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[mohrgedanken] How to be good – oder “Mutter Teresa in Ausbildung”

“Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest,
der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.”
(Mutter Teresa)


Mehr noch als ein “Superläufer”, “Vegankochsuperstar” oder “Wander-Role-Model” versuche ich immer wieder, so ein richtig, richtig guter Mensch zu werden. Einer von der Sorte, der immer hilft wo er kann, Freunde und andere Mitmenschen öfter mal mit kleinen Gesten oder Geschenken erfreut und stets ein aufmerksames Auge für die Probleme seiner Mitmenschen hat.
Jemand der Sonne in die Welt bringt. Sowas eben.
Genau so einer wäre ich gerne.

In der Realität verdrehe ich allerdings meistens total entnervt die Augen, wenn mich jemand um Hilfe bei einem Umzug bittet oder fragt, ob ich mal ein paar Tage auf die Katze aufpassen kann. Es kann auch durchaus vorkommen, dass ich innerlich laut stöhne, wenn mir jemand von seinen Sorgen erzählt und mein hirneigenes Ego-Monster “Muss ich mich eigentlich um JEDEN Scheiß kümmern?” flucht, statt aufmerksam zu lauschen und tröstende Taschentücher anzureichen. Meistens vergesse ich Geburtstage oder sonstige Ehrentage  – und wenn ich tatsächlich mal ein kleines Geschenkchen oder eine Postkarte ershoppe, um damit einem lieben Menschen ‘ne Freude zu machen, vergesse ich die Sachen oft unter dem Autositz und finde sie erst nach Monaten wieder. Was mich aber nicht davon abhält, es zumindest immer wieder zu versuchen. Ist wie beim Laufen. Man muss halt dranbleiben beim Training.

Derzeit wird ein lieber Freund von mir von seiner Arbeitsstelle regelrecht aufgefressen, mit stressigen 12-14-Stunden-Tagen und unplanbaren Feierabenden. Als ich an jenem Abend im Supermarkt stehe und mir die Zutaten für mein Abendessen zusammenraffe, denke ich so bei mir, dass es doch eine bewunderswert großherzige Geste wäre, wenn ich heute einfach mal für ihn mitkoche. Momentan sind nämlich Fertiggerichte und Frustfraß-Süßkram seine einzige Nahrungsquelle.  Da wird doch so ein frischer Pott Linsenbolognese wie ein Geschenk des Himmels daherkommen und Balsam für Seele und Magen sein. Also – da kann er jetzt aber schon froh sein, dass er so ‘ne herzensgute fürsorgliche Freundin wie mich hat, finde ich.

Während ich so am Herd stehe und vor mich hinköchele, freue ich mich schon wie Bolle auf die Überraschung und bewundere mich selbst mächtig für meine Fürsorglichkeit. Vor meinem inneren Auge umgibt mich ein schillernder Heiligenschein. Mutter Teresa ist ein Mückenschiss gegen mich, damit das klar ist.

Ich entsende kurze eine “Meld’ dich mal kurz, wenn du Feierabend machst”-Nachricht auf das Smartphone meines gebeutelten Freundes, schaufele mir eine große Portion des fertigen Linsengerichts auf den Teller und mampfe selbstverliebt vor mich hin. Hach. Lecker. Das wird ihm schmecken. Und gut tun. Was bin ich doch für eine Bilderbuch-Freundin.

Als eine halbe Stunde später noch keine Antwort eingeht, tunke ich erneut den Löffel in die noch warme Bolognese. Hach, lecker. Noch’n Löffelchen für Mutti, ein Löffelchen für Vati…die meinem Kumpel zugeteilte Portion wird immer kleiner, je mehr Zeit vergeht – aber man soll ja eh so spät abends nicht mehr so viel essen, das liegt nur schwer im Magen und behindert den Nachtschlaf.  Und es ist doch die Geste, die zählt.

Als kurze Zeit später mein Handydisplay blinkt und “Hab’ jetzt Feierabend und bin auf dem Weg nach Hause, was ist denn?” verkündet, bin ich gerade dabei, den letzten Rest Bolognese aus dem Topf zu kratzen. Beschämt zucke ich zusammen und beanworte die Nachricht mit einem knappen “Wollte dir nur ‘nen schönen Abend wünschen. Halt’ die Öhrchen steif!”, garniert mit einem motivierenden Zwinkersmiley. “Danke, das ist lieb” folgt prompt. Wenn der wüsste. Zum Glück weiß er nicht.

Peinlich berührt von meinem Versagen in Sachen Hilfsbereitschaft stelle ich den ratzeputz leergefressenen Pott der Schande in die Spülmaschine. In Sachen Guter-Mensch-Sein ist bei mir wohl noch mächtig viel Luft nach oben.

Ich bleib’ dran.