Archiv der Kategorie: mohrwandern

[mohrwandern] R3 – “Silent hiking im Wiedtal”

So ein handelsüblicher Hirnkasten ist oft schon gleich nach der morgendlichen Inbetriebnahme einer gigantischen Menge an Geräuschen und Eindrücken ausgesetzt. In nahezu jeder Ecke unseres Lebens hupt, fiept, bimmelt, kreischt, plappert, klingelt und dudelt es. Nicht selten sind schon bis mittags ganze Kolonnen von Tönen, Daten, Information, An- und Aufforderungen durch die Schädeldecke gerauscht.

Blöderweise scheinen die handelsüblichen Hirnkästen von der Natur für diese Fülle an akkustischem Input-Dauerbetrieb nicht ausgelegt zu sein. Die Folgen dieser Überdosis zeigen sich nicht selten in Müdigkeit, Stress, Unkonzentriertheit, Schlaf- und Rastlosigkeit. Wenn dann noch zusätzlich zum Sound- und Informationszug, der von außen auf die grauen Zellen zurattert, auch innerlich ein Gedankenkarussell aus Sorgen, Frust, Nöten und Ängsten wie ein Derwisch durch die Hirnwindungen dreht, meldet der Kopf nicht selten irgendwann “Fatal Error! Bitte fahren sie das System herunter oder kontaktieren ihren Administrator!”

Es mag durchaus Menschen geben, die diesem Geräusche-Irrsinn lockerlächelnd und mühelos entgegentreten können – aber ich gehöre definitiv nicht dazu.

Wirksame Medizin gegen die Folgen von Umwelt- und Gedankenlärm

Zum Glück gibt’s ein preiswertes und absolutes effizientes Gegenmittel zur dröhnenden Umweltüberdosis, nämlich die Stille. Klingt komisch, klingt einfach, ist aber so. Stille wirkt blutdrucksenkend und beruhigend, regt das Wachstum von Hirnzellen an, fördert die Kreativität und ist zudem im Vergleich zu Pharmazeutika oder Entspannungs- und Meditationskursen ziemlich leicht zu haben (wenn auch nicht immer leicht zu finden).

Ich persönlich hole mir meine Droge am allerliebsten auf Schusters Rappen im Forst, was nichts weiter bedeutet als: “Handy und Mundwerk ausschalten, schweigend durch’n Wald latschen, ausgiebig in der Gegend rumglotzen und lieben Gott ‘nen guten Mann sein lassen.” (wobei ein gelegentliches “Aaaah!” und “Ooooh!” angesichts besonders hübscher Landschaftsbilder natürlich erlaubt ist. Da muss man auch mal die Stillekirche im Schädeldorf lassen.)

Schweigendmarschieren im Wiedtal

Gerade am Wochenende bei charmanter Witterung sind die hippen und perfekt beschilderten Premiumwanderwege, Traumpfade und -schleifen mitunter recht überlaufen und lassen nicht immer so richtig Raum für ein “silent hiking”. Wenn man so wie ich eher keine Lust auf plappernde und ach!-so-gesellige Wandergruppen oder “Aaaaaachtung!”-plärrende Mountainbikerrudel hat, kann man sich allerbestens ins zauberhafte, aber nicht ganz so populäre Wiedtal flüchten, und genau das habe ich kürzlich erst wieder getan.

Ein kleiner feiner Rundkurs mit dem wenig reißerischen Namen “R3” ist heute die Stille-Medizin der Wahl. Ungefähr 8,5 km sind zu bewandern, also perfekt für einen sonnigen Vormittag in kontemplativer Einsamkeit für das Hundetier und mich.

Start ist an der Wiedhalle in Roßbach und meine Hundefreundin scharrt schon erwartungsfroh mit den Wanderpfötchen. Der erste Kilometer führt durchs Dorf, hier kommt der höfliche “Silent hiker” an sich erstmal nicht um den ein oder anderen gemurmelten Morgengroß oder ein wohlwollendes Kopfnicken herum, aber in den ersten Minuten muss sich mein Hirn ohnehin meistens erstmal ein bisschen einsortieren…”Warmschweigen” sozusagen.

