“Mein erstes Mal” – Maskenpflicht ahoi!

“Mein erstes Mal” – Maskenpflicht ahoi!

Ich hatte mich ja schon kürzlich über die verjüngende Wirkung vollkommen neuer Erlebnisse ausgelassen – und heute ich nun die Möglichkeit, wieder mal etwas zu tun, dass ich vorher noch nie getan habe: Meinen Einkaufswagen mit einem Stofflappen vor der Visage durch den Supermarkt zu schieben. “Maskenpflicht” ahoi!

Auch wenn mir die Notwendigkeit dieser Masken nicht unplausibel erscheint, ich zu keiner Sekunde mit der entsprechenden Verordnung gehadert habe oder mich gar staatlicherseits empörenderweise reglementiert fühle, habe ich mich bis dato geziert, mir so ein Stoffstückchen ins Anlitz zu flechten.
Selbst im ach!-so vergnüglichen rheinischen Karneval war mir Gesichtsmaskierung immer schon unheimlich, und auch die vereinzelt maskentragenden Mitmenschen in der Supermärkten der letzten Tage fand ich befremdlich – und so habe ich die Vermummung von Mund-Nasen-Partie bis zum heutigen Tage hinausgeschoben.

Aber am heutigen Morgen gab es kein Entrinnen mehr – zum einen war der Kaffee alle und es bedarf dringlich einer Nachschub-Beschaffung, zum anderen wollte ich meinen Debütantinnen-Maskenball so schnell möglich wie hinter mich bringen. Umso schneller gewöhnt man sich dran.
Und vermutlich werden uns die “Fratzelabbe” ja noch eine ganze Weile begleiten. Also – Maske druff und ab dafür.

Entschlossen stapfe ich mit einem leicht mulmigen Gefühl mundkostümiert durch die Pforte des Marktes, ertrage das inzwischen obligatorische unmotivierte Einkaufswagen-Benetzen mit Desinfektionsmittel seitens eines schlacksigen Halbstarken und schaue mich zaghaft um.
Überall Maskierte.
Was für ein eigentümliches Bild.

Ich atme tief durch und mache mich beherzt auf die Suche nach meinem Lieblingskaffee, während neben mir eine ältere Dame unsicher an ihrem gepunkteten Gesichtskostüm zupft. Unsere Blicke treffen sich und ich werfe ihr ein motivierendes Kollektiv-Grinsen zu – und sie wendet sich ab, ohne zurückzulächeln. Oder vielleicht hat sie gelächelt, und ich hab’s bloß nicht gesehen. Aber vermutlich hat sie meinen Gruß erst gar nicht wahrgenommen hinter meinem Fratzelabbe.

Ich fühle mich einsam und verloren. Nicht, dass ich vor der Corona-Ära im Supermarkt täglich stundelange Schwätzchen mit Wildfremden zwischen Obst und Nudeln geführt hätte, aber irgendwie kommuniziert man ja doch des öfteren auf die ein oder andere Art. Man nickt sich zu, wenn man nach dem gleichen Produkt im Regal grapscht, oder grinst, wenn man um ein Haar mit den Wagen kollidiert wäre. Heute nicht. Heute huschen hier nur viele Menschen ohne sichtbare Gesichsausdrücke mit verschiedensten Gesichtskostümen durch die Gänge, weichen sich aus und wirken fast allesamt so verunsichert wie ich. Wild drängen sich ein paar tieftraurige Tränchen in meine Augenwinkel, die ich theoretisch auch einfach so laufenlassen könnte. Sieht ja eh keiner.

Am Milchregal greift eine ältere Dame vor mir fast zeitgleich zur Hafermilch, worauf mich eine Angestellte dezent mit “Halten sie doch bitte ein bisschen Abstand zu der Dame” zurechtweist. Ich schaue in ihr Gesicht und kann nicht eruieren, ob sie mich nun unwillig zurechtgestaucht oder bloß höflich ermahnt hat – irgendwie fehlt der Mund zum Gesamtbild der Mimik.
Ich versuche erneut ein Lächeln, das ungesehen in den Tiefen meines Stoffes versinkt. “Ich lächele sie an!” informiere ich die Verkäuferin mit leicht verzweifeltem Unterton. “Das ist nett.” entgegnet sie irritiert. Was für eine absurde Situation.

Vorgestern habe ich ja einen kleinen Artikel über die “Attitude geschrieben, die darüber entscheidet, ob wir unter einer Situation leiden oder nicht – und die Maskenpflicht ist hier mal wieder eine gute Übung.
Auch wenn ich mich derzeit noch nicht so richtig in dieser Situation zurechtfinden kann, möchte ich nun wirklich nicht bis ans Ende dieser Ära heulend mit einem Monsterklops im Magen durch die Supermarktgänge schleichen und mich einsam fühlen.
“Du musst an deiner Attitude arbeiten!” “Ja, ja…blödes Zengesicht!”
Ich siniere beim Warten vor der Kasse über die positiven Aspekte der Maskenpflicht. Ich kann nun beispielsweise so oft gähnen, wie ich möchte, ohne mir die Hand vor den Mund halten zu müssen und ich kann den Menschen die Zunge rausstrecken oder Hasenzähnchen zeigen. Und ich brauche keinen Lippenstift mehr. Was DAS für ein Geld spart! Ich werde Reichtümer anhäufen vor lauter gespartem Lippenstiftgeld. Und vielleicht hält das Stöffchen ja auch die Birken- und Gräserpollen ab, die ja bekanntermaßen hauptsächlich zwischen Supermarktregalen ihr Unwesen treiben.
Nichts als Vorteile. Maskenpflicht ahoi!

In der Nebenschlange an der Kasse entdecke ich einen Arbeitskollegen aus Jugendzeiten, der mich normalerweise immer sehr gerne ausgiebig in seine Quasselfänge nimmt und dann gnadenlos mit Geschichten über seine Motorradtouren ins Bergische und drögen Anekdoten über die liebe Familie zutextet. Heute nicht. Denn mit meiner neuen 9mm-Bürstenschnitt-Coronafrisur in Naturgrau und Gesichtsläppchen erkennt er mich erst gar nicht.
Es ist halt nicht immer alles schlecht.

Und vom Jammern und Wehklagen wird’s – wie immer – auch nicht besser.


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