Laufhilde oder Helga – wer soll nun dein Herzblatt sein?

Laufhilde oder Helga – wer soll nun dein Herzblatt sein?

Obwohl sie mir nun schon seit fast 18 Jahren eine verlässliche Wegbegleiterin ist und wir gemeinsam die spektakulärsten Abenteuer erlebt haben, ist meine Freundschaft zu Laufhilde (*) in den letzten 3 Jahren zu einer ziemlich absurden On-/Off-Beziehung verkommen.

Meine sich regelmäßig wiederholende und höchst energische Ankündigung “Ich fang’ wieder mit’m Laufen an” hat für den geneigten Beobachter inzwischen vermutlich Running-Gag-Charakter (wenn auch die Betonung hier stark auf “GAG” und weniger auf “RUNNING” liegt.) Unzählige Male habe ich in den letzten Jahren motiviert die Läuferfaust in den Himmel gereckt, martialisch “I’m back!” durch die Botanik geplärrt und mir eine wunderbar matschige Trailrunnerzukunft ausgemalt. Und nach kurzer Zeit hat sich meist Helga (*) wieder in meinem Gemüt breitgemacht und mich mit backsteinschwerem Herzen auf die Couch getackert. “Komm’ schon…vergiss’ die olle Laufhilde – wir zwei haben’s doch viel gemütlicher zusammen. Lass’ uns nach Herzenslust Trübsal blasen und Schokolade fressen…”

Nicht selten habe ich die treue Laufhilde dann am vereinbarten Treffpunkt im Regen stehenlassen oder ihre Anrufe weggedrückt. Das fiese Helgatier reibt sich dann immer genüsslich die Hände – denn es liegt in der Natur der Sache, dass ‘ne Depression an sich so überhaupt keine wohltuenden Ausdauertätigkeiten an der Frischluft mag. Das hat diverse Gründe: Nicht nur, dass man sich durch das Einhalten eines Laufvorsatzes relativ einfach viele kleine Mikro-Erfolge auf die Haben-Seite schaufeln und Helga ‘ne lange Nase zeigen kann, da wäre auch noch die Sache mit den verdammten Glückshormonen, die diese sinnlose Herumlauferei ausschüttet. Auf einem kuscheligen Bettchen aus Endorphinen lässt es sich halt recht unbequem schlafen, so als Depression. Diese Spezies hat es ja lieber hart, dornig und unkommod.

Vor ein paar Tagen, beim Spaziergang im heimischen Forst mit dem Hundetier habe ich nochmal im inneren Lauf-Andenkenkästchen geblättert und Erinnerungen gewälzt – ach ja, so gut wie mit Laufhilde ging’s mir tatsächlich selten, und mit Helga im Nacken schon gar nicht. Gute Laune, Motivation, Kraft, Antrieb…da war alles genauso reichlich vorhanden wie es mir nun in heutigen Tagen abgängig ist. Und verdammisch nochmal, ich will das wiederhaben! Auch wenn ich vielleicht (noch) nicht den ganzen Spaß- und Kraft-Kuchen zurückbekomme, dann aber zumindest ein oder zwei Stückchen.

Also habe ich mir ein Herz gefasst und Laufhilde angerufen – und weil die gute Dame eine bemerkenswert treue Seele ist, war sie auch keine Sekunde lang pampig oder zickig, obwohl ich sie in der letzten Zeit doch ziemlich ignorant behandelt habe. Wir haben ein kleines Ründchen im Wald gedreht, Vogelkonzerten gelauscht, sind über knorrige Wurzeln gehopst und haben in glitzernde Sonnenstrahlen geblinzelt.
Und Helga? Die war eingeschnappt und hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen.

Tja. Was soll ich sagen? “Ich fang’ wieder mit dem Laufen an!”
Laufhilde ist nämlich echt ‘ne mächtig coole Socke.

(*) – mit “Laufhilde” ist natürlich “das Laufen an und für sich gemeint. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemandem nicht gleich dämmert.

(*) “Helga” ist der Name, den ich meiner Depression gegeben habe…und möchte unbedingt anmerken, dass es keinen Bezug zu realen Personen aus meinem Umfeld gibt. Ich kenne ausschließlich entzückende und liebenswerte Helgas.


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