“Angsthase oder Kamikaze-Karnickel”- Entscheidung am Hasenberg

“Angsthase oder Kamikaze-Karnickel”- Entscheidung am Hasenberg

Ein beschaulicher Rundkurs im Koblenzer Stadtwald mit dem harmlos anmutenden Titel “Hasenbergrunde” war für mich zu meiner Zeit als läuferisches Greenhorn lange Jahre Sinnbild eines unbezwingbaren Hindernisses. Erst viel, viel später konnte ich diesen hinterhältigen Karnickelhügel bezwingen und für lange Zeit zu den Akten legen, denn “für läppische 6 km und pupsige 100 Höhenmeterchen zieh’ ich mir erst gar nicht die Schuhe an”.
Hasenberg. Pfffft. Lächerlich.

Weitere Jahre später – genauer gesagt gestern – kam mir dieses Waldstück aber gerade recht, um mich dort zu einem coronatauglichen Schwätzchen-Spaziergang mit einem Freund zu treffen, denn der Wald ist insgesamt recht menschenarm und die breiten Wege bieten sich ganz wunderbar zum vergnüglichen (Dis-)Tanztee an. Und während wir dort so plaudernd durch den Forst distanzierten, ploppte immer mal wieder der unautorisierte Gedanke “Eigentlich könntest du hier nochmal laufen!” in meiner Hirnstube auf, untermalt von leisen Glöckchenklängen- um sogleich von meinem inneren Herrn Boykott mit einem rabiaten “Du spinnst doch, das schaffst du doch NIE!” (unter innerem Abgesang martialischem Death-Metal-Gedröhne) niedergemetzelt zu werden.

“Eigentlich könnte ich hier nochmal laufen” murmele ich mir nach einer Weile in den nicht vorhandenen Bart – und aus dem Bart, der 1,5 Meter neben mir stapft, kommt ein zustimmendes “Klar. Mach doch. Ist doch schön hier!”

Bei Licht betrachtet (und davon gibt’s hier gerade echt viel. “Goldenes Morgenlicht in frühlingsgrünen Buchenkronen”, um es genau zu sagen) wäre das durchaus im Bereich des Möglichen…sage und schreibe 5 km habe ich vor ein paar Tagen immerhin schon raketengleich im pfeilschnellen 8,5er-Schnitt runtergerrockt.
UND überlebt.
Da wären 6 km nun nicht unbedingt ein Himmelsfahrtkommando.

“Aber, aber…der Hasenberg! Der HASENBERG!” jammert mein innerlicher Angsthase, aber eigentlich habe ich gerade so gar keine Lust, mich mit diesem Jammerlappen aufzuhalten. Was wäre wohl das Schlimmste, was passieren könnte?
“Ich schaff’s nicht, ganz hochzulaufen!”
“Und was wäre dann…?”
“Na, dann muss ich ein Stück gehen…”
Na also. “Ein Stück gehen” kann man überleben.

Als ich mich am heutigen Morgen gestiefelt und gespornt erneut auf den Weg zum Koblenzer Stadtwald mache, fühle ich tatsächlich erneut einen Hauch von Bänglichkeit in der Magengrube, genau wie vor 6 Jahren. “Jetzt fang’ bloß nicht wieder mit dem Scheiß an, das ist bloss ein futzeliger Kackberg.” kichert Laufhilde und knufft mich in den Nacken.

Die Morgensonne lacht sich scheckig und es ist ein Wetter zum Heldenzeugen – da ich diesbezüglich aber nicht den allergeringsten Bedarf habe, zockele ich einfach mal los. Hasenberg voraus!

Im vergangenen Sommer hatte ich ein ziemliches eigentümliches Erlebnis. Nach einer ziemlich langen trüben Phase musste/durfte ich plötzlich zum ersten Mal mal wieder herzhaft lachen musste, so richtig unter Zuhilfenahme der Bauchmuskeln und mit Atemnot und Tränchen in den Augenwinkeln. Dieses Gefühl war ein ziemlich schräges, denn es war gleichzeitig fremd und vertraut, scheinbar hatte ich diese Muskeln lange nicht benutzt. Aber in diesem Moment schien sich mein Körper auch zu erinnern, wie das “früher” war, das mit dem Lachen…undauch, das Lachen ‘ne Supersache ist und das ich das bitteschön wieder öfter machen möchte.

Ein ähnlicher Moment ist dieser hier: Sowohl meine Körper- wie auch meine Hirnzellen reiben sich verschlafen die Äuglein und blinzeln in die Sonne. “Irgendwas hat uns geweckt…was’n hier los?” – “Oh…Laufen!” Die Erinnerung dämmert, die Zellen gähnen herzhaft und springen vergnügt aus ihren Langschläferkissen.

Das ist aber auch jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um die verpennten Knöppe aufzumachen, denn so langsam beginnt sich die lungenbekömmliche Waldautobahn anzuheben.

“Wer hat Angst vor’m Hasenberg?”
“Niiiiiemand?”
“Und wenn er kommt?”
“Dann schnaufen wir!”

Meine Taktik zur Bezwingung der Koblenzer Killernordwand ist die gleiche wie damals: Langsam laufen und nicht nach oben gucken. Und wenn die Puste schwindet – NOCH langsamer laufen.
Und auf überhaupt gar keinen Fall niemals nicht unter keinen Umständen nach oben gucken!

Meine Lungenflügel beginnen hektisch zu flattern, und ich schnaufe bei jedem Schritt mein Mantra “Du! Schaffst! Das!” – Puh….”Du! Schaffst! Das!”.
Das Hasenbiest windet sich wie ein Aal und umschlingt meinen Brustkorb im hoppelnden Klammergriff.
Also lauf’ ich halt noch langsamer und kichere über die Vorstellung, dass vor meinem inneren Auge ein blinkendes Banner mit der arroganten Frage “Ist ein Lauf im 10er-Schnitt überhaupt noch ein Lauf?” aufzieht.
Eindeutige Antwort meiner Hirnstube: Drauf geschissen!

Ein uralter grauhaariger Herr mit schlohweißem Haupt überholt mich in hurtigem Walkerschritt (2 km/h. Minimum!) und sein schwungvoller Windschatten reißt mich kraftvoll über den letzten Anstieg.
Geschafft!

Bevor sich eine der Situation angemessene ekstatische Freude in meinen Körperzellen breitmachen kann, muss ich erstmal wieder zu Atem kommen. Aber dann! Breitgrinsend trippele ich den Rest des Weges und möchte am liebsten jeden einzelnen Baum umarmen.
Ich hab’ den Hasenberg geschafft.
Und wenn ich den Hasenberg schaffe, dann schaffe ich vielleicht noch ganz andere Sachen.
Mein Leben, zum Beispiel.

Today the hasenberg, tomorrow the world.
Nämlich.

Nachtrag ins Logbuch:
Die erfolgreiche Besteigung des Nanga Hasenparbat liegt nun 24 Stunden zurück.
Helga wurde seitdem noch nicht gesichtet. Die ist wohl noch beleidigt und heult sich mit ihren boshaften Schwestern beim Treffen der “Anonymen Depressionoliker” aus.
Bisher wurde sie noch nicht vermisst.


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