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montagsmohr – Wie man Selbstzweifel in Grund und Boden quasselt

selbstzeifelObwohl ich im Grunde meines Verstandes absolut felsenfest davon überzeugt bin, einer der tollsten, schönsten, schlauesten und charakterfestesten Menschen dieses Universums zu sein, nisten im staubigen Keller meines Geistes nun schon seit über 40 Jahren ziemlich fiese kleine Dämonen mit dem uncoolen Namen “Selbstzweifel”. Egal, welches Projekt oder welche Aufgabe ich mir auch im Laufe des Lebens auf die Fahne geschrieben habe – sobald sich mir die erste Hürde zwischen die Füße wirft, fallen mich diese perfiden Biester aus dem Hinterhalt an, um mich mit hämischem Hohngelächter, langer Nase und „Du kannst das doch eh nicht!“, “War doch klar, dass das nix gibt!” und „Du bist ‘ne Pfeife, nänänääää!“-Geschrei zu drangsalieren. Gerade in jüngeren Jahren haben mich diese Mistviecher dermaßen schnell und effizient entmutigt, dass ich nicht selten bereits beim ersten Stolperstein alles hingeschmissen und mich heulend darin bestätigt gesehen habe, dass ich halt schlicht und ergreifend ‘ne Niete bin. Eine Niete, die nix kann und nix wird und nix drauf hat. Und dreimal schwarzer Kater.

Blöderweise habe ich ja unpassend dazu ständig neue Ideen und Pläne, und da sind diese ständigen Quälgeister im Kopf wirklich eine Plage – und so habe ich mir im Laufe der Zeit eine Art Koexistenz mit den vermaledeiten Selbstzweifeln angewöhnt. Die Mistviecher kommen zwar regelmäßig aus ihren dunklen Löchern und sägen penetrant am Ego-Thron, aber wenn ich einfach nicht hinhöre und mich bemühe, die Schmähgesänge zu ignorieren, kann ich mich schon einigermaßen passabel durchs Dasein manövrieren. Das Ganze hat so ein bisschen Ähnlichkeit mit einer grottenhässlichen Tapete im Lieblingszimmer – irgendwann gewöhnt man sich dran, einfach nicht so genau hinzugucken. Trotzdem ist die Tapete immer da.

Affirmationen? Was ist das denn für’n Eso-Quatsch?!

Dennoch ist ja auch konsequentes Ignorieren eine Form von Aktivität und somit eben halt anstrengend. Als ich mich 2012 für den Rennsteiglauf angemeldet habe, schien mir mal eine Änderung der Taktik vonnöten und so bin ich auf der Suche nach Methoden zur Stärkung, Umprogrammierung und/oder fulminanten Neugestaltung meines Egos in den Weiten des Internets ziemlich fix über das Schlagwort „Affirmationen“ gestolpert. Affirmationen, so lernte ich, sind sowas wie Lebensformeln, die positive Dinge anziehen sollen und „Wirklichkeit schaffen“ können. Das klassische „Alles wird gut“-Gefasel also. Huah. Meine innere Esotherik-Warnklingel begann zwar gleich, extrem hektisch zu schellen und rot zu leuchten, hielt mich aber nicht davon ab, mich näher damit zu befassen. Man sollte ja grundsätzlich immer aufgeschlossen sein, Eso-Bimbam hin oder her. Und wenn ich eh schon dabei war, konnte ich neben den Selbstzweifeldämonen dann auch das peinlich berührte “Also, ich WEISS ja nicht, das klingt schon arg hippie-yoga-mässig”-Gefühl ignorieren. Geht ja in einem Abwasch.

