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“Waldlaufen” – Der Zaubertrank im Kellerkessel

Photo by Shangyou Shi on Unsplash

Stellt euch mal vor, in eurem Keller stünde ein großer Kessel gefüllt mit einem köstlichen Zaubertrank. Und zwar nicht nur irgendso ein Lala-Zaubertrank aus dem Magie-Discounter , der “eher so mittel” schmeckt und “ganz okay” wirkt – sondern ein richtig mächtiger, hochwirksamer Trunk, der euch mit jedem Schluck monstermäßige Energie liefert und einen Sack voll gute Laune und das grandiose Gefühl, unbesiegbar zu sein. Und nach und nach, je länger man ihn schlürft, zuverlässig sämtliche Alltagsmalaisen wie Nacken- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Nervosität in Wohlgefallen auflöst. Das Einzige, was ihr tun müsstet, um aus dem köstlichen Kessel schlürfen zu können, wäre den Hintern von der Couch zu hieven und über eine Wendeltreppe runter in den Keller zu klettern. Wäre es da nicht außerordentich dämlich, trotzdem träge auf dem Sofa zu parken, Chips zu futtern und den Zaubertrank im Kessel verschimmeln zu lassen?
Schön doof, eh?
Tja, bei mir vergammelt in diesem Metapherkessel der Zaubertrank mit Namen “Waldlauf” schon seit einigen Jahren im dunklen Erinnerungskeller unfröhlich vor sich hin. Nicht selten habe ich bei mir gedacht, dass ich das Gebräu doch einfach wegkippen sollte, weil’s ja doch nur Platz in der Hirnstube wegnimmt und im Weg steht- aber andererseits weiß ich ja nun nur allzu gut um besagte Zauberkräfte der Tinktur. Und so bin ich immer mal wieder aufs Neue die Treppe runtergeklettert, hab’ die Nase in den Kessel gesteckt, bin ein paar Mal durch den Wald gelaufen und war jedes Mal aufs Neue empört von meiner eigenen Dämlichkeit, Trübsal-Blasen auf der Couch diesem phantastuösen Trank vorzuziehen. Bis dann ein paar Tage später wieder der Gang in den Keller aufs Neue vie-hiiiiiiel zu anstregend war und Psychokirmes und Alltag die Kellertür aufs Neue verriegelt haben.

Nun war es also mal wieder so, dass der Zaubertrank schon eine ganze Weile in seinem Kessel vor sich hindümpelte (“Neuer Job, zuviel um die Ohren, Psychokirmes, viel zu müde, Knieschmerzen, ach ja, aber morgen ganz bestimmt…”) , als der großartige Sascha Rupp mit seinem Podcast “Wie alles begann” Erinnerungen an alte, nicht minder großartige Zeiten wachrüttelte. Und so erhob ich mich ächzend und knarzend von dem plattgelegen Sofa, streckte die maroden Knochen und stieg die knarzende Wendeltreppe zum Keller hinab. “Waldlaufen” – was ist das doch für ein magisches, wunderbares, köstliches Getränk. Her mit der Schöpfkelle und ab in den Hals damit!

Ganz ehrlich unter uns geflüstert – ein bisschen rührt mich mein naiver Optimismus selbst schon an, mit dem ich seit Jahren zum dreihundertzwölfzigsten Male “jetzt aber ECHT mal!” wieder angefangen habe zu laufen. Am liebsten würde ich mir selbst den Kopf tätscheln und gönnerhaft “Aber sicher, mein Kind” murmeln. Aber – jetzt fange ich WIRKLICH wieder an. Und diesmal….klappt’s bestimmt!

Beinahe wäre mein hehres Laufvorhaben allerdings heute bereits im Vorfeld daran gescheitert, dass weder Forerunnerin, noch Handschuhe noch Kopfhörer zu finden waren – aber nach einer Weile wildem Gewühle und ein paar mehr oder weniger jugendfreien Flüchen lande ich am Ende doch bemützt, belaufschuht und ready-to-rumble im heimischen Forst. Rauhreif glitzert auf den Ästen, die Sonne lacht sich scheckig und taucht die Atmosphäre in goldglänzendes Morgenlicht und ich grinse zufrieden vor mich hin. Noch keinen einzigen Schluck vom Zaubertrank geschlürft und schon glücklich. Läuft.

Photo by Emma Simpson on Unsplash

Methaporisch gesehen sind die ersten Schlückchen aus dem Kessel immer ein wenig beschwerlich…das Schlucken bereitet ganz schön Mühe, die Tasse ist zu schwer und liegt irgendwie nicht richtig in der Hand und der warme Trunk schaukelt im Magen unangenehm hin und her. Aber da laufe ich einfach drüber weg. Bin ja schließlich inzwischen Zaubertranksanfänger-Profi. Ha!

Und tatsächlich lässt die Wirkung auch diesmal nicht auf sich warten. Nachdem ich eine Weile (gefühlt) lockerleicht und bambigleich über den wunderbar weichen Waldboden geflitzt und über Baumwurzeln gehüpft bin, füllt sich mein Körper langsam aber sicher mit Glück. Zufriedenheit. Begeisterung. Ich recke meine Nase in die Sonne und fühle mich aber sowatt! von in meinem Element, dass ich am liebsten Bocksprünge und Flicflacs machen würde.

Nach etwas über 6 km komme ich maximalzufrieden am Auto an, schüttele meine maroden Knochen, grinse schwitzig in die Botanik und nehme mir fel!-sen!-fest vor, diesmal aber wirklich dranzubleiben, an der Sache mit der Waldlauferei.

Aber – diesmal WIRKLICH!

Rock’n Roll, meine Damen und Herren.
Darauf ‘ne Kelle Zaubertrank!


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