Archiv für den Monat: September 2014

Mühsam nähert sich das Eichhörnchen

Ich habe schon länger die Vermutung, dass ich in Kondtionskreisen nicht gerade als angenehme Gesellschaft gelte – denn gerade meine eigene Fitness nutzt jede noch so kleine Laufmangelgelegenheit, um möglichst schnell möglichst weit von mir wegzukommen. Vielleicht verströme ich auch für Konditionsnasen einen widerlichen Geruch oder der Klang meiner Stimme verursacht Konditionszahnschmerzen, man weiß es nicht….Fakt ist: Sobald ich die regelmässige Herumlauferei auch nur ein klitzekleines bißchen schleifen lasse, ist meine Ausdauer ratzfatz unter der Couch verschwunden und lässt sich weder mit Leckerchen noch Schmeicheleien wieder hervorlocken.

Da ich zum einen für meinen zügig nahenden 39. Geburtstag einen 39 km-Lauf geplant habe und sich auch zm anderen ein 24-Stundenlauf nicht komplett ohne Training absolvieren lässt – und Körper und Geist ohnehin sehnlichst nach Ertüchtigung in Wald und Wiese lechzen – habe ich für den heutigen frühlingshaften Samstag einen Geburtstagslauf-Streckencheck geplant. Darüber, dass sich  der Ruppinator mitsamt Traildog Bonni als Begleitung erbötig gemacht haben, freue ich mir mehrere kinderkopfgrosse Löcher ins mittlerweile recht schwabbelige Bäuchlein und nach dem üblichen “Was haste zum Essen dabei? Meinste 34 Oatkings reichen?” geht’s auch schon los in den morgendlich frostigen Frühlingsnebel.

Die anvisierte Strecke soll ca. 32 km umfassen, was für meine schlappen Gräten alles andere als einen Kindergeburtstag darstellt…aber von nix kommt nix und von gar nix noch viel weniger.

“Brombeeren! Tihihihi!

Ein großer Teil des Weges ist uns noch vom Westerwaldlauf 2013 in lustiger Erinnerung, was allerdings nicht vor mehrfachem Verlaufen durch ungenaue Routenanzeige im Forerunner-Display schützt. Aber so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen und genug zu essen haben wir auch im Sack, also trübt das ein- oder andere sinnlose Berghoch- und Wieder-Runterlaufen die allgemeine Laune kein Stückchen. Meine ungeübten Muskelfasern freuen sich über jeden Anstieg, denn..”am Berg wird gegangen!” Juppheidi, ich liebe diese Regelung, denn Gehen kann ich ganz gut. Gegen Ende der Route versuche ich müd und matt, unauffällig selbst minimalste Hügelchen als “knackige Anstiege” zu deklarieren, aber verständnislose Blicke seitens Hund und Herrchen zeigen, dass man sich flache Passagen nicht wirklich “alpin reden” kann. Und Laufen geht ja meistens doch irgendwie, wenngleich meine Beine doch so langsam das Gefühl von ausbetonierten Brückenpfeilern annehmen. But no one said it would be easy….und eigentlich hatte ich kräfte- und ausdauermässig sogar Schlimmeres erwartet. Am Ende stehen 31,9 km auf der Uhr und mir fällt wieder ein, was ich an Langstreckengeschlurfe im Forst so gerne mag…die totale Hirn-Entspannung und das angenehm schlappe Gefühl an Körper und Geist.

Und als ich maximalermattet, aber höchstzufrieden wieder wohlbehalten zuhause ankomme, sehe ich auf dem Weg zur Dusche aus den Augenwinkeln, wie meine Kondition neugierig unter der Couch hervorlugt. Tja, Verstecken nützt nix. Ich krieg’ dich schon wieder, du Biest.

(Und wenn man das Ganze in Miezenmeilen umrechnet, wären gestern knapp € 330,00 zusammengekommen – da lacht das Katzenherzchen!)

(09.03.14)

Eine Frage der Zeit

“Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen” klugscheissert der Volksmund gerne, und auch wenn es vielen meiner Mitmenschen scheinbar mühelos gelingt, anspruchsvolle Jobs, Familie und ambitioniertes Laufen mit einem Lächeln unter einen Hut zu bringen, bin ich wohl an dieser Aufgabe gerade mit Pauken und Trompeten gescheitert. Ich war ja leider noch nie besonders begabt darin, meine zahlreichen Interessen adäquat zu organisieren, und so ist es mir tatsächlich nicht gelungen, neben dem Job noch gleichzeitig ein Lauf- und ein Vegankochbuch zu schreiben und als erfolgreiche Künstlerin zu brillieren. Teufel aber auch. Für ein paar Artikelchen in verschiedenen Magazinen, ein bißchen Bloggerei und ein paar halbherzige Fotokunstprojekte schien die Zeit gerade so eben zu reichen, um nebenher zumindest so viel zu trainieren, dass ein Ultralauf ohne größere gesundheitliche Folgen laufbar ist.