Ich las und lernte, dass Gedanken im Allgemeinen und positive Affirmationen im Speziellen das Unterbewusst derart bestärken und beeinflussen können, dass durch eine Änderung der inneren Einstellung fortan nur noch gute Dinge im Leben angezogen werden. Wenn ich mir also in Bezug auf den Rennsteig konsequent und mit Nachdruck einrede, dass ich 72 km lockerflockig auf einer Arschbacke laufen kann, wird mein Unterbewusstsein durch diesen Affirmationsdauerbeschuss irgendwann so bestärkt dass auch mein Verstand diese irrsinnige Aussage glauben und für bare Münze halten wird. Positive Gedanken ziehen also positive Ereignisse an, negative Gedanken eben nicht. Klingt ja im Grunde einleuchtend, wenn auch irgendwie’n bisschen einfach. Aber positiv Denken schadet zumindest schon mal nicht, für den Anfang.

Strickanleitung für das passende Affirmationsgerüst

Nachdem ich meiner inneren Eso-Warnklingel ein paar Urlaubstage auf den Kanaren spendiert hatte, machte ich mich zugegebenermaßen etwas zögerlich daran, die für meine Situation passenden Affirmationen zu stricken. Mangels Erfahrung im Unterbewusstseinsumprogrammierungsbereich hielt ich mich dabei ganz folgsam an die im Buch beschriebenen Regeln. Demnach sollten Affirmationen nämlich immer in der Gegenwartsform benutzt werden. Mit Sätzen wie „Ich werde das Ziel in Schmiedefeld erreichen“ oder „Ich möchte die 72 km schaffen“ kann das Unterbewusstsein scheinbar genauso wenig anfangen wie mit Verneinungen á la „Ich werde nicht aufgeben“ oder „Ich will keine ängstliche, winselnde Bangbüx mehr sein“. Die Anweisungen sollten dabei so präzise und unmissverständlich wie möglich formuliert werden. Kam mir im Grunde ja auch sehr entgegen, warum sich mit irreführendem Geschwafel aufhalten?

In der Selbstheilungsszene steht wohl scheinbar Dankbarkeit und Selbstliebe ziemlich hoch im Kurs, zumindest bin ich ständig darüber gestolpert. Aber watteweichharmonische Sätze wie „Ich bin dankbar für meinen starken schönen Körper und vertraue liebevoll auf meine göttliche Ultralauffähigkeit“ würde ich selbst untergrößter mentaler Kraftaufwendung und einer halben Flasche Rum nicht über die Hirnrinde bringen. Also entschied ich mich nach kurzem Grübeln für die schlichten Formeln „Ich bin eine starke und ausdauernde Ultraläuferin“ (höre ich Gekicher auf den billigen Plätzen?) und „Ich kann 75 km mühelos und fröhlich laufen“. (Da ich nicht wusste, wie präzise so eine Affirmation wirkt, habe ich mir sicherheitshalber noch 3 km als Puffer obendrauf gelegt, sicher ist sicher.) Mein Verstand kicherte zwar höchst amüsiert in sich rein und feixt „Das glaubste doch wohl selber nicht, Frollein!“ als ich mein neues Motivations-Mantra in Schönschrift auf Papier pinselte, aber laut Lehrbuch hat der Verstand bei dieser Sache hier sowieso erstmal nix zu melden. Die Affirmationen sind fürs Unterbewusstsein bestimmt, und das hat wohl die Neigung, alles was man ihm mit Nachdruck eintrichtert kritiklos und folgsam anzunehmen.
Und wehe, wenn nicht.

Nun denn, mit dieser Sammlung garantiert hochwirksamer Glaubenssätze waren jetzt also
sozusagen meine Trainingsgeräte fertig, jetzt ging’s ans mentale Sporteln. Es reicht ja nicht, sich diese Sätze fein säuberlich aufzuschreiben und dann in der Schublade neben den Harry-Potter-Hörbüchern verstauben zu lassen – ich musste sie meinem oftmals recht begriffsstutzigen Geist auch vehement und mit Nachdruck einbläuen.

Heute ist ein guter Tag zum…äh…Affirmieren!