Nach etwas mehr als einem Kilometer schraubt sich der Weg hinfort von Asphalt und Wohnhäusern über beschauliche Waldpfädchen in Richtung des (zumindest in der Region) berühmten “Roßbacher Häubchens”. Die Natur hat auch hier eine Frühlingsexplosion durchlaufen und betört mit sattem Grün und buntem Blümchenbouquet. Mein Hirn atmet auf. So lob’ ich mir das. Natur pur, Geräuschearmut, ein fröhlich vorwegwuselndes Hundetier. ein laues Windchen, glitzernde Sonnenstrahlen – und sonst nix und nottisch. Die Welt hält ihre Fresse und das ist gut so.

Ohne Roßbacher Häubchen? Ohne mich!

Den GPS-Track für diese Route habe ich mir auf der offiziellen Wiedtal-Touristikseite heruntergeladen und bin der roten Linie auch bis zum 4. Kilometer höchst artig gefolgt. Aber just an dieser Stelle scheint sich der rote Faden einen Scherz mit mir erlauben zu wollen: Aus unerfindlichen Gründen möchte mich der Weg hier doch glatt am Roßbacher Häubchen vorbeilotsen wollen – aber nicht mit mir, meine Wiedtalherren! Das wäre ja, als würde man eine Touristengruppe in Köln am Dom vorbeischleusen und ihnen die größte Sehenswürdigheit vorenthalten wollen.
Renitent verlasse ich also den rechten Weg und stapfe eskortiert von bemoosten Basaltbrocken in Richtung des sonnigen Aussichtspunktes. (Wer ortunskundig ist und es mir nachtun möchte, findet meinen eigenen GPS-Track HIER!) Auch hier finden wir einen großen Sack voll Stille, Landschaftsidyll, mächtig schöner Aussicht und jeder Menge “Leckmischinnetäschissdasschönhier!” vor. Verzückt mampfe ich mein Frühstücksbrötchen mit Blick auf das malerische Wiedtal, das sich geschmeidig vor meinen Netzhäuten ausgebreitet hat. Das Hundetier kartographiert unterdessen konzentriert das örtliche Hasenfährten-Wegenetz. Ist schließlich auch wichtig.

Die rote Linie auf meinem GPS-Display ist nach der Vesperpause fix wiedergefunden und wir schlendern munter weiter im Text. Bereits jetzt fühle ich mich aber-sowatt-von! erfrischt an Körper und Geist und lasse meine Gedanken unbeaufsichtigt links und rechts schweifen.

“Ich muss unbedingt meine Steuererklärung machen. Hach, wie schön die Ginstern blühen. Was kribbelt denn da in der Nase, kommt der Heuschnupfen? Wovon soll ich bloß Heidis nächsten Herzultraschall bezahlen? Oh, Vergißmeinnicht, wie entzückend. Mein Nacken tut weh, ich glaub’ der Rucksack sitzt falsch. auf. Aua, ein Stein im Schuh. Ach, hier geht’s links. Rechts der Weg wäre auch aber schön gewesen…”

Diverse Gedankenzüge rauschen vorbei und ich lasse sie mir einfach nonchalant am Allerwertesten vorbeigehen. Der Hirnkasten hat einfach mal Pause.

“Silent hiking” – kein Trend, kost’ nix und für jedermann geeignet

Ich bin ganz sicher, gäbe es irgendein moderndes Zubehör, teure Kurse oder Gadgets an eine willige Käuferschaft zu bringen, dann wäre “Silent hiking” garantiert der neueste Trend auf dem Wellness- und Sportlermarkt. Am Ende würden vielleicht sogar ganze Horden Entspannungswilliger in überteuerten “Silent-hiking-Funktionsklamotten” mit Vergißmeinnicht-Aufdruck schweigend durch die Wälder stapfen und in die Botanik glotzen, angeführt von achtsamen Stille-Gurus in Leinenhosen und kernigen Waldwegescouts.

Am Ende des Weges glitzert mein Auto in der Sonne, Heidi Herrlich hüpft nochmal fix in die Wied, meine Körper- und Hirnzellen geben standing ovations und sind wieder ein bisschen bereiter für das tägliche Umweltkarussell.
Stille ist der neue Punk.
Echt jetzt.

R3 – Rund um Roßbach mit Hund

Der knapp 9 km lange Rundkurs ist optimal für eine kleine Wanderung mit einem gesunden, fitten Hundetier und überall gut zu begehen. Der Weg ist allerdings “arm an Bächlein” – zu Beginn des Marsches kann der Hund in der Wied und nach knapp 1,5 km nochmal in einem Bach süffeln. Danach kommt keine plätschernde Hundebar mehr, deswegen sollte man unbedingt Wasser für den Pelzfreund mitnehmen.


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[mohrwandern] Traumschleife Hasenkammer – Filz im Forst und feine Pfade

Es gab eine Zeit, da hätte ich mir für läppische 10 Kilometerchen gar nicht erst die Laufschuhe angezogen, geschweige denn Schusters Rappen gesattelt.  Aber Zeiten ändern sich, und so quietsche ich vor Entzücken, als ich bei einer Facebook-Freundin zauberhafter Fotos von einer “wunderbaren, trailigen, einsamen Traumschleife” angesichtig werde. Vor allem das Wort “einsam” lässt mein inneres Orchester zum jubilierenden “Freudeschönergötterfunken” aufspielen. Denn so sehr ich mich auch über den Frühling freue, sein akkustischer Kollateralschaden in Form von Grillparty-Geplärre, Kindergebrülle und Radiogeblöke zerrt gerade mächtig an meinem maroden Nervenkostüm.

Traumschleife Hasenkammer” heißt das landschaftsschöne Kind, misst 10,4 km und hat 450 Höhenmeter im Gepäck. Und so mache ich mich an einem freien Frühlingsmontag maximalvorfreudig mitsamt dem Hundetier auf den Weg ins ca. 40 Minuten entfernte Boppard. Auch hier hätte ich vor Jahren noch spöttisch gegrinst – 40 Minuten Anfahrt für schlappe 10 km Strecke, wie albern!
Aber wie gesagt.
Zeiten ändern sich.

‘It has to start somewhere’  – Los geht’s auf der grünen Wiese!

Die als Startpunkt ausgewiesene Kirmeswiese Herschbach ist dank Navi fix gefunden und wird auch gleich vom Hundetier als Outdoor-Toilette eingeweiht. Die Wiese würde wohl auch ausreichend Parkplätze für ganze Wanderhorden bieten, aber dankenswerterweise ist meine Blechkutsche erstmal das einzige Auto weit und breit. Einsamkeit ahoi – und los geht das!

Die Traumschleife startet flach und idyllisch durch derzeit noch kahle, aber sicherlich ganz bald reichlich blühende Streuobstwiesen. Aller Beschaulichkeit zum Trotz fühle ich mich gleich ein wenig gemaßregelt, denn die putzige kleine Leiter in den Obstbaum biegt sich unter einem fast überdimensionalen Hinweisschild “Klettern verboten!”, und wenige Schritte weiter schreit der Aufdruck “Privatgrundstück! Betreten verboten!” meine Netzhäute an. Nun denn, ich will ja weder in Obstbäumen rumklettern noch Privatgrundstücke betreten, sondern marschieren und TO!-TAL!  einsam sein. Fröhlich stapfen wir voran und folgen den verlaufsicher angebrachten pinken Hinweisschildern. Nach etwas mehr als einem Kilometer werden wir vom Feld in den Wald gesaugt und über zauberhafte Singletrails gelotst.

“Ist das Kunst oder kann das weg?”

Nach einem weiteren Kilometer bietet sich ein bizarrer Anblick: Offensichtlich durfte sich hier vor einer Weile eine Handvoll “Künstler” kreativ austoben und ihre mehr oder minder interessanten Werke am Wegesrand in die Baumwipfel hängen. Die Filzgebilde scheinen aber inzwischen ein wenig in die Jahre gekommen zu sein, und so erinnern die halbzerfetzten, schmutzigen und teilweise vermoosten Gebilde eher an ‘Blair Witch Project’ als an das, was sie laut Infotafeln darstellen sollen. Der ‘Schmetterling des Lebens’ zum Beispiel hängt so schlapp und schmuddelig in den Seilen, dass ich mich frage, wie dann wohl erst ein ‘Schmetterling des Todes’ aussehen mag. Filzige Baumgeister grinsen mit offenen Mäulern auf uns herab, und einen ehemaligen ‘Drachen’ hat’s wohl so schlimm erwischt, dass sein moribunder Körper nur noch zur Hälfte in einer Astgabel hängt und der umliegende Boden mit schmutzigen Innereien aus Wolle bedeckt ist.

Als bekennende Kunstbanause ringt mir dieses Szenario nur ein spießiges “Was’n komischer Scheiß!” ab und wir suchen flugs das Weite, welches wir auch gleich hinter der nächsten Kurve in Form von breiten Waldwegen mit Aussicht finden. Und – fürs Protokoll – bis dato sind wir keiner einzigen Menschenseele begegnet und meine Ohrmuscheln wurden ausschließlich von Vogelgezwitscher und dem emsigen Trippeltrappel von 4 Hundepfotn beglückt. Herrlich ist das. Nach ein paar Kilometern gesellt sich zum Vogelkonzert noch ein idyllisches Bach-Rauschen und wir nutzen die Gelegenheit für ein gemütliches Trinkpäuschen – ich aus der Pulle, das Hundetier aus dem Bach.
Auf Täler folgen ja zumeist Höhen, und so schraubt sich die Traumschleife alsbald wieder nach oben – auch hier: Stille, Einsamkeit und wunderschöne Pfade. Es könnte kaum besser sein.

Kraxeln, Klettern und Klimmen!

Nach etwas mehr als 6 Kilometern wird es spannend: Wir nähern uns der “Udenhausener Schweiz”, einem leicht bröckeligen schmalen Felsrücken, der links und rechts des schmalen Pfades ziemlich gruselig in die Tiefe zeigt und sowohl mir wie auch dem Tier ein wenig Kletterei abverlangt. Hier sollte man unbedingt Trittsicherheit, feste Schuhe und Pfotengrip mit im Gepäck haben, wird dafür dann aber auch mit grandioser Aussicht und einem Hauch von Nervenkitzel und Abenteuerfeeling belohnt. Leicht zittrig manövriere ich meinen höhenängstlichen Korpus über den schmalen Grat, während das Hundetier geschickt und schon leicht ungeduldig vorantänzelt. Das ist wohl der Preis für die Wandersfraueneinsamkeit – wenn ich hier abrutsche und mir das Genicke breche, findet mich vermutlich wochen- wenn nicht gar MO!-NA!-TE!-lang niemand. Zum Glück ist mein Hund versiert in der Hasenjagd und könnte sich vermutlich mühelos alleine im Udenhausener Umland durchschlagen. Dennoch beschließe ich erstmal vom Genickbruch abzusehen. Schließlich bin ich schon bis Kilometer 7 gekommen, da will ich auch wissen, wie es weitergeht.

Und es geht weiter, mit einem kleinen Stück über einen breiten Waldweg, einem Schlenker über ein weiteres plätscherndes Bächlein in schmuckem Singletrail-Rahmen, später dann über weites Feld und sattgrüne Wiesen. Das Hundetier lässt seine rosa Zunge im Wind flattern und ich bin schwerst beeindruckt, wieviel verschiedene Landschaftsbilder und Wegsorten sich doch in gerade mal schlappe 10 km packen lassen. Hier werden tatsächlich alle Sinne satt.

Als wir am Auto ankommen, zeigt das “Mensch-O-Meter” immernoch eine dicke NULL an. Kein Mensch, kein Kind, kein Rind unterwegs.
Mehr kann man sich für einen Wandertag wirklich nicht wünschen – findet auch das Hundetier und lässt alsbald ein zufriedenes Schnarchen vom Rücksitz aus vernehmen.

Mir hat hier tatsächlich kein einziger Kilometer gefehlt – auf den 10 km haben wir soviel gesehen und erlebt, das gibt’s woanders manchmal noch nicht mal auf der doppelten Streckenlänge.


‘Traumschleife Hasenkammer’ mit Hund

Für jeden normalfitten, wanderfröhlichen Hund ist dieser Weg ein Riesenspaß. Allerdings ist die kraxelige Passage der Udenhauser Schweiz nicht ganz unknifflig, hier sollte das Hundetier entweder ohne Leine laufen können oder kein allzu dolles Zugpferd sein. Bei nassem oder gar schneeglattem Wetter würde ich von diesem Weg allerdings abraten, das wäre mir selbst ohne Pelzträger an der Leine zu abenteuerlich.

Reichlich Wasser zum Schlabbern und Erfrischen fürs Wandertier gibt es nach 3,5 und ca. 7,8 km. Trotzdem empfiehlt es sich, zusätzlich Wasser für “zwischendurch” mitzunehmen, gerade an warmen Tagen.

Und hier kommt auch der einzige Knackpunkt für Hundewanderer: Einige Passagen gehen übers freie Feld oder breite, schattenlose Waldwege. An sonnigen Tagen sollte man eher in den frühen Morgenstunden losmarschieren, um vor der Mittagshitze wieder zurück zu sein, zumal, wenn man – wie ich – mit ‘nem älteren herzgeschädigten Pelzträger unterwegs ist.

Wir hatten das Glück, dass es zwar sonnig, aber bedeckt war, sonst wäre es manch’ hübschen, aber hitzigen Stellen für meine kleine “Herzkönigin” vermutlich doch etwas anstrengend geworden.


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[mohrwandern] S.O.S! Guter Vorsatz in Not!

Als ich mich an diesem jungen Januarmorgen von meiner Schlafstätte erhebe, stoße ich beim Aufstehen mit dem rechten Fuß gegen etwas Weiches auf dem Boden. Ein leises, kraftloses Röcheln dringt an mein Ohr, und auch der linke Fuß fühlt nun ein schlaffes gummiartiges Etwas an der großen Zehe. “Was in Dreiteufelsnamen…?” Als ich das Licht anknipse, bietet sich meinen müden Netzhäuten ein wahres Schlachtfeld auf dem Holzboden: Da liegen sie, alle meinen guten Vorsätze fürs neue Jahr, saft- und kraftlos und schon fast vergessen. “4-Liter-am-Tag-Trinken” lugt vertrocknet wie eine alte Dörrpflaume unter dem Papierstapel für die Steuererklärung hervor, und “Ganz-viel-Sport” windet sich in Krämpfen zwischen den alten Socken. “Mehr-Gemüse-und-Obst” fächelt sich mit hochrotem Kopf erschöpft Luft zu und auch “Weniger-Internet-mehr-Bücher” liegt in den letzten Atemzügen. “Viele-schöne-Dinge-erleben” winkt mir noch einmal schlapp zu und bricht entkräftet zwischen meinen verstaubten Laufschuhen zusammen.

Als ich das Ausmaß der Tragödie erfasse, schwanke ich zwischen Entsetzen und Scham. Wir schreiben gerade mal den 9. Januar und alle meinen ach!-so-guten Vorsätze liegen bereits im Sterben. Wie jämmerlich.

Aber noch ist Polen nicht verloren, denn in den schlappen Vorsatz-Soldaten zu meinen Füßen glimmt offensichtlich zumindest noch ein kleiner Funke Leben – und so beschließe ich umgehende Reanimations-Maßnahmen. Mein Teilzeitjob hat mir heute einen freien Tag beschert, der Herzmann hat ebenfalls frei und es regnet ausnahmsweise mal keine Bindfäden – perfekte Voraussetzungen für eine schöne Wanderung im Umland also. Mit etwas Glück könnte ich damit “Ganz-viel-Sport” und auch “Viele-schöne-Dinge-erleben” an den Tropf hängen und neue Kraft einhauchen.

Gesagt, getan – sicherheitshalber kippe ich mir gleich noch ein großes Glas Wasser in den Kopf und stopfe ein Äpfelchen hinterher, damit zumindest “4-Liter-am-Tag-Trinken” und “Mehr-Gemüse-und-Obst” bis zu meiner Heimkehr durchhalten. “Weniger-Internet-mehr-Bücher” hat noch recht rosige Wangen, weil ich mir just gestern noch ausnahmsweise die Nacht mit einem spannenden Thriller um die Ohren gekloppt habe. Dieser Vorsatz überlebt sicher noch ‘ne Weile ohne neues Futter.

Wir entscheiden uns für unseren Familienausflug nach kurzer Überlegung unter Berücksichtigung des hochwassergefluteten Umlands für das Traumpfädchen “Sayner Aussichten” und stapfen los. Das Hundetier springt fröhlich mit untermüdlichem Wedelschweif vorweg und nach den ersten Anstiegen bemerken wir anerkennend, dass die herzkranke und grauschnäuzige Heidi-Dame über deutlich mehr Ausdauer und Energie verfügt als wir beiden Zweibeiner. Selbstredend spricht das NUR für den unerschöpflichen Lebenswillen und die Quirligkeit des Tieres (und für die guten Herzmedikamente) –  und nicht etwa für unseren desolaten Fitnesszustand. Selbst!-redend!

Zauberhafte Aussichten und albernes Gekicher reiht sich in strammem Schritt dicht an dicht mit “Och, jetzt GUCK’ doch mal wie SÜSS die Heidi ist!”-Ausrufen, und meine moribunden Vorsätze bekommen nach und nach wieder glitzernde Äuglein. Im Anschluß an die Wanderung verspachteln wir einen großen Pott Linsenbolognese, der immerhin Möhren und Sellerie enthält und somit Mr. “Mehr-Gemüse-und-Obst” ein paar neue Stützrädchen verpasst.

Später am Nachmittag reißt plötzlich die Wolkendecke auf, die Neuwiedropolis seit Wochen in trübes Grau versenkt hat, und entlässt ein Heer von Sonnenstrahlen in die Botanik. “Ganz-viel-Sport” räkelt sich gestärkt auf seinem Chaiselongue und winkt mir fröhlich zu. Naja – morgen steht ja wieder Arbeit auf dem Programm und nach so ‘nem langen, turbulenten Tierheim-Tag bin ich meistens zu müde und brummschädelig für ein Feierabend-Läufchen *). Da könnte ich doch durchaus heute schon ein wenig Futter in die Vorsatz-Vorratskammer schaffen und die Laufschuhe schnüren.

Gesagt, getan. Nach einer flotten halben Stunde durch den abendlichen Forst widerstehe ich jedoch dem Impuls, mir umgehend 4 Liter Gemüsesaft in den Magen zu kippen und die Stunden bis zum morgendlichen Weckerklingeln mit einem Lesemarathon zu verbringen. Man muss ja auch noch was für den Rest des Jahres übriglassen.

*) An dieser Stelle gleich einen charmanten Gruß an diejenigen, die es kaum erwarten können, bei einer solchen Aussage ihr übliches “Also, ICH arbeite ja mindestens 14 Stunden am Tag, versorge danach noch meine 10 Kinder und den Haushalt, baue noch flott 2-3 Häuser, rette die Welt und schaffe es TROTZDEM, jeden Tag noch 25 km zu laufen. Wo ein Wille, ist es auch ein Weg. Man muss es NUR wollen!” abzudrücken…geschenkt! Ich freu’ ich mich für jeden, der derart strukturiert, organisiert und energiegeladen ist und alles unter einen Hut bekommt. Wirklich. Nur – ICH schaff’s halt oft nicht. Und da ändert auch so’n selbstbeweihräucherndes Geblubber leider nix dran.


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