Doch seit ich mein Herz an die Katzen und in einem Rutsch auch gleich an den örtlichen Katzenhilfe-Verein verloren habe, scheint der Tag von 24 auf 12 Stunden geschrumpft zu sein. Irgendwie scheint immer irgendwas zu tun zu sein, sei es nun Suchmeldungen für vermisste Miezekatzen zu schreiben und zu verteilen, vierbeinige Patienten vom Doktor abzuholen, Passfotos für unsere Webseite zu knipsen oder einfach nur plüschigen kranken Sorgenkindern das Pfötchen zu halten oder unsere Schützlinge durch Spielen und Kuscheln aufzuheitern. Und all das ist absolut großartig und wundervoll und ich bin 100% glücklich darüber, zumindest einen klitzekleinen Teil zum Tierschutz beitragen zu können. Wenn ich schon nicht die Welt retten kann, kann ich wenigstens helfen, für ein paar Katzen ihre persönliche Welt zu retten und das macht irrsinnig viel Spass.

Wenn…ja, wenn nur nicht meine Laufpläne dabei komplett auf der Strecke bleiben würden. Leider fehlt mir bislang das entsprechende Organisationstalent und Zeitmanagement, um neben Job und dem Einsatz für die Miezekatzen auch noch die Laufschuhe in die Botanik zu schwingen. In der Folge fühle ich mittlerweile wie eine klapprige Hundertjährige mit wenig Puste, schwabbeligem Bindegewebe und schlappen, schwachen Ärmchen. Der Bewegungslosigkeit geschuldete Rücken- und Nackenschmerzen tragen auch nicht gerade zum persönlichen Wohlbefinden bei und meinem Hirn und der Psychohygiene bekommt der Sauerstoffmangel auf Dauer auch nicht.

Aber noch ist Polen nicht verloren – als Erstes wird der Rotstift gezückt und sämtliche Buch- und Kunstprojekte bis auf weiteres gestrichen. Macht nur Stress, braucht kein Mensch.

Und mit dem Rest der Zeit wird das alles schon irgendwie gehen. Wenn ich auch momentan noch keine Ahnung habe, wie…aber kommt Zeit, kommt Rat, kommt Lauf.

Ganz bestimmt.

(15.12.13)

Olle Liebe rostet nicht

“Die Liebe kann, wie das Feuer, nicht ohne ständigen Antrieb bestehen;
sie hört auf zu leben, sobald sie aufhört zu hoffen oder zu fürchten.

(Francois de la Rochefoucauld)

Für mein Läufer-Ich war das Jahr 2013 ein wirklich spektakuläres….nicht nur, dass ich die wunderbarsten Laufkumpels der Welt getroffen und die grandiosesten Strecken der Region belaufen habe, ich hab’ mir auch bereits in der ersten Jahreshälfte öfter eine Ultrakerbe in meinen Athletentürrahmen geritzt als Halbmarathonmarken in der gesamten Zeit meines laufsportlichen Daseins.

Doch wenige Wochen nach dem Überfliegen der Rennsteiglauf-Ziellinie geraten mein innerer Laufteufel und und ich nach über 10 gemeinsamen Jahren in eine tiefe Krise. Im Nachhinein betrachtet hätte ich wohl nach dem Rennsteig einfach mal eine Weile Ultrafünfe gerade sein lassen und Seele und Körper baumeln lassen sollen. Stattdessen haben mich die Endorphine umgehenst zu einer Anmeldung beim Pfalztrail genötigt. Statt 72 nun 86 km! Höher! Schneller! Weiter!

Eine gar nicht allzu lange Weile später jedoch, als die Anmeldebestätigung längst in meinem Postfach einstaubt und der Pfalztrail-Trainingsplan schon mit den Hufen scharrt, sitze ich  meinem inneren Laufteufel am Frühstückstisch gegenüber und stelle mit Erstaunen, dass der Typ und ich uns irgendwie so überhaupt nix mehr zu sagen haben. Und das nach all’ den Jahren. Mehr noch, der gehörnte Mistkerl geht mir richtiggehend auf den Sack (metaphorisch gesehen). Nicht nur, dass mir jede Motivation zum Laufschuhschnüren fehlt, ich finde selbst perfekte Läufe auf wunderschönen Sommertrails einfach nur noch zum Kotzen. Aber so richtig.

Nachdem ich bei einem samstagsmorgendlichen Rheinsteigläufchen nach nur 3 mickrigen Kilometerchen beinahe einen Tobsuchtsanfall bekomme bei dem puren Gedanken daran, auch nur noch einen einzigen verfluchten Scheißdreckskilometer weiterlaufen zu MÜSSEN, und wutschschnaubend und frustheulend zurück zum Auto stapfe, komme ich zur traurigen Erkenntis, dass mein innerer Laufteufel und ich wohl mal eine Pause voneinander brauchen. Vielleicht haben wir einfach zu sehr aneinander geklebt in den letzten Monaten – und “alles, was man übertreibt, verwandelt sich in Traurigkeit”. Sagt man ja so. Und wenn ich Laufen nun mal scheisse finde, dann laufe ich halt jetzt nicht mehr. Punkt. So einfach ist das.

In den folgenden Wochen laufe ich also NICHT – und finde es genauso scheisse. Der leere Platz am Frühstückstisch, an dem mein innerer Laufteufel immer seinen Getreidekaffee geschlürft und mit der Zeitung geraschelt hat, starrt mich hämisch an und meine Hirnwindungen quietschen vor lauter Sauerstoffmangel. Hin und wieder lasse ich mich von meinem Laufpartner zu ein bißchen Kurzstreckengerenne überreden, aber der Funke springt nicht über. Es fühlt sich an, als wenn mein allerliebstes Lieblingsgericht…plötzlich nach gar nix mehr schmeckt.

Ganz davon abgesehen, dass mich die fehlende Bewegung körperlich und geistig ziemlich rammdösig macht und meine Kondition so langsam anfängt ihre Koffer zu packen, ärgere ich mich selbst tiefschwarz über meine Dämlichkeit, mir für eine ausgemachte Laufkrise ausgerechnet die letzten sonnigen hellen Tage des Jahres ausgesucht zu haben. Im kalten dunklen Winter lässt es sich doch viel besser herumkriseln. Blödes Gehirn, blödes.

Eines sonnigen Urlaubstages bekomme ich hohen Besuch von Herrn Göricke – eigentlich zu Fotozwecken, aber wenn mal schon mal ‘nen Läufer im Haus hat, dann könnte man ja auch laufen. So ein bißchen Kurzstrecke, zumindest.
In der Forstparfümerie steht schon die Herbstkollektion in den Regalen und erfreut die Nasen mit dem Duft von Morgensonne, frischgeschnittenem Holz, Tannennadeln und feuchtem Herbstlaub. Meine unteren Extremitäten fühlen sich zwar an, als hätte sie jemand mit Blei ausgegossen und auch die Lungenflügel ächzen schwer ob der mittlerweile ungewohnten Betätigung, aber Wald + Jens als kongeniales Duo lenken ganz wunderbar vom Umstand ab, dass ich ja eigentlich gar nicht mehr laufen kann. Mit einer Prise Entdeckerstolz präsentiere ich einige ganz besonders feine Trailperlchen, die ich erst kürzlich im heimischen Gehölz aufgestöbert habe und wir springen über Hügel, durchpflügen wurzelige Trails und  hüpfen über kleine Gräben.

“Ist das nicht grandios hier?” japse ich schnaufend und Jens grinst begeistert. “High-Five!”

Zurück auf der Waldautobahn jammere ich (zum wiederholten Male) darüber, dass ich sowas von empört darüber bin, dass mir mein Läufer-Mojo abhanden gekommen ist und wie doof sich das anfühlt, das mir das Laufen sowas von ü-ber-haupt keinen Spass mehr macht. Dem geneigten Leser wird die Absurdität der Situation vermutlich längst ins Auge gefallen sein und vermutlich wird sich auch Herr Göricke innerlich irritiert am Kopf gekratzt haben, denn Fakt ist: Während ich vor lauter Laufvergnügen fast aus der Bux springen könnte, nöle ich darüber, dass ich Laufen scheisse finde. Bekloppt? Bekloppt.

Aber bei mir fällt der Groschen bekanntermassen oft pfennigweise und so geht mir erst am Abend auf der Couch auf, dass mir der Morgenlauf doch tatsächlich so richtig dolles Vergnügen bereitet hat. Leckofatz!
Und überhaupt…riecht’s hier nicht nach Schwefel? Vorsichtig luge ich in die Küche und sehe dort meinen Laufteufel mit breitem Grinsen vor einer Tasse Kräutertee am Tisch sitzen und mit den Hörnern wackeln.

In den nächsten Tage teste ich zaghaft auf eher gemütlichen Wegen im Herbsthain an, ob das zart flackernde Läuferflämmchen eine realistische Überlebenschance hat, und so langsam beginnt es zu wieder zu lodern. Mein Laufteufel und sind wieder Kumpels. Na dann hopp, zurück ins Unterholz mit ihnen, Madame! Wurzeln! Matsch! Goldenes Herbstlaub! Und Hügel, Hügel! Regen! Heureka!

Es wird wohl noch ein Trailweilchen dauern, bis die Kondition ihre Koffer wieder in meinen Lungenflügeln ausgepackt hat, aber dann…wer weiß. Da draußen im Wald warten noch jede Menge Ultratrampelpfade darauf, von mir belaufen zu werden. Rock’n Roll!

(11.10.13)