Die beste Zeit dafür ist – laut Lehrbuch – morgens nach dem Aufwachen oder abends kurz vor dem Einschlafen, weil da der bewusste Verstand noch oder schon auf Sparflamme läuft und man somit die Affirmationen am besten an der „Abteilung für Logik“ vorbeischmuggeln und direkt ins Unterbewusstsein einschleusen kann. Wie man dabei vorgeht, bleibt wohl den eigenen Vorlieben überlassen. Im Buch wurde vorgeschlagen, sich die Sätze innerlich aufzusagen, laut auszusprechen oder gar zu singen. Ferner kann man sie täglich morgens neu aufschreiben oder laut von bereits bestehenden Zetteln ablesen, als Bildschirmschoner einrichten, sich selbst per E-Mail schicken, an die Zimmerwände oder die Innenseite der Autowindschutzscheibe malen oder sich großflächig in Farbe auf den Bauch tätowieren lassen.

Da ich dieser Methode der Selbstbewusstseinsbestärkung allerdings nach wie vor ein wenig
verhalten gegenüberstand,  mussten die Praktiken „Auswändiglernen und bei jeder Gelegenheit unauffällig vor sich hinbrabbeln“ und „Morgens und abends lautstark gedanklich rumplärren“ für erste genügen. Da solche Wort wohl teilweise erst nach 100x Aufsagen/Plärren/Singen/Lesen irgendeine Form von Wirkung zeigen (hängt davon ab, wie stark die Widerspenstigkeit des eigenen Unterbewusstseins ausgeprägt ist), kann man auf jeden Fall nicht früh genug damit anfangen und seine Leitsätze auch gar nicht oft genug runterspulen.

„Ich bin eine starke und ausdauernde Ultraläuferin“

Im Schutze der Dunkelheit meiner abendlichen Bettstatt begann mein Gehirn zaghaft mit „Ich bin eine starke und ausdauernde Ultraläuferin“. Die Worte kamen mir nur schwer über die Hirnzellen und innerlichst peinlichst berührt zog ich mir genierlich die Bettdecke über mein errötetes Haupt. „Starke Ultraläuferin, my ass. Was glaubste eigentlich, wer Du bist, Frollein?“ Mein Verstand wurde von Lachkrämpfen geschüttelt, warf Konfetti und amüsierte sich köstlich.

Glücklicherweise wird in der Affirmations-Gebrauchsanweisung mehrfach darauf hingewiesen, dass es gerade am Anfang vollkommen schnurz ist, ob man selbst daran glaubt, was man da so vor sich hinfaselt und herunterbetet. Man sollte einfach so gut wie es eben geht versuchen, den Vernunftsgegenspielern so wenig Beachtung wie möglich zu schenken und die Glaubensätze einfach immer wieder mit Nachdruck wiederholen. Irgendwann kommen die schon im Unterbewusstsein an, beißen sich fest und machen die Vernunft mundtot. Und mit nerviger Penetranz habe ich ja glücklicherweise im allgemeinen wenig Probleme, also weiter im Text – „Ich kann 75 km mühelos und fröhlich laufen“
Das Ganze leierte ich fortan täglich morgens und abends und auf dem Weg zur Arbeit im Auto vor mich hin – und ganz egal, was man von diesen Methoden hält oder nicht…am Ende bin ich nach 72 km in Schmiedefeld ins Ziel gelaufen.
Ohne Dämonen im Schlepptau.
Die hab’ ich nämlich mundtot affirmiert.

ziel
Und ihr so? Heute schon affirmiert?


Nachtrag: Natürlich lassen sich tiefsitzende Selbstzweifel nicht einfach so innerhalb kürzester Zeit totquatschen und natürlich lassen mich die Viecher auch heute noch nicht komplett in Ruhe, wie man an der Gegenwartsform der obigen Einleitung erkennen kann. Aber mittlerweile halte ich konsequent dagegen. Weil ich nämlich eine total starke und ausdauernde Ultraläuferin bin.
Unter anderem.

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