Wiedtaler Höhenpfad – “Heile mit Weile!”

Wiedtaler Höhenpfad – “Heile mit Weile!”

Momentan habe ich (wie vermutlich viele von euch auch) das Gefühl, dass die Schicksalsgötter zuviel am selbstaufgesetzten Likörchen genascht haben und meine Lebensumstände täglich in vergnügten Nachmittagsspielchen komplett neu auswürfeln. Dieses tägliche Anpassen an neue Situationen strengt mich gerade unglaublich an und zerstrubbelt mein Hirn, ich werde immer fahriger und nervöser und brauche dringend ein Reset im Gedankenstübchen – und nirgendwo lässt es sich besser reseten als in stiller Natur.

Zum Glück räkeln sich bei mir die hinreißendsten Wanderstrecken quasi direkt vor der Haustür – und so erwähle ich heute den “Wiedtaler Höhenpfad” als mein Herzblatt. Diesen grandiosen Rundkurs habe ich in einem alten Blog-Artikel schon umfassend beschrieben und fotografiert, und so kann ich mich heute voll und ganz aufs Marschieren und Genießen konzentrieren. Das Hundetier darf den Tag bei ihrem Hunde-Herzmann verbringen, und der meinige hütet daheim die Miezenschaft. So darf ich mich heute nach Herzenslust durch Wald trödeln, ohne auf die Uhr schauen zu müssen.
Hike with the flow, nämlich.

Ich parke meine Blechkutsche wie gewohnt am Wiedtalbad, wo man normalerweise zu dieser Jahreszeit um freie Parkplätze rangeln muss und fröhlichstes Kindergeschrei und Plätschergeräusche die Luft erfüllen. Aber normal ist derzeit ja leider gar nichts, und so stehe ich auch einige Minuten später verwirrt vor einem Hinweisschild, dass mir coronabedingt den Durchmarsch der Klosteranlage des St. Josefshauses verweigert, über den dieser Wanderpfad normalerweise führt. “Normalerweise”…aber, wie gesagt.

Zum Glück funktioniert der Höhenpfad genauso gut “andersrum”, und so beginne ich meine Wanderung mit einem Schlenker über die Kreuzkapelle und dem knackigen Anstieg zum Marienhaus.

Und während ich so über den malerischen Trampelpfad in die Höhe serpentiniere, kraxelt mir ein zartes Emotiönchen am Hosensaum hoch, klettert über die funktionsbehosten Knie, schwingt sich über den Gürtelbund und legt sich wie ein warmer kuscheliger Mantel um mein Herz:
Dankbarkeit.
Eine kitschige und bilderbuchhafte Dankbarkeit dafür, dass das hier so einfach und mühelos möglich ist, dass ich diesen grandiosen Luxus habe, ohne stundenlange Anfahrt oder Übernachtungskosten in einer der allerschönsten Landschaften des Universums herumschlurfen zu können. Und wenn ich schon mal dabei bin, bin ich in einem Abwasch auch gleich mal mächtig dankbar dafür, dass ich das überhaupt genießen und erleben kann – es soll ja durchaus Zeitgenossen geben, die einem derart fulminanten Sinnes-Schaumbad in der Natur überhaupt nix abgewinnen können.
Aber ICH kann. Und wie.

Schwer schnaufend und leicht rührselig lasse ich meinen Blick über die Landschaft schweifen und fühle mich mal wieder kolossal beschenkt von Mutter Erde.

Nach kurzer Wanderzeit wirft sich bereits die erste gemütliche Relaxbank mit Blick auf der Neuerburg vor meine Netzhaut – eigentlich wäre es ja noch zu früh für eine Rast, aber uneigentlich ist der Zeitpunkt genau richtig, um sich auf der Bank herumzufläzen, die Nase in die Sonne zu tunken und 5-12 Knusperkekse zu verspachteln. Dafür ist ohnehin eigentlich immer der richtige Zeitpunkt.

Nur wenige Kilometer später ist dann genau der richtige Zeitpunkt, um in der gemütlichen Relaxschaukel hinter dem Niederbreitbacher Campingplatz zu pausieren, wohlig zu seufzen, weitere 5-12 Kekse zu knuspern und vor sich hinzuschweigen.

Man sollte ja eigentlich vermuten, dass die Stille an und für sich eigentlich nichts weiter tut als Still-Sein – aber wenn man ihr genug Zeit und Raum lässt, dann leistet sie auch jede Menge Renovierungsarbeit im Innenleben. Nachdem ich das erste Stündchen lang hauptsächlich damit beschäftigt war, selig ins Firmament zu grinsen und einen Fuß vor den anderen zu setzen, fühlt es sich danach an, als würde eine Planierraupe durch mein Gemüt brettern.
Ständig ploppen irgendwelche Erinnerungen oder Emotionen der letzten Wochen hoch, die ich eigentlich eher versunken am Meeresgrund wähnte, und bringen mein Inneres Schritt für Schritt mitunter mächtig in Wallung.

Ein paar alte Ängste tanzen ihren unheilvollen Tango auf meinem Seelenparkett, und auch Wut und Zorn brodeln immer mal wieder hoch angesichts irgendwelcher düsteren Erinnerungsfetzen – und zwischendurch stapfe ich tatsächlich mal wütend und innerlich schimpfend wie Rumpelstilzchen durch den Forst. Und auch das ein oder andere Tränchen bahnt sich seinen Weg.

Aber dieses verrückte Emotions-Potpourri wird auch immer wieder abgelöst durch ein Gefühl der Entspannung und Ruhe, beinahe so als würden alte negative Gefühle erstmal gründlich aufgewirbelt und entstaubt, dann aber auch wieder nach und nach wieder weggeschwemmt und aufgelöst.

(Diese Fotos stammen aus dem alten Blog-Artikel, aber da ich heute sogar die gleichen Wanderschuhe anhabe und Wetterchen und Blütenpracht identisch sind, kann man die Bilderchen durchaus wiederverwenden. Recycling ist schließlich begrüßenswert und schont Ressourcen.)

Und nach ein paar Stunden, in denen mir niemand außer einem Eichhörnchen und ein paar Vögelchen begegnet ist, fühle ich mich – auch wenn bei dieser Formulierung mein inneres Kitsch-O-Meter dramatisch aufblinkt – von ganz tief drinnen heraus geheilt.

Geheilt – und mächtig müde, aber nicht auf die vollkommen erschöpfte, kaputte Art, sondern so, wie man nach einem langen Winterspaziergang im Schnee müde ist, wenn man daheim am Kamin noch einen heißen Kakao schlürft und einem langsam die Augenlider zuklappen. Ich trödele mich noch ein wenig von Bank zu Bank, raste hier und dort, glotze in die Bilderbuch-Aussichten und erfreue mich an meinem Proviant und meiner Müdigkeit. Gut, dass mir hier niemand begegnet, der würde mir nur in meinen weitaufgerissenen Gähn-Schlund glotzen.

Udn auch gut, dass es nach dem letzten Anstieg zur Malberg-Hütte nur noch bergab geht, so kann ich mich gähnend und zufrieden ins Tal kollern lassen. Müde, gähnend – und um gefühlte zwölfzig Tonnen Emotionsmüll leichter.
Danke, Doktor Wald.


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