot sind – nicht alle Menschen sind stark, resilient, auf alles vorbereitet und haben für jede Eventualität im Leben einen perfekten Notfallplan oder ein prallgefülltes Pandemie-Sparbuch in der Schublade.
Menschen sind halt menschlich.
Und ich glaube, dass wir die kommende Zeit 1000x besser überstehen, wenn wir uns auf unsere Menschlichkeit besinnen, Verständnis füreinander entwickeln und auch mal milde mit menschlichen Fehlern sind. Und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und dort zu helfen, wo wir eben können.

Und auf der anderen Seite der Medaille ist es jetzt auch an der Zeit, kreativ zu werden und neue Wege zu suchen, statt bockig drauf zu beharren, dass “die” (der Staat, der Chef, der Nachbar, wer auch immer) Lösungen spontan und mundgerecht servieren können. Auch dazu ein Beispiel aus Facebook…Gottesdienste werden abgesagt, dafür bieten aber viele Gemeinden eine Übertragung übers Internet an, was ja zumindest schon mal ein guter Ansatz ist. Und schon giftet der Erste: “Das ist ja mal wieder GANZ TOLL! Und was sollen meine 80jährigen Eltern machen, die haben kein Internet und keinen Computer?????” (Viele Satzzeichen machen schließlich die Empörung noch mal so RICHTIG deutlich.)
Tja. Vermutlich haben weder die Kirchen noch die Facebookgemeinde spontan eine Idee, was die 80jährigen Eltern der Empörten nun machen sollen. Da muss man unter Umständen vielleicht mal selbst überlegen, wie man das nun lösen kann. Und ein bisschen abwarten und Geduld haben und damit leben können, das nun halt nun erstmal ein paar Tage ein paar Dinge im Alltag anders laufen als gewohnt. Vielleicht müssen die Eltern nun mal einen einzigen Sonntag ohne Gottesdienst auskommen, bis man eine andere Idee hat.
Mit Um- und Rücksicht kriegen wir das sicher alles irgendwie gewuppt.

Aber zum Schluß nun tatsächlich ein ganz böses Wort zu den rücksichtslosen Arschmakrelen, die Desinfektionsmittel in Krankenhäusern klauen und bunkern, oder am Ende gar noch zu Wucherpreisen verkaufen und in ihrer Gier die Angst ihrer Mitmenschen schamlos ausnutzen…denen wünsche ich dennoch von Herzen eine garstige Durchfallerkrankung an den Arsch.
Und dann vielleicht nach ein, zwei Tagen auf’m Pott einen netten Nachbarn, der ihnen ‘ne Suppe kocht oder mit Klopier aushilft.
Vielleicht lernen sie dann, dass man solche Zeiten Schulter an Schulter viel besser übersteht als mit ausgefahrenen Ellebogen.


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