Mikro-Erfolge feiern – oder “Helga auf Diät”

Mikro-Erfolge feiern – oder “Helga auf Diät”

Meine derzeitige Interimsgenossin Helga hat ja naturgemäß so einige unangenehme Wesenzüge. Ein besonders unsymphatischer sind ihre Ernährungsvorlieben – denn sie labt sich mit Genuss am Scheitern.
Im Würgegriff der Psychokirmes ist es ja mitunter schon eine Mammutaufgabe, morgens das Schlafgewand gegen eine halbwegs präsentable Oberbekleidung zu tauschen…von mentaler Schwerstarbeit wie “den Müll raustragen” oder gar “Steuererklärung machen” will ich da erst gar nicht anfangen.

Dementsprechend sitze ich nicht selten bereits mittags zerknirscht vor einer inneren Liste mit “unerledigten To-Do’s” – und Helga reibt sich schadenfroh die garstigen Griffel und reibt mir mein Scheitern genußvoll unter die traurige Nase.
“Frau Mohr, du bist so ‘ne unfähige Nulpe – du hast es also noch nicht mal geschafft, diese 2 Tassen vom Esstisch abzuräumen! Und huuuuh…selbst die 3 Meterchen bis zur Mülltonne haste nicht auf die Kette gekriegt. Mann, Mann…es gibt da draußen Menschen, die führen stundenlange hochkomplizierte Herz-OP’s durch, laufen Ultramarathons und schreiben dabei noch Beststeller. Und du Pfeifenwichs sitzt den ganzen Tag bloß rum wie ein sediertes Karnickel, glotzt dämlich in die Botanik und bedauerst dich. Es. Ist. SO. Jämmerlich!”

(Hab’ ich schon erwähnt, dass so ‘ne Depression ein richtiges Arschloch ist? Schon, oder?)

Und durch diese vielen kleinen Niederlagen und dem demotivierenden Gefühl, noch nicht mal die minimalsten Verrichtungen des Alltags bewältigen zu können, läuft Helga erst richtig ermuntert zu Hochform auf. Je antriebs- und erfolgloser ich herumdümpele, umso mehr Raum nimmt das Deprimonster ein – und umso mehr Gewicht bekommen die Eisenketten um mein Gemüt, und umso schwerer fallen selbst allerkleinste Schwimmbewegungen, um aus dem Sumpf wieder an die Oberfläche zu paddeln.

So weit…so blöd.

Aber wir sind ja inzwischen ziemlich alte Bekannte, das Helgatier und ich – und so vollkommen hilflos wie noch vor ein paar Jahren bin ich nun auch nicht mehr.
Also lautet der allererste Notfallplan: Der Psychokirmes so wenig Raum wie möglich geben. Sprich: Gar nicht erst zulassen, dass sich Helga breitgrinsend in der Seele breitmacht und mit ihren unheilbringenden Griffeln hämisch meiner Hirnstube herumgrabbelt.

Und das funktioniert unter anderem durch zumindest einen Hauch von Struktur – was momentan dadurch erschwert wird, dass ich so überhaupt keine Verpflichtungen und Termine und somit auch keine Struktur habe.

Ich muss so überhaupt gar nix müssen müssen.

Nicht aufstehen, nicht anziehen, nicht ins Büro, keine Wanderveranstaltungen planen, nicht einkaufen…im Grunde muss ich mich noch nicht mal morgens anziehen oder die Zähne putzen. Was für so manch’ einen vielleicht paradiesisch klingt, ist für mich gerade das pure Gift.

Also bemühe ich mich erstmal um Minimalstrukturen, und das bedeutet: Erstmal morgens aufstehen! Dank des Hundetiers und meiner Freundin, die sich großherzig opfert, zu frühester Morgenstunde mit mir und den Hundetieren ins morgentaufeuchte Feld zu stapfen, klappt das schon mal ganz gut. Und schon habe ich morgens vor 8 Uhr schon eine kleine Erfolgskerbe in meinem Hirn-Türrahmen. “Hey, ich bin wach, angezogen und war sogar schon mit’n Hund draußen. Was bin ich doch für eine Heldin des Alltags!”
Und schon zieht Helga empört die Augenbrauen in die Höhe.

Danach überlege ich mir eine zwergenkleine Futzel-Aufgabe, die so einfach ist, dass ich sie tatsächlich auf jeden Fall bewältigen kann. Wie zum Beispiel eine kurze E-Mail beantworten, den Küchentisch abräumen oder die Waschmaschine anstellen. Keine ellenlange Liste mit 1.000 Kleinigkeiten, die schon an “gesunden” Tagen kaum zu schaffen sind – irgendwas Machbares muss es sein.

Und wenn ich es dann tatsächlich hingekriegt habe, heroisch die Spülmaschine auszuräumen oder die Blumen zu gießen, dann feiere ich mich mit Pauken und Trompeten für diese exorbitante Leistung – egal wie sehr meine Hirnstube auch mit “Jetzt mal ernsthaft, BLUMENGIESSEN als Meisterleistung?” dagegenwettert.

Und dann…lasse ich den lieben Gott ‘nen guten Mann sein. Schließlich hab’ ich für heute echt schon ein Mammutprogramm gerockt – da ist der Rest des Tages Kür. Und Helga guckt konsterniert aus der Wäsche.
Mit “Sich-Selber-Super-Finden” kommt sie ja so gar nicht klar.

Und morgen geht’s weiter.
Und übermorgen wieder.
Das Gute ist: Ich hab’ ja Zeit.


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