Frau Mohr, Herr Boykott – und die Laufmedizin

Frau Mohr, Herr Boykott – und die Laufmedizin

Für mich ist Laufen bekanntermaßen nicht nur ein reines Mittel zum Zwecke, meinen äußerst athletischen Korpus straffen und sportiv zu stählen (oder, etwas ehrlicher ausgedrückt, “dem drohenden und sichtbaren Verfall noch ein wenig entgegenzuwirken”), sondern auch ein medizinischer Zaubertrank für mein labiles Gemüt. Für die volle Wirkung dieses Elixiers braucht es bei mir eine regelmäßig Einnahme, um den Grundpegel an Entspannung und Belastbarkeit halbwegs aufrecht zu erhalten.

Darf ich vorstellen….Herr Boykott!

Aber gerade in den letzten Tagen fiel es mir wieder extrem schwer, die Tube von meiner selbstverordneten Laufmedizin aufzuschrauben. Und Herr Boykott (das ist der nervige Typ, der das Appartement Nr. 2 in meiner Hirnstube bewohnt) brachte ja auch immer einige durchaus anhörenswerte Argumente., die gegen Frischluft-Sporteln sprachen:
“Hömma, Frau Mohr – es ist aber wirklich stürmisch und windig. Extensiver Ausdauersport unter freiem Himmel ist da echt schon ein bisschen gefährlich. Das weiß man doch.”

Herr Boykott ist nämlich Wetter- und Gefahrenexperte.
Der kennt sich aus.

“Und mal ehrlich…eigentlich wäre die Steuererklärung doch auch mal dringend notwendig und viel wichtiger als dieses alberne Herumgelaufe.”

Falls sie es nicht wussten – Herr Boykott hat sich kürzlich über eine Online-Akademie zum Zeitmanagement-Experte ausbilden lassen. Da muss man schon auf ihn hören.

Und überhaupt waren die letzten Tage jetzt mal nicht mal SO richtig scheiße, eher so allgemein anstrengend und ein bisschen ermüdend…aber auch nicht wirklich schlimm – und da es mir gerade in dieser Sekunde ja überhaupt nicht mies geht, brauch’ ich auch keine Medizin.

Herr Boykott und Helga, die Depression – eine brisante Freundschaft

Allerdings, der Haken an der Sache: Herr Boykott ist nicht nur Experte für alles, was als Ausrede herhalten könnte, sondern dummerweise auch so richtig dicke mit Helga, meiner Depression. Und so sind diese ganzen Mühen, mich vom Medizinschrank fernzuhalten, eigentlich bloß Mittel zum Zweck, Helga auf ein Stück Frankfurter Kranz und ein Tässchen Kaffee einzuladen und es sich mal wieder auf der der Couch so richtig gemütlich zu machen.

Im Klartext: Je länger ich nicht laufe und mich dem antriebslosen Schlendrian hingebe, umso näher rückt mir Helga wieder auf die Pelle.

Aber…trotzdem.

“Aber, aber…” erhebt Frollein Redlich aus Appartement Nr. 3 mahnend den Zeigefinger “auch wenn’s dir gerade nicht ganz so hundsbeschissen geht, ist ja nicht jeden Tag Sonntag – und deine Medizin ist ja eher so langfristig gedacht. Nicht nur zum direkten Draufschmieren, wenn es gerade ganz besonders weh tut, sondern eher so zum Heilemachen von Grund auf. Damit es irgendwann ÜBERHAUPT nicht mehr wehtut. Also – Laufschuhe an und raus.”

Mit diesem streitbaren Hausdrachen lege ich mich lieber nicht an. Also brettere ich folgsam mit meiner Blechkutsche ins Feld. Petrus kippt eimerweise Sturzbäche vom Himmel (“Hättste mal nicht bis zum Spätnachmittag gewartet, du faules Stück Fleisch!” – “Ja, ja, iss ja schon gut…”) und ächzend bringe ich meinen unwilligen Korpus in Gang.

Ein paar Tröpfchen aus der Pulle a day… keeps Helga away!

Um mein angeschlagenes Gemüt nicht glech zu stressen und mit irgendwelchen Plänen unter Druck zu setzen, habe ich mir für heute einfach nur winzigkleine 30 Laufminuten verordnet, also sozusagen 30 Tropfen aus der Medizinflasche. 30 Minuten gehen immer, auch wenn der Schreibtisch sich vor unerledigten Steuererklärungen nur so durchbiegt , die hungrigen Katzen Zeter und Mordio schreien und die Buntwäsche wartet – es sagt ja schließlich niemand, dass man seine Lebensfreude-Tropfen nicht auch mal in kleinen Dosen schlürfen darf.

“Und überhaupt hat mir sowieso niemand was zu sagen, pöh” schmollt der kleine Trotzkopf aus Appartement 4. Die Gelegenheit wird von Frollein Redlich gleich dazu genutzt, ihn dran zu erinnern, dass er diese Woche mit Treppenhaus-Putzen dran ist. Ordnung muss sein, selbst in meiner Hirnstube.

Affirmationen murmeln – erlaubt ist, was nützt!

Während ich stoisch durch die pitschnasse Botanik stapfe, fällt mir wieder ein, dass ich just gestern mit einer Freundin über das Thema “Affirmationen” gesprochen habe (war auch schon mal Thema im Mohrblog – [KLICK!] ) und finde, dass so ein knackiger Glaubensatz diesem Läufchen bestimmt noch ein wenig Nährstoffdichte bringen könnte.

Nun denn…positiv formulieren, in der Gegenwartsform….”Mein Lauf ist Heilung und bringt neue Energie.” Na, da lacht doch das Affirmantenherz! Ran an die Gewehre und losgemurmelt.

Ich leiere mein Mantra ambitioniert im Takt meiner Laufschritte herunter…”Mein – tapp – Lauf – tapp – ist – tapp…” – das Gute an der Sache ist (zusätzlich zu der unfassbar positiven Motivation und Bestärkung, juchhe!), dass in der Hirnstube nur wenig Platz für die übliche Sorgenschwurbelei übrig bleibt, wenn man alle verfügbaren Hirnzellen (“Naja, soo viele sind das bei dir ja jetzt nun nicht!” – “Seien’se mal nicht so unhöflich, Herr Boykott!”) zum Mantra-Murmeln engagiert. Somit schlage ich gleich 2 Fliegen mir einer Klappe – ich impfe mein Unterbewußtsein mit Tip-Top-Glaubensätzen und habe zumindest für die Dauer der Affirmiererei mal kurz Pause von der Kopfkirmes. Win/win, quasi.

Nach 30 Tropfen schraube ich die Medizintube zu, schüttele die schwitzenden Glieder und murmele ein letztes “…Heilung und bringt neue Energie” ins Maisfeld. Frollein Redlich streckt kurz den lockenwicklergespickten Kopf aus der Tür, zwinkert mir zu und zeigt ‘nen Daumen-hoch.
Genau.
Da darf man auch ruhig mal mit sich zufrieden sein.
Find ich.

Als ich daheim ankomme, sehe ich, wie Helga wutschnaubend um die Ecke von dannen stapft. Auch wenn sie vermutlich hinter der Kurve im Auto wartet, bis Herr Boykott wieder zum Kaffeeklatsch bittet – für heute hab’ ich sie von der Backe.

Und das Meister Stiesepimpel, der das Kellerappartement in meiner Hirnstube bewohnt, mir ein meckerndes “Also EHRLICH, mit dem Laufpensum wirste ja wohl NIEMALS ‘nen Ultramarathon schaffen, du Pfeifenwichs!” entgegenplärrt, ignoriere ich heute einfach mal.
Um diesen Herrn kümmere ich mich, wenn die Medizin den Grundpegel wieder angehoben hat.

Photo by Samuele Giglio on Unsplash